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03. Dezember 2016

Weisweil

Im Hofladen mit Jutta Zeisset: Zwischen Hefezopf und Instagram

  1. Jutta Zeisset Foto: Winfried Rothermel

Die Entscheidung fiel spontan. Als die Eltern am Telefon verkünden, dass der Hühnerhof der Familie Zeisset aufgegeben werden soll, zögert Tochter Jutta nicht lange: Sie kündigt ihren Job und kommt zurück in die Heimat. 15 Jahre später stehen vor einem urigen Hofladen nicht nur Kisten mit Äpfeln, Kürbissen und Lauch, auch ein großes Schild, das zum "Folgen" auffordert – bei Facebook, Twitter und anderen Social-Media-Plattformen. Nadine Wahl hat die 36-jährige Business- und Landfrau in Weisweil besucht.
Ein zarter Hauch von Kaffeeduft hängt in der Luft. Noch ist das Café zu, auch wenn Google etwas anderes behauptet. "Man muss da immer hinterher sein", sagt Zeisset, zückt ihr Smartphone, ändert mit ein paar Klicks die im Netz angezeigten Öffnungszeiten. Das Netz im Ort ist ganz passabel, aber hier im Museumscafé Zeisset gibt es kostenfreies WLAN. Schon zeigt Google die richtigen Daten an.

Wo heute Kaffee und Torten verkauft werden, stand früher die Scheune des Hühnerhofs von Doris und Manfred Zeisset. Hier wuchs Jutta Zeisset auf, mitten im 2000-Seelen-Ort Weisweil am Rhein. Sie machte eine Ausbildung zur Gärtnerin in Pforzheim, ohne große Pläne zu schmieden. "Ich lebe nicht im Wenn, sondern im Jetzt", sagt sie und tippt auf ihrem Smartphone. Trotzdem war ihr damals klar: "Irgendwann komme ich zurück."

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2001 kommt der Anruf der Eltern. Jutta Zeisset ist damals 21, Gärtnerin und lebt in Pforzheim. Die Eltern wollen den Betrieb aufgeben und rufen ihre Kinder der Reihe nach an. Die ersten fünf akzeptieren. Dann ist Jutta an der Reihe, die Jüngste. Aufgeben? "Nein, das machen wir nicht", habe sie geantwortet. "Meine Mutter hat aufgelegt", sagt sie und lacht.

Dann geht alles ganz schnell: Jutta Zeisset kündigt, löst ihre Wohnung auf und zieht zurück. Ein neues Betriebskonzept muss her. "Wir haben überlegt: Was braucht man täglich? Was können wir schaffen? Was ist gut zu handhaben?" Aus dem Stall wird eine Backstube. Brot wird zum neuen Eigenprodukt und mit allerlei zugekauften Lebensmitteln mit auf die Touren genommen, mit denen der Vater seit 50 Jahren 600 Haushalte mit den hofeigenen Eiern beliefert.

Mit Backstube und Konditorei eröffnet 2001 auch der Hofladen, der heute schon seit sieben Uhr offen hat. Im Innenhof weht eine verlorene Bäckertüte und dreht sich im Wind. Ab und zu sieht man Kunden vorbeilaufen, mit leeren Händen in die eine, mit vollen in die andere Richtung. In einem der Regale im Laden stehen Glasflaschen mit hofeigenen Backmischungen, außerdem Sirup, Marmeladen und eingelegte Früchte, die aussehen wie selber eingemacht.

Parallel entsteht "Manfreds Haus- und Hofmuseum". Persönlich führt der Senior die Besucher durch die Ausstellung aus alten Arbeits- und Haushaltsgeräten. Als dann immer mehr Gruppen ins Museum kommen, reift die Idee, ein Café zu eröffnen. Die Scheune wird abgerissen, das Museumscafé Zeisset entsteht. Zur Finanzierung tragen Fördergelder der EU bei – "Innovative Maßnahmen für Frauen im Ländlichen Raum".

Aus dem Hühnerhof von damals ist heute ein Business mit 25 Angestellten geworden. Am schwersten falle ihr, sagt Zeisset, am Angefangenen dranzubleiben. "Ich stoße viel lieber neue Dinge an." Seit dem Sommer gibt es keine Verkaufstouren mehr. Dafür haben die Vorträge zum Thema Social Media zugenommen und auch die Aufträge für Web- und App-Design. Sie geht dahin, wo der Markt sie ruft, aber leicht gefallen sei ihr das Aufgeben der Touren nicht. Schon als Vierjährige war sie mit ihrem Vater mitgefahren.

Seit 2009 nutzt Jutta Zeisset Facebook für ihr Unternehmen und findet in den sozialen Medien die Lösung für ihre größte Herausforderung: die Kunden aufs Land zu locken – mit Fotos von Smiley-Gebäck und Videos, die zeigen, wie in der Backstube der Zwiebelkuchen entsteht. Immer mehr Plattformen kamen dazu: Instagram, Pinterest, Twitter, Youtube, GooglePlus, Periscope, Snapchat und die eigene App. Auf einem Tisch im Café steht eine kleine Box, darauf ein blauer Daumen und die Zahl 6703 – Facebook-Likes in Echtzeit. Zeisset lacht und sagt, die älteren Leute fragten öfter, ob das die verkauften Kuchenstückle seien.

Jutta Zeisset ist aber nicht nur Business-, sie ist auch Landfrau – seit 23 Jahren schon. 2014 wurde sie vom Deutschen Landfrauenverband als "Unternehmerin des Jahres" ausgezeichnet. "Die Landfrauen haben 500 000 Mitglieder deutschlandweit – das ist das beste Netzwerk für Frauen", sagt Zeisset. Und: "Die Politik hört auf die Landfrauen." Landfrauen, das sei nicht nur Kuchen backen, Landfrauen stünden "für viel, viel mehr". Dass das kaum wahrgenommen wird, ärgert sie. Denn es gehe darum, dass die Menschen auf dem Land nicht abgehängt werden.

Dass sich Landidylle gut verkauft, das haben auch die Supermärkte entdeckt. Auf dem Smartphone zeigt Zeisset Bilder eines großen Supermarkts: altmodische Wegweiser zu den Abteilungen, die Kosmetikabteilung nennt sich "Beautyfarm". Hofläden müssten sich wahnsinnig bewegen, sagt sie und schnauft. Wer nicht aufpasst, werde abgehängt – auch deshalb engagiert sie sich bei den Landfrauen und für Social Media.

Was auf dem Land besonders fehlt? "Ordentliches Internet", antwortet Zeisset prompt, im Hintergrund stimmt eine Mitarbeiterin energisch zu. Dass es dabei auf die Regionalpolitik ankommt, habe man im Kreis Emmendingen gesehen, der demnächst sein Glasfasernetz selber ausbaut.

Hatte sie in den 15 Jahren irgendwann das Landleben satt? "In meinem Leben noch nicht", sagt sie, lacht und fügt, mit dem Smartphone in der Hand, hinzu: "Ich bin ein Dorfkind – und bleib’s."

Autor: bz