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05. August 2014 09:15 Uhr

BZ-Interview

Kirche im Krieg: "Als junger Priester bedeutete Krieg auch Abenteuer"

Wie sieht der Alltag eines Seelsorgers im Ersten Weltkrieg aus? Was treibt ihn an und wie bringt er Glaube und Krieg zusammen? Freiburger Historiker erforschen das anhand des Tagebuchs des Freiburger Feldgeistlichen Fridolin Mayer.

  1. Nach dem Gebet ins Gefecht: Alltag im Ersten Weltkrieg Foto: Privat

  2. Michael Schonhardt mit dem Kriegstagebuch Fridolin Mayers Foto: Alexander Preker

  3. Yvonne Antoni Foto: Alexander Preker

Über das Tagebuch , über die Kirche im Krieg und die Rolle der Konfession sprach Alexander Preker mit Michael Schonhardt und Yvonne Antoni. Gemeinsam mit Friedrich Dunkel edieren sie die Erinnerungen Fridolin Mayers.

BZ: Schlaflos, aber begeistert zog Fridolin Mayer als Militärgeistlicher an die Front. War das damals typisch für Seelsorger?
Schonhardt: Einige Geistliche waren beim Militär angestellt, doch man merkte rasch, dass ihre Anzahl angesichts des modernen Krieges nicht ausreichte. Deshalb bemühte man sich früh, auch Diözesanpriester für den Fronteinsatz zu gewinnen, was auch gelang. Als solcher zog auch Fridolin Mayer freiwillig in den Krieg. Allerdings ist ,begeistert’ für Mayer und die anderen Feldgeistlichen nicht ganz zutreffend, da gerade sie wussten, was Krieg bedeutet. Schließlich waren sie oft im Lazarett eingesetzt oder bestatteten die Toten. Die Ansicht, dass es richtig und notwendig ist, in diesen Krieg zu ziehen, gab es dennoch auch bei ihnen.

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BZ: Aber Mayer diente sich doch umgehend nach Kriegsausbruch dem damaligen Freiburger Erzbischof als freiwilliger Feldgeistlicher an.
Schonhardt: Das hängt vermutlich damit zusammen, dass er und andere Geistliche, die noch stark vom Kulturkampf um das Verhältnis von Staat und Kirche geprägt waren, sich nun als gute und pflichtbewusste Deutsche beweisen wollten.

Als katholischer Priester gegen das katholische Frankreich

BZ: Wie bringt Mayer Glaube und Krieg in Einklang? Hatte er Gewissenskonflikte?
Antoni: Im Vergleich mit protestantischen Geistlichen fällt auf, dass er ihnen geradezu vorwirft, bloß Frieden zu predigen, was nicht nachgefragt sei. An der Front, schreibt Mayer, wollten die Soldaten vor allem Trost und Motivation. Indem er also ihre Bedürfnisse befriedigt, umgeht er pragmatisch ein Stück weit solch einen Gewissenskonflikt. Und als junger Priester eines Missionsinstituts bedeutete Krieg für ihn sicherlich auch Abenteuer. Doch die Abenteuerlust weicht in dem Moment der Ernüchterung, in dem er im Lazarett steht.

BZ: Mayer ist katholisch, steht aber an der Seite des Kaiserreichs, das überwiegend protestantisch geprägt ist und gegen französische Katholiken kämpft. Wie handhabt der Freiburger Priester diesen Widerspruch?
Schonhardt: Es stimmt, Konfessionen waren damals stärker identitätsstiftend als heute. In Frankreich wird er auch häufig auf seine Rolle als katholischer Priester angesprochen. Er argumentiert im Tagebuch jedoch immer, dass das protestantische Kaiserreich mit dem Krieg den Katholizismus gegen die liberale und laizistische Politik Frankreichs und gegen die Freimaurer verteidige und zieht dabei Traditionslinien von der französischen Revolution bis zum Weltkrieg.

Begegnung mit Hermann Herder

BZ: Lässt sich diese besondere Rechtfertigung Mayers verallgemeinern, etwa für andere katholische Feldseelsorger oder gar für alle Katholiken zu dieser Zeit?
Schonhardt: Für den akademischen Katholizismus ist das durchaus eine wiederkehrende Position, um den Krieg an der Westfront zu legitimieren. Anders als Mayer werden viele Feldgeistliche aber auch in Russland eingesetzt, wo diese Argumentation nicht so einfach ist – dort gibt es keinen vergleichbaren Katholizismus.

BZ: In wieweit lassen sich aus dem Tagebuch insgesamt Rückschlüsse auf die gesamtgesellschaftliche Haltung zum Krieg ziehen?
Antoni: Das Tagebuch spiegelt erst einmal bloß die subjektive Sicht des Autors wieder. Speziell daran ist jedoch, dass das Gros der bekannten Tagebücher aus dem Ersten Weltkrieg von Soldaten stammt und man nun auch Einblick in das Wirken eines Geistlichen erhält. Es wird deutlich, welch großen Stellenwert Religion für die Soldaten damals hatte. Das zeigt sich daran, wie sehr Mayer im Zweiten Weltkrieg beklagte, dass Feldseelsorge unterdrückt wurde. Insofern ergeben sich aus dem Tagebuch zumindest einzelne alltagsgeschichtliche Rückschlüsse für das katholische und bürgerliche Milieu zu dieser Zeit. Schließlich erzählt Mayer etwa auch von Begegnungen mit Hermann Herder und anderen katholischen Intellektuellen im Krieg.

BZ: Was hat Sie bei der Edition des Tagebuchs besonders überrascht?
Antoni: Wie unterhaltsam und lakonisch Mayer Kriegserlebnisse beschreibt. Auch wenn man ihm zugute halten muss, dass die von uns edierte Version die Version ist, die er zehn Jahr später nochmal überarbeitet hat, so ist sie dem Duktus nach sehr nah am Original. Das ist auch der Grund, warum wir das Tagebuch nun zugänglich machen. Denn es behandelt zwar fast nur Erlebnisse in Frankreich, aber es erzählt hauptsächlich von Soldaten aus Südbaden. Wie sie lebten, kämpften und starben. Dabei nennt Mayer häufig Namen. Und wer weiß, vielleicht lässt sich mit der Veröffentlichung noch die ein oder andere Person identifizieren. Auch deshalb stellen wir nun fast täglich Auszüge aus dem Tagebuch online.

Die Herausgeber Michael Schonhardt, 28, und Yvonne Antoni, 28, sind Historiker. Schonhardt arbeitet im Erzbischöflichen Archiv des Erzbistums, Antoni an der Universität Freiburg.


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Autor: Alexander Preker