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17. Juni 2011 00:03 Uhr

Schwarzwald-Baar-Kreis

Linachtalsperre: Eine Staumauer wird zur Theaterkulisse

Der Landwirt Bernhard Dorer hat ein Theaterstück über die Linacher Talsperre geschrieben – und lässt es vor Ort aufführen. Martina Philipp hat ihn im Schwarzwald-Baar-Kreis besucht.

  1. Bernhard Dorer vor der Talsperre bei Vöhrenbach Foto: patrick Seeger

  2. Proben vor einer besonderen Kulisse: Fukushima macht die Stromgewinnung zum aktuellen Thema. Foto: SEEGER

"Den Scheißdreck brauchen wir nicht, wir brauchen keinen Strom." Bernhard Dorer lächelt, während er das sagt. Es sind nicht seine Sätze, er hat sie sich ausgedacht und sie einer Figur seines Theaterstücks in den Mund gelegt. Ein Mann ist es, den Dorer das sagen lässt, und dieser regt sich furchtbar darüber auf, dass der Bürgermeister in seinem kleinen Ort eine Wasserkraftanlage mit Stausee und einer hohen Mauer bauen will. Sogar ein Haus soll abgerissen werden. Unerhört.

Das klingt so, als ob sich das im Jahr 2011 irgendwo in Deutschland abspielt. Das klingt nach Fukushima, nach Antiatom-Stickern, nach Atomausstieg in Deutschland. Und es klingt nach Fragen, mit denen sich die erleichterte deutsche Bevölkerung früher oder später beschäftigen darf – jetzt, da der Strom mittelfristig irgendwo anders her kommen muss. Fragen wie: Könntet ihr noch ein, zwei Windräder auf den Berg vor eurer Tür bauen? Passen da nicht noch ein paar Solarzellen aufs Dach? Wäre nicht eure Gemeinde prädestiniert für eine kleine Wasserkraftanlage da unten im Tal? Die Antwort, man meint sie bereits zu kennen: Vor unserer Haustür? Niemals, wir brauchen den Scheißdreck nicht, wir brauchen keinen Strom.

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Das Theaterstück, das der Landwirt Bernhard Dorer aus dem kleinen Furtwanger Ortsteil Linach vor ein paar Jahren in seinem Arbeitszimmer unter dem Dachfenster geschrieben hat, spielt aber nicht im Jahr 2011, sondern 90 Jahre zuvor, 1921 und es sollte eigentlich gar kein energiepolitisches Stück mit Bezug zur Gegenwart werden. Das ist eher zufällig passiert oder, wie Dorer es formuliert: "Die Aktualität hat uns eingeholt." Auf die Idee zu dem Stück kam Dorer, als vor ein paar Jahren die Nachbarstadt Vöhrenbach alles daran setzte, mit der in den 20er Jahren erbauten Linacher Talsperre, die auf ihrer Gemarkung seit 1969 dem Verfall überlassen war, wieder umweltfreundlichen Strom zu erzeugen.

Noch mehr als für das erfolgreiche Projekt der Gegenwart interessierte sich Bernhard Dorer als Hobbyhistoriker für die Geschichte der Linachtalsperre. Eine ganze Regalwand im Büro des 67-Jährigen ist voll mit Leitzordner. Darin sammelt er alte Bilder, Zeitungsausschnitte, historische Dokumente. "Das liegt in den Genen", sagt er. Schon sein Großvater habe über alle rund 50 Höfe in Linach Aufsätze geschrieben. Bernhard Dorer hat viel nachgelesen über die 20er Jahre im Schwarzwald, es müssen harte Jahre gewesen sein. Der Weltkrieg hatte Spuren hinterlassen, Väter und Söhne waren nicht heimgekehrt, die Industrie kam nur schwer wieder in Gang, der Strom war knapp. Manchmal musste er sogar ganz gesperrt werden, dann standen die Fabriken still. "Wir müssen eigenen Strom machen", hätten sich die Leute gesagt, sagt Dorer und ballt die Faust, als ob er die Entschlossenheit der Menschen von damals spürt.

"Vöhrenbach braucht Strom, hat der Bürgermeister gesagt", ruft auch Erich Straub. Er spielt in Dorers Stück Leopold Läufer, die Hauptfigur, und sitzt an diesem Abend auf der Bühne unterhalb der Linacher Staumauer. Es ist die vorletzte Probe vor der Wiederaufführung an diesem Samstag anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Laienspielgruppe. Vor drei Jahren spielten sie das Stück schon einmal, mit großem Erfolg. "Vöhrenbach braucht Strom", ruft Erich Straub alias Leopold Läufer wieder. Bei ihm klingt es wütend. Läufer ist es schließlich, der mit seiner Familie im sogenannten Dotter-Kathrin-Hisle wohnt, das wegen des Stausees abgerissen werden soll. Straub schnaubt.

Bernhard Dorer steht neben Regisseur Florian Klausmann auf der Zuschauertribüne, dort, wo am Samstag bis zu 1000 Zuschauer Platz nehmen werden. Den Charakter Leopold Läufer habe er als "Polterer" angelegt, beim Schreiben des Drehbuchs habe er darauf achten müssen, ihm ja nichts Feinfühliges in den Mund zu legen. Dorer hat das Stück im Furtwanger Dialekt der 20er Jahre geschrieben, neugierig heißt "wunderfitzig" und weinen "bläre". Anfangs ist Dorer immer wieder der Laptop abgestürzt, bis einer seiner Söhne herausfand, dass das Rechtschreibprogramm vor dem Dialekt kapitulierte.

In dem Stausee versank
auch ein Wohnhaus.

Das Dotter-Kathrin-Hisle gab es vor dem Stauseebau wirklich, die Familiengeschichte drumherum hat Bernhard Dorer erfunden. In dem Stück, für das er den Kulturpreis des Schwarzwald-Baar-Kreises erhielt, geht es um das karge Leben damals, um die Schwarzwälder Eigenheiten, das Leid und die Liebe. Sehr zum Ärger des Vaters, der andere konkrete Pläne hat, verliebt sich die jüngste Tochter in den "blede Hammricher Siegmund" aus dem Nachbarort und will sich am Ende von der Staumauer stürzen.

"Das ist heute schon besser", sagt Bernhard Dorer. Heute ließen sich die Töchter nichts mehr sagen, ergänzt er, der sechs Söhne bekommen hat, "weil ich kein Durcheinander wollte". Dorer hat den Satz sicher schon öfters gesagt, aber er lächelt dabei so verschmitzt, als ob er ihm gerade erst eingefallen ist. Einer seiner Söhne hat mittlerweile seinen Hof übernommen, den er fast 40 Jahre mit seiner Frau betrieben hatte. Auch das Amt des Aufsichtsratsvorsitzenden der Breisgaumilch hat Dorer längst abgegeben. Die Bilder der Landwirte, die aus Wut über den niedrigen Milchpreis ihre Milch ausschütten, wird er so schnell nicht vergessen, auch wenn er sich nicht mehr für sie verantwortlich fühlen muss.

Für das Gelingen seines Theaterstücks fühlt er sich noch immer in der Pflicht. Wenn nur das Wetter hält, sagt er, und genug Zuschauer kommen. Vor drei Jahren seien es 5000 gewesen und der Andrang so groß, dass die mehr als 100 Mitwirkenden spontan noch eine Aufführung dranhängten. "Heute habe ich Leute getroffen, die meinten, sie würden wieder kommen", erzählt Dorer dem Vöhrenbacher Bauamtsleiter Matthias Neininger während der Probe. Der nickt beruhigend. "Schön wär’s, wo uns doch Vöhrenbach für sieben Millionen Euro so eine schöne Kulisse hingestellt hat", ergänzt Dorer lächelnd und schaut die Staumauer hinauf.

Infos zum Freilichttheater unter www.stauseetheater.de

Autor: Martina Philipp