"Merkwürdig blass"

Otto Schnekenburger

Von Otto Schnekenburger

So, 30. Dezember 2018

Südwest

Der Sonntag Andreas Kirchner über Silvester, den Papst, nach dem der letzte Tag des Jahres benannt ist.

Wer heute Silvester hört, denkt vermutlich an Feuerwerk und knallende Sektkorken, vielleicht auch an seine gute Vorsätze für das neue Jahr. Seinen Namen hat der morgige letzte Tag des alten Jahres aber von einem Papst aus dem vierten Jahrhundert.

Im Jahr 335 starb Papst Silvester I., aus dem Todestag wurde sein Namenstag. Dass dieser Namenstag zum Synonym für den bevorstehenden Jahreswechsel geworden ist, hat der damalige Bischof von Rom auch der Tatsache zu verdanken, dass Namenstage bis weit ins 20. Jahrhundert hinein noch eine weit größere Bedeutung hatten als heute. Wobei aufgrund unterschiedlicher Kalender-Zählweisen einst und heute der Todestag von Silvester teils gar nicht der letzte Tag des Jahres war. Anfang und Ende des Kirchenjahres weichen außerdem von Anfang und Ende des Kalenderjahres ab. Auch hat das kalendarische Jahresende für die Kirche eigentlich keinerlei theologische Bedeutung.

Mit Christenverfolgungen und der Etablierung des Christentums wird der Name Silvester I. mitunter in Verbindung gebracht. Dies wird dokumentiert in der "Konstantinischen Schenkung", die aber längst als Fälschung entlarvt ist. Nach ihr soll Silvester den kranken Kaiser Konstantin geheilt haben und im Gegenzug soll der den Westteil des Römischen Reiches der Kirche zur Verwaltung anvertraut haben. Nun wurde mit der "Mailänder Vereinbarung" bereits 313, also noch zwei Jahre vor Amtsantritt von Silvester, den Christen bereits das Praktizieren ihres Glaubens ermöglicht. Auch dieses Edikt ist für Andreas Kirchner, der als Theologe für den interdisziplinären Sonderforschungsbereich "Muße" der Uni Freiburg arbeitet, aber nur Teil einer längeren Entwicklung : "Die sogenannte Konstantinische Wende zieht sich über das gesamte vierte Jahrhundert, dazu gehören auch unter den Söhnen und Erben Konstantins erfolgte Veränderungen."

Aber was war das Motiv für die Einstellung der Christenverfolgung? Resultierte sie aus einer Einsicht oder war sie schlicht dem Pragmatismus geschuldet? Ja, es werde immer wieder darüber gestritten, ob sich Konstantin zum Christentum bekannte oder vor allem aus aus politischem Kalkül handelte, so Kirchner. Die christlichen Schriftsteller dieser Zeit verklärten dies, sie berichten von einer christlichen Vision am Vorabend der von Konstantin gewonnenen Schlacht an der Milvischen Brücke, die ihn nachhaltig beeindruckt habe. "Fest steht, dass das Christentum über drei Jahrhunderte hinweg mit viel Argwohn behandelt und als staatsgefährdend immer wieder verfolgt wurde", holt Andreas Kirchner aus. All dies habe nichts gebracht, das Christentum breitete sich sogar weiter aus. "Von daher liegt es nicht so fern, in einer Annäherung an die Christen ein Kalkül zu vermuten", sagt Kirchner. "Aber das ist reine Spekulation."

Interessant ist für ihn, dass Silvester, obwohl sein ganzes Pontifikat unter Kaiser Konstantin fällt, merkwürdig wenig überliefert ist. "Wir wissen heute von keiner Begegnung mit Konstantin, wir wissen überhaupt so gut wie nichts über diesen Mann. Er bleibt für die Forscher sehr blass, wir haben auch keinerlei Nachlass." Auch Erwähnungen bei Augustinus, dass Silvester sich vor seiner Papstzeit in der Diokletianischen Christenverfolgung "bewährt habe", seien mit Vorsicht zu genießen. Vielleicht sei es als Reaktion auf solche fehlenden Überlieferungen auch zur Legendenbildung mit der Konstantinischen Schenkung und in deren Folge zur Heiligenverehrung gekommen, das sei ein bekanntes Muster in der Kirchengeschichte, mutmaßt Kirchner. Sein Fazit: "Er bleibt in einer ganz bedeutsamen Zeit für die Kirchengeschichte wenig greifbar." So war er nicht beim Konzil von Arles 314 dabei, auch nicht beim große Bedeutung besitzenden ersten ökumenischen Konzil der Kirche in Nicäa bei Istanbul im Jahr 325. "Er soll zwei Priester hingeschickt haben und seine Abwesenheit wurde – immerhin zu einem Zeitpunkt, zu dem er noch zehn Jahre lang weiter als Papst im Amt blieb – hinterher mit seinem fortgeschrittenen Alter begründet."

Immerhin fällt die Erbauung der ersten Peterskirche in Rom wahrscheinlich ebenfalls in das Pontifikat von Silvester. "Das muss man allerdings vor allem Konstantin zuschreiben", urteilt Kirchner. Er sei Geldgeber und Ermöglicher in einer Zeit des Wandels gewesen. "Dass Kirchen als prächtige Kulträume öffentlich gebaut wurden, war etwas ganz Neues."

Schließlich gilt Silvester noch als der Schutzpatron der Haustiere, der zudem angerufen wird, wenn es um eine gute Ernte geht. "In einer solchen Einteilung wird die lebenspraktische Relevanz deutlich, die der Glauben in vergangenen Jahrhunderten hatte." Oft hatte dies etwas mit dem Leben der Person zu tun, etwa beim als Brückenheiligen verehrten Johannes Nepomuk, der einst von einer Brücke gestützt wurde. "Wir mögen über einen Schutzpatron der Haustiere lächeln, aber für die Menschen, die von ihren Haustieren noch abhängig waren, hatte das eine hohe Relevanz", so Kirchner. "Sie wussten noch genau, wen sie in welcher Notlage anrufen mussten, etwa den heiligen Antonius, wenn sie etwas verloren hatten."