Schwenningen gedenkt der stillen Helden

Michael Zimmermann

Von Michael Zimmermann

Do, 21. Juni 2012

Südwest

Unter Einsatz ihres Lebens beherbergten sie verfolgte Juden oder schleusten sie in die Schweiz.

Schwenningens Evangelische Kirche ehrt derzeit in einer Gedenkwoche ihre "stillen Helden". Sie gaben Juden Zuflucht in Zeiten der Naziverfolgung. Säle der Gemeindehäuser werden nach einigen benannt und Namenstafeln angebracht. Die Helfer machten Schwenningen unter anderem zur Schleuse in die Schweiz. Begünstigt wurden die Taten durch ein politisches Klima in der damals größten Uhrenstadt der Welt, die auch von Juden als Geschäftspartnern lebte.

Mutige folgten ihrem Gewissen – unter "eigenem Verzicht und Gefahr", wie Vikarin Margarete Hoffer erinnerte. Der Versuch, Juden über die Grenze zu "schmuggeln", drohte stets durch Zuträger des NS-Systems entdeckt zu werden. Auf "Judenbegünstigung" stand KZ.

Manche Schwenninger nahmen jüdische Flüchtlinge auf. So konnten sie im Alten Pfarrhaus mitten in der Stadt bei Gotthilf und Dore Weber untertauchen, deren Söhne aber in der Schule unter Druck gesetzt wurden. Der spätere OB Hans Kohler etwa beschaffte falsche Pässe. Von einem Pfarrhaus zum nächsten wurden Juden weitergereicht oder beim Grenzübertritt in die Schweiz begleitet.

In der Johannesgemeinde bei Pfarrfrau Lotte Kurz schlupften manche unter – und bei Margarete Hoffer. Im Paulusgemeindehaus riskierten Pfarrer Richard W. und Anne Schäfer unter den Augen führender Nationalsozialisten das Äußerste, wenn sie Juden Schutz boten. Zu diesen gehörte der Berliner Neurologe Hermann Pineas und seine Frau Herta, die Wiener Opernsängerin Margarethe Sterneck unter ihrem Decknamen Anni Czerny. Als sie sich beim Luftangriff am 22. Februar 1945 aus Angst vor Entdeckung das Leben nahm, bewies Schäfer Mut: Mit Hilfe Max Kaisers von der Behörde beerdigte er sie unter falscher Identität.

Auch Fabrikantenfamilien finden sich im Kreis der "Gerechten unter den Völkern", so der Uhrenhersteller Edwin Haller oder Lydia Benzing aus der Familie der Schuh-Müller. Denn Handlungsspielräume gab es durchaus. Polizeiamtsvorstand August Keller etwa nutzte sie: Einen jüdischen KZ-Flüchtling deklarierte er zum "Westarbeiter"; er überlebte.