Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

05. März 2014

Erbe

Uni Freiburg gibt in der Kolonialzeit geraubte Schädel zurück

Freiburgs Uni gibt 14 in der Kolonialzeit geraubte Schädel zurück.

  1. Gedenkstunde: Eine Delegation aus Namibia nimmt in Freiburg 14 Schädel aus der Alexander-Ecker-Sammlung in Empfang. Foto: Thomas Kunz

Auf dem Weg zum Rednerpult macht Jerry Ekandjo einen kleinen Abstecher. Er verbeugt sich vor dem Tisch, auf dem, verborgen unter der bunten Flagge Namibias, geschlossene Behälter stehen – doppelt geschützt vor dem Blitzlichtgewitter von rund 20 Fotografen. Jerry Ekanjo ist Minister für Jugend, Nationales, Sport und Kultur in Namibia. Er gehört zur Abordnung der namibischen Regierung, die gestern nach Freiburg kam. In einer Zeremonie gab die Universität 14 menschliche Schädel zurück, die zu Kolonialzeiten aus Namibia geraubt wurden.

Der einzige Moment, an dem die Fotografen eine Pause einlegen, ist ein Moment der Stille: Schweigeminute für die Opfer – Gedenken an rund 80 000 Frauen, Männer und Kinder, die zwischen 1904 und 1908 von deutschen Kolonialtruppen in "Deutsch-Südwestafrika", dem heutigen Namibia, ermordet wurden, unter anderem, als Aufstände der Herero – einer der Ethnien in Namibia – niedergeschlagen wurden. In der Folge der Kolonialverbrechen gelangten Schädel der Opfer nach Deutschland. Die Schweigeminute ist ein kleiner Versuch, den Opfern ihre geraubte Würde wiederzugeben. Uni-Rektor Hans-Jochen Schiewer äußert "tiefes Bedauern" angesichts der Geschichte seiner Universität. Die Opfergruppen in Namibia wünschen sich allerdings eine offizielle Entschuldigung der deutschen Regierung, verbunden mit der Bereitschaft zu Wiedergutmachungszahlungen. Daran ist bisher nicht zu denken, bei der ersten Übergabe von geraubten Schädeln in Berlin war es deswegen im Herbst 2011 zu einem Eklat gekommen. Jetzt in Freiburg ist das nicht möglich, hier fehlt die politische Vertretung.

Werbung


Doch Chief Immanuel Gaseb, der Vertreter der traditionellen Gruppen, appelliert an das Verständnis für die Forderungen nach Entschuldigung und Entschädigung. Und Jerry Ekjando fordert alle Institutionen in Deutschland auf, sich den Vorreitern in Freiburg und Berlin anzuschließen und zu überprüfen, ob bei ihnen geraubte Relikte lagern.

Nach dem Termin in Freiburg reist die Gruppe weiter nach Berlin, an der Charité findet eine zweite Übergabe statt. Am Donnerstag fliegt die Abordnung nach Namibia, für Freitag ist in Windhoek eine Zeremonie im Parlamentsgarten geplant. Danach kommen die Schädel an einen sicheren Ort. Was langfristig mit ihnen geschieht, ist noch nicht entschieden. In Namibia ist das Interesse an den Kolonialverbrechen groß, betonen alle Redner. In Deutschland dagegen ist die Auseinandersetzung damit erst in den Anfängen – das gilt auch für Freiburg. Dabei gibt es hier zahlreiche Bezüge, die größte Auflistung dazu findet sich auf der Homepage "Freiburg postkolonial" des Freiburger Sozialwissenschaftlers Heiko Wegmann. Ein prominentes Beispiel ist das Grab von Theodor Leutwein, dem einstigen Gouverneur von "Deutsch-Südwestafrika", auf dem Hauptfriedhof.

An der Universität hatte der Anthropologe Alexander Ecker 1857 seine Schädel-Sammlung begonnen, später leitete der für sein Interesse an "Rassenkunde" berüchtigte Arzt Eugen Fischer die Alexander-Ecker-Sammlung. Er hatte enge Kontakte zu den Kolonialtruppen und war bestrebt, die Sammlung zu vergrößern. Wie viele Schädel kamen damals in Freiburg an, auf welchen Wegen wurden sie beschafft? Darum hatte sich jahrzehntelang niemand gekümmert. Sie lagerten vergessen und versteckt in der 1370 Schädel umfassenden Sammlung des Uni-Archivs. Ein großer Teil dieser Schädel aus den unterschiedlichsten Ländern hat fragwürdige Hintergründe. Als 2010 Neville Gertze, der Botschafter Namibias, nach Freiburg kam, beauftragte die Universität die Anthropologin Ursula Wittwer-Backofen zu erforschen, welche Schädel aus Namibia stammen. Im Herbst 2011 lagen die Ergebnisse vor – 14 Schädel stammen von Herero, Damara und Nama – das sind drei Ethnien unter mehreren in Namibia.

Erklär's mir: Wer sind die Herero?

Afrika ist ein großer Kontinent. Dort leben mehr als eine Milliarde Menschen, es gibt über 50 Länder und viele verschiedene Stämme. Dazu gehören auch die Herero, sie sind ein Hirtenvolk. Die Mehrheit von ihnen – insgesamt sind es heute etwa 120 000 – lebt in Namibia, im Südwesten Afrikas. Dorthin kamen Ende des 19. Jahrhunderts auch deutsche Siedler. Sie unterdrückten die Herero und beuteten sie aus. Darum kam es 1904 zu einem Aufstand der Herero, dieser aber wurde vom Deutschen Reich brutal niedergeschlagen: Schätzungen gehen davon aus, dass 80 Prozent der Herero getötet wurden. In diesem Zuge kamen auch einige Schädel von Herero wie auch von anderen Volksgruppen in Namibia nach Deutschland. Es ist ein spätes, aber gutes Zeichen, dass diese Schädel nun zurückgegeben werden.  

Autor: gil

Autor: Anja Bochtler