Erbe

Uni Freiburg gibt in der Kolonialzeit geraubte Schädel zurück

Anja Bochtler

Von Anja Bochtler

Mi, 05. März 2014

Südwest

Freiburgs Uni gibt 14 in der Kolonialzeit geraubte Schädel zurück.

Auf dem Weg zum Rednerpult macht Jerry Ekandjo einen kleinen Abstecher. Er verbeugt sich vor dem Tisch, auf dem, verborgen unter der bunten Flagge Namibias, geschlossene Behälter stehen – doppelt geschützt vor dem Blitzlichtgewitter von rund 20 Fotografen. Jerry Ekanjo ist Minister für Jugend, Nationales, Sport und Kultur in Namibia. Er gehört zur Abordnung der namibischen Regierung, die gestern nach Freiburg kam. In einer Zeremonie gab die Universität 14 menschliche Schädel zurück, die zu Kolonialzeiten aus Namibia geraubt wurden.

Der einzige Moment, an dem die Fotografen eine Pause einlegen, ist ein Moment der Stille: Schweigeminute für die Opfer – Gedenken an rund 80 000 Frauen, Männer und Kinder, die zwischen 1904 und 1908 von deutschen Kolonialtruppen in "Deutsch-Südwestafrika", dem heutigen Namibia, ermordet wurden, unter anderem, als Aufstände der Herero – einer der Ethnien in Namibia – niedergeschlagen wurden. In der Folge der Kolonialverbrechen gelangten Schädel der Opfer nach Deutschland. Die Schweigeminute ist ein kleiner Versuch, den Opfern ihre geraubte Würde wiederzugeben. Uni-Rektor Hans-Jochen Schiewer äußert "tiefes Bedauern" angesichts der Geschichte seiner Universität. Die Opfergruppen in Namibia wünschen sich allerdings eine offizielle Entschuldigung der deutschen Regierung, verbunden mit der Bereitschaft zu Wiedergutmachungszahlungen. Daran ist bisher nicht zu denken, bei der ersten Übergabe von geraubten Schädeln in Berlin war es deswegen im Herbst 2011 zu einem Eklat gekommen. Jetzt in Freiburg ist das nicht möglich, hier fehlt die politische Vertretung.

Doch Chief Immanuel Gaseb, der Vertreter der traditionellen Gruppen, appelliert an das Verständnis für die Forderungen nach Entschuldigung und Entschädigung. Und Jerry Ekjando fordert alle Institutionen in Deutschland auf, sich den Vorreitern in Freiburg und Berlin anzuschließen und zu überprüfen, ob bei ihnen geraubte Relikte lagern.

Nach dem Termin in Freiburg reist die Gruppe weiter nach Berlin, an der Charité findet eine zweite Übergabe statt. Am Donnerstag fliegt die Abordnung nach Namibia, für Freitag ist in Windhoek eine Zeremonie im Parlamentsgarten geplant. Danach kommen die Schädel an einen sicheren Ort. Was langfristig mit ihnen geschieht, ist noch nicht entschieden. In Namibia ist das Interesse an den Kolonialverbrechen groß, betonen alle Redner. In Deutschland dagegen ist die Auseinandersetzung damit erst in den Anfängen – das gilt auch für Freiburg. Dabei gibt es hier zahlreiche Bezüge, die größte Auflistung dazu findet sich auf der Homepage "Freiburg postkolonial" des Freiburger Sozialwissenschaftlers Heiko Wegmann. Ein prominentes Beispiel ist das Grab von Theodor Leutwein, dem einstigen Gouverneur von "Deutsch-Südwestafrika", auf dem Hauptfriedhof.

An der Universität hatte der Anthropologe Alexander Ecker 1857 seine Schädel-Sammlung begonnen, später leitete der für sein Interesse an "Rassenkunde" berüchtigte Arzt Eugen Fischer die Alexander-Ecker-Sammlung. Er hatte enge Kontakte zu den Kolonialtruppen und war bestrebt, die Sammlung zu vergrößern. Wie viele Schädel kamen damals in Freiburg an, auf welchen Wegen wurden sie beschafft? Darum hatte sich jahrzehntelang niemand gekümmert. Sie lagerten vergessen und versteckt in der 1370 Schädel umfassenden Sammlung des Uni-Archivs. Ein großer Teil dieser Schädel aus den unterschiedlichsten Ländern hat fragwürdige Hintergründe. Als 2010 Neville Gertze, der Botschafter Namibias, nach Freiburg kam, beauftragte die Universität die Anthropologin Ursula Wittwer-Backofen zu erforschen, welche Schädel aus Namibia stammen. Im Herbst 2011 lagen die Ergebnisse vor – 14 Schädel stammen von Herero, Damara und Nama – das sind drei Ethnien unter mehreren in Namibia.