Was in Prag passiert, erschüttert Wien

Toni Nachbar

Von Toni Nachbar

So, 30. Dezember 2018

Südwest

Der Sonntag 400 Jahre nach dem Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges rückt die große Chronik des Baslers Matthäus Merian wieder ins Licht.

Toni Nachbar
Eine europäische Katastrophe und für die Deutschen das "große Trauma" vor den beiden Weltkriegen. So deutet der Ideengeschichtler Herfried Münkler in seiner großen vor einem Jahr veröffentlichten Darstellung den Dreißigjährigen Krieg. Das knapp 1 000 Seiten starke Buch des emeritierten Berliner Professors gehört zusammen mit "Die Reiter der Apokalypse" des in Jena lehrenden Historikers Georg Schmidt zu den wichtigsten Publikationen, die in Deutschland anlässlich der 400-jährigen Wiederkehr des Kriegsausbruches im Mai 1618 jüngst erschienen sind. Beim Studium der zahlreichen Quellen, auf die Münkler und Schmidt angewiesen waren, kamen beide an einer imposanten aber angeblich wissenschaftlich immer noch unterschätzten Chronik nicht vorbei, die ein prominenter Sohn der Stadt Basel der Nachwelt hinterlassen hat. Die Rede ist vom Verleger und Kupferstecher Matthäus Merian dem Älteren. Dessen "Theatrum Europaeum" nennt der Konstanzer Professor für Neuere Deutsche Literatur, Nicolas Detering, eine "Meta-Berichterstattung" über den Dreißigjährigen Krieg, die sich aktueller Quellen – Augenzeugenberichte, Zeitungen oder Flugschriften – bediente. Sie war gesamteuropäisch konzipiert. "Merian und seine Autoren waren sich bewusst, dass ein Ereignis auf dem Kontinent hier, sofort auch Folgen anderswo hat", sagt Detering. Im Dreißigjährigen Krieg galt: Was in Schweden geplant wurde, interessierte brennend auch die Franzosen, was in Prag passierte, erschütterte sofort die Wiener Hofburg.

Von Basel nach Frankfurt

Im Spätsommer 1593 als Sohn des Basler Ratsherren Walther Merian geboren, begann sich Matthäus seit seiner frühesten Jugend für Malerei zu interessieren. Sein Elternhaus ermöglichte ihm eine Ausbildung in Zeichnen und Kupferstechen beim Züricher Meister Friedrich Meyer. Das grafische Verfahren des Kupferstiches – mit Hilfe einer Walzenpresse wird auf Papier gedruckt, das auf einer gravierten Kupferplatte liegt – hatte sich im 15. Jahrhundert in Mitteleuropa entwickelt und erlebte im darauffolgenden Jahrhundert seine Blütezeit. Und Matthäus Merian, der seine Lehr- und Wanderjahre von Zürich aus über Straßburg, Nancy und Paris fortsetzte, wurde einer der wichtigsten Vertreter dieser Kunst. Seiner Geburtsstadt Basel hinterließ er als Kupferstich einen vielbeachteten großen Stadtplan, von zahlreichen deutschen Ortschaften und Städten fertigte Merian wertvolle Ansichten an, die sein Hauptwerk "Topographia Germaniae" bilden.

Dennoch gilt zu präzisieren, dass eine Straßenbenennung in der Freiburger Innenstadt sowie der Name der hiesigen Merian-Schule nicht an den berühmten Kupferstecher aus dem 16. Jahrhundert erinnern. Sie würdigen hingegen den ebenfalls aus Basel stammenden Philipp Merian, bestenfalls ein entferntester Verwandter des Matthäus Merian, der als reicher Geschäftsmann in Freiburg einen Wohnsitz besaß und der Stadt sowie sozialen Einrichtungen im 19. Jahrhundert als großzügiger Wohltäter zur Seite stand. Ebenso besteht zwischen der bekannte Basler Merian-Stiftung und dem dortigen Merian-Verlag kein Zusammenhang zu Matthäus Merian dem Älteren.

Gleichwohl gründete der Kupferstecher um 1620 in Basel einen Verlag. Doch damals war Matthäus Merian bereits seit drei Jahren mit Maria Magdalena de Bry verheiratet, Tochter eines erfolgreichen Frankfurter Verlegers. Als dieser 1623 verstarb, übernahm der Basler das am Main florierende Verlagshaus des Schwiegervaters.

Im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation wütete inzwischen längst ein großer Krieg, der 1618 mit einem Aufstand der protestantischen böhmischen Stände gegen den katholischen Kaiser aus dem Hause Habsburg begonnen hatte. In die gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen den von Fürsten geführten Protestantischer Union und Katholischer Liga mischten sich Spanien, Frankreich, Dänemark und Schweden ein. Bis zum Westfälischen Frieden 1648 fanden großräumig zwischen Niedersachsen und Württemberg, zwischen Freiburg und Leipzig, zahlreiche große und blutige Schlachten statt. Mit dem Ruhm der Feldherren Wallenstein, Tilly, Gustav II. Adolf oder Bernhard von Weimar-Sachsen gingen die Gräuel einer kaum zu bändigenden und marodierenden Soldateska Hand in Hand, die Not, Tod, Vertreibung, wirtschaftliche Verwahrlosung und einen beträchtlichen Bevölkerungsrückgang hinterließen.

Vor diesem Hintergrund kam Matthäus Merian in Frankfurt auf den Gedanken, zu einem so bedeutenden und folgenreichen Ereignis wie den großen Krieg, den sowohl Protestanten als auch Katholiken als eine Strafe Gottes empfanden, eine umfangreiche Chronik zu verlegen. Außerdem besaß der Verlag auch eine gewisse Erfahrung mit dieser Art von Publikationen, denn in Frankfurt erschien bereits 1629 eine "Weltchronik", verfasst von Johann Ludwig Gottfried.

So entstand das "Theatrum Europaeum", das von 1635 bis 1738 periodisch publiziert wurde, 21 Bände umfasst und dessen rund 30 000 Seiten dank der Augsburger Universitätsbibliothek mittlerweile im Internet zugänglich sind. "Ein Mammutwerk für die frühzeitliche Geschichte", so Birgit Emich, Historikerin an der Frankfurter Goethe-Universität.

Literaturwissenschaftler Detering, der in Freiburg promoviert und sich mit der europäischen Bedeutung der Chronik eindringlich beschäftigt hat, würdigt ihre Aktualität: "Das Berichtete liegt zeitnah am Geschehen." Merians Rechnung dürfte publizistisch und wirtschaftlich aufgegangen sein: In den politisch sowie konfessionell polarisierten und vom Krieg gezeichneten deutschen Landen bestand ein großes Interesse an Information und in gewissen Kreisen war der Besitz der mit seinen Kupferstichen prächtig gestalteten Bände sogar Prestigesache.

Ein vor wenigen Jahren in Kassel veranstalteter wissenschaftlicher Workshop zum Theatrum Europaeum kam zum Fazit, die Chronik sei bislang noch gar nicht umfassend als historische Quelle wissenschaftlich ausgewertet. "Das kann man durchaus so sehen", sagt Professor Detering, "bedenkt man, dass die letzte Monografie dazu vor hundert Jahren erschien."

Das Europa-Verständnis der Chronik

Jenseits der nicht immer gegebenen Neutralität der eher proprotestantischen und den schwedischen König Gustav II. Adolf verehrenden Autoren – der wichtigste war der aus dem Elsass stammende Lehrer Johann Philipp Abele – bleibt für Detering das gesamteuropäische Konzept das besondere Verdienst der Chronik: "Im Mittelpunkt steht nicht mehr die Welt, das Theatrum Mundi, aber auch nicht mehr nur eine Stadt oder eine Region."

Das Frontispiz des ersten Bandes des Theatrum Europaeum, bei dem das Licht Gottes auf eine Weltkugel fällt, hat den Wiener Historiker Wolfgang Schmale zu der Interpretation inspiriert, dass im Lichtkegel nur West- und Mitteleuropa stehen. Der Süden, Polen sowie ein Großteil Skandinaviens blieben im Dunkeln – für Schmale bereits eine Perspektive auf ein "Europa der Nationen", das gegen die ältere steht, in der Europa bis Anatolien und Nordafrika reicht und somit die gesamte Christenheit umfasse.

Außerdem: Auf dem Frontispiz der Chronik, so Wolfgang Schmale, throne Europa als Königin. Die sie umringenden Figuren, begleitet von Kamel und Elefant, stehen für die anderen Erdteile, die die europäische Überlegenheit akzeptieren.

Diese Sichtweise, entgegnet Literaturwissenschaftler Detering, würde jedoch vom Geiste der Texte in der Chronik nicht getragen: "Diese europäische Überlegenheit spielt darin keine Rolle."