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02. März 2012 10:02 Uhr

Umweltschutz

Windräder stressen das Auerhuhn im Schwarzwald

Das vom Aussterben bedrohte Auerhuhn gerät im Schwarzwald durch den geplanten Ausbau der Windkraft zusätzlich in Bedrängnis. Der Grund: Die seltenen Tiere können die Schatten der Rotoren verwechseln – mit Raubvögeln.

  1. Wenn das Huhn den Rotor für einen Habicht hält Foto: Verwendung weltweit, usage worldwide

Das Auerhuhn hat’s auch nicht leicht. Mal ganz abgesehen davon, dass es von seinem offenbar recht komplizierten Verdauungstrakt dazu genötigt wird, von morgens bis abends zu fressen, und sich nur in lichten Wäldern mit vielen Heidelbeeren und geringen Temperaturen wohlfühlt, ist es hierzulande vom Aussterben bedroht. Nur noch 600 Exemplare gibt es im Schwarzwald, früher waren es Tausende, und jetzt kommen auch noch die Klimaschützer, die etliche Windräder aufstellen wollen. Deren Rotoren(-schatten) könnte ein Auerhuhn womöglich schnell mal mit einem Habicht verwechseln und in Stress geraten.

Viele Gerüchte um das Auerhuhn

Auf den ersten Blick klingt das kurios bis amüsant, auf den zweiten ist die Sache ziemlich verzwickt. Die grün-rote Landesregierung macht schließlich ernst mit dem Ausbau der regenerativen Energien. Bis 2020 soll die Windkraft so flott ausgebaut werden, dass sie zehn Prozent des Strombedarfs deckt. Das bedeutet so viel wie 1000 neue Windräder im Land – und die müssen ja irgendwohin. Genauer gesagt dorthin, wo das Auerhuhn für gewöhnlich unterwegs ist – in die Höhenlagen des Schwarzwalds. Klimaschutz kollidiert mit Artenschutz.

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So war die Atmosphäre mindestens gespannt in dem Hörsaal der Freiburger Uni, in den die Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt (FVA) Baden-Württemberg am Dienstagabend umgezogen war, weil der ursprünglich vorgesehene Raum für die gut 200 Zuhörer zu klein war.

Auerhuhn und Windkraft, zu dem heißen Thema kursierten viele Gerüchte und Falschheiten, sagte Wildbiologe Rudi Suchant von der FVA und stellte zunächst mal die Fakten dar. Demnach ist das Auerhuhn – selbst wenn es in Skandinavien und Russland so zahlreich ist, dass es munter bejagt wird – in Deutschland sowohl nach EU- als auch nach deutschem Naturschutzgesetz eine besonders geschützte Art. So gelte etwa ein Störungsverbot, Ausnahmen dürfen nur gemacht werden, wenn es "zwingende Gründe des öffentlichen Interesses" gibt. Manch einem fiele da spontan eine Windkraftanlage ein. Doch gestört werden dürfen die Tiere laut Gesetz nur, wenn es keine zumutbaren Alternativen – also beispielsweise andere Anlagenstandorte – gibt.

Erschwert wird die Angelegenheit durch zwei Umstände. Zum einen wollen Politiker, Windkraftanlagenbauer und Gemeinden baldmöglichst wissen, wo sie bauen dürfen. Zum anderen gibt es aber noch gar keine wissenschaftlich fundierten Erkenntnisse darüber, inwiefern Windkraftanlagen Auerhühner stressen. Laut Suchant möchte die FVA ein Forschungsprojekt anstoßen, "das dauert aber mindestens fünf Jahre". Was die Wissenschaftler bereits wissen, ist, wo das Tier wie lebt und dass es relativ störungsempfindlich ist. Und da für das Auerhuhn die Gefahr gewöhnlich von oben kommt – ist für die FVA-Forscher davon auszugehen, dass Rotoren auf das Auerwild eine "Scheuchwirkung" haben dürften. Langzeitbeobachtungen an einzelnen Windparks bestätigen diese Annahme laut FVA-Referentin Veronika Braunisch.

Aufgrund dessen, was Braunisch und ihre Kollegen über Brut- und Balzplätze, potentielle Lebensräume und Laufwege des Auerhuhns wissen, tüfteln sie derzeit emsig an einer schwarzwaldweiten Karte, anhand derer Gemeinden und Regionalverbände erkennen können, wo Windkraftanlagen wegen des Auerhuhns völlig unproblematisch, eher problematisch oder ausgeschlossen sind. Im Juni soll die Karte fertig sein. Wichtig war FVA-Leiter Konstantin von Teuffel am Ende der Veranstaltung, dass "wir keine rechtsverbindliche Abgrenzung liefern, sondern eine fachlich-wissenschaftliche Grundlage".

Die brauche man dringend, findet der Landesvorsitzende des Naturschutzbundes (Nabu) Andre Baumann und kritisiert, dass das Auerhuhn im Schwarzwald vor allem deshalb vor dem Aussterben stehe, weil die Forstwirtschaft so dichte und dunkle Wälder geschaffen habe.

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Autor: Martina Philipp