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28. August 2012

Sonnenenergie

Auffanggesellschaft soll Solarpatente sichern

Ökonom Ulrich Blum befürchtet, dass wegen der Pleitewelle in der deutschen Solarbranche Wissen nach China abwandert.

  1. Eine Solarzelle des ostdeutschen Solarproduzenten Q-Cells Foto: DPA

FREIBURG. Deutschland braucht ein Rettungsprogramm für die Photovoltaik – und zwar in technologischer Hinsicht. Diese Meinung vertritt Ulrich Blum, Professor am Institut für Wirtschaftspolitik und Wirtschaftsforschung an der Universität Halle-Wittenberg:  "Wir müssen sicherstellen, dass die Patente der kriselnden deutschen Solarfirmen in Deutschland verbleiben." Vor allem chinesische Firmen haben es auf das Wissen deutscher Solarfirmen abgesehen. So hat zum Beispiel die chinesische LDK Solar jüngst gut 70 Prozent der Konstanzer Firma Sunways übernommen, die chinesische Firma Hanergy kaufte die Dünnschicht-Tochter von Q-Cells namens Solibro.

Weil Blum trotz der schwierigen Situation der Unternehmen gute Chancen für einen Fortbestand der Photovoltaikfertigung in Deutschland sieht, fordert er nun, "die intellektuellen Eigentumsrechte zu retten für Phase zwei der Branche". Lasse man hingegen zu, dass die chinesischen Firmen aus der Insolvenzmasse der Unternehmen die Patente herauskaufen oder aber angeschlagene Firmen samt Patenten billig übernehmen, verliere Deutschland die technologische Spitzenposition in diesem Wirtschaftszweig. Negativbeispiel sei die Computerhalbleiter-Branche, wo zum Beispiel durch die Insolvenz des Chipbauers Qimonda 2009 viele Patente aus Deutschland abgeflossen seien. Die deutsche Solarbranche hat die Brisanz des Themas noch nicht erkannt; der Bundesverband Solarwirtschaft reagiert auf Anfrage nur mit Achselzucken und hat dazu noch keine Position.   Dabei sei die Photovoltaik die einzige Spitzentechnologie, die Deutschland noch habe, sagt Blum. Um sie zu retten, schlägt der Ökonom die Gründung einer Auffanggesellschaft vor, die von der Bundesrepublik oder einer Förderbank – etwa der KfW – mit Geld ausgestattet würde. Diese könne dann die Patente erwerben. Finde eine solche Sicherung des Wissens nicht statt, drohten Anschlussinsolvenzen; bis in die Zulieferbetriebe werde sich der Niedergang der Photovoltaikbranche dann hineinfressen. Gleichwohl, sagt Blum, könne er bei der Bundesregierung zu diesem Thema nur Phantasielosigkeit erkennen.

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Dabei könne man schon mit einem Betrag von einer Milliarde Euro viel erreichen. Der Erwerb der Patente könne auf zwei Wegen erfolgen. Entweder die Auffanggesellschaft kaufe die Rechte im Insolvenzverfahren, wobei der Insolvenzverwalter sie an den Höchstbietenden abgeben muss, was im Bieterwettbewerb die Preise treibt. Eleganter könnte ein anderer Weg sein: Firmen wie Q-Cells haben öffentliche Gelder bekommen, oft versehen mit einer Haltefrist von fünf bis sieben Jahren. Da die Frist oft noch nicht verstrichen sei, hätten die Geldgeber im Insolvenzverfahren Rückzahlungsansprüche in Millionenhöhe. Wandle man diese Forderungen in Eigenkapital um, werde folglich die öffentliche Hand Teilhaber der insolventen Firma – womit der Zugriff auf die Patente erleichtert werde.

Blum ist überzeugt, dass sich nach einer Restrukturierung der Branche die Solarindustrie in Deutschland gut entwickeln könne – und zwar mit Spezialanwendungen. Der Wirtschaftsexperte vergleicht die Photovoltaik mit der Glasindustrie: "Die Massenware lässt sich in China fertigen, Spezialgläser aber sind in Deutschland zu Hause." Er denkt dabei an individuellere Solarmodule, die auf Dächern, an Fassaden oder als Balkonbrüstung auch architektonisch attraktiv sein können. Die Standardmodule könne China günstiger anbieten, erklärt der Ökonom. Gehe man jedoch dahin, die Dächer mitsamt allen Ecken und Randstreifen zur Solarstromerzeugung zu nutzen, brauche man flexible Unternehmen in der Nähe. "Dann sieht ein Solardach aus wie ein Schieferdach", sagt Blum. Und weil jedes Dach anders ist, werde China die notwendigen Module nicht anbieten können.

Q-Cells verkauft

Der insolvente Solarkonzern Q-Cells soll für 250 Millionen Euro an den südkoreanischen Mischkonzern Hanwha verkauft werden. Die Übernahmekosten setzen sich aus einem Barkaufpreis von 55 Milliarden Won (38,7 Millionen Euro) und der Übernahme von Schulden zusammen. Der Kaufvertrag wurde am Sonntag unterschrieben, an diesem Mittwoch muss noch die Gläubigerversammlung zustimmen.1250 der zuletzt noch 1550 Jobs sollen erhalten bleiben. Zuletzt hatte auch der spanische Konzern Isofoton Interesse an Q-Cells angemeldet. Den Spaniern werden angesichts des unterschriebenen Kaufvertrags aber keine großen Chancen eingeräumt.  

Autor: dpa

Autor: Bernward Janzing