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21. Januar 2010

"Da geht noch was"

BZ-INTERVIEW mit Ökonomen des Wirtschaftsforschungs- und Beratungsinstituts Bak Basel Economics über die wirtschaftliche Zukunft der Region / Von Bernd Kramer

  1. Natalia Held Foto: BA-basel

  2. Thomas Schoder Foto: Bak-Basel

Freiburg schmückt sich mit einer Elite-Uni. Ihre Mitarbeiter sind hochqualifiziert. Sie forschen und entwickeln fleißig. Trotzdem: Die Stadt vermag es nicht, ihr Potenzial auch wirtschaftlich umzusetzen. Dies sagen Thomas Schoder und Natalia Held vom Basler Wirtschaftsgorschungs- und Beratungsinstitut Bak Basel Economics. Mit ihnen sprach Bernd Kramer.

BZ: Frau Held, Herr Schoder, in Ihrer jüngsten Studie rechnen Sie mit einem Wachstum von 1,1 Prozent für die Region am Oberrhein 2010. Zuletzt hat sich die wirtschaftliche Dynamik aber wieder abgeschwächt. Ist ihre Prognose nicht zu optimistisch?
Schoder: Wir gehen davon aus, dass sich zu Beginn des Jahres die wirtschaftliche Entwicklung leicht verbessert. In der zweiten Jahreshälfte wird die Konjunktur noch weiter anziehen. Deshalb halten wir unsere Prognose trotz der jüngsten Daten nach wie vor für realistisch.

BZ: Was treibt das Wachstum?
Held: Vor allem die positive Entwicklung der Weltwirtschaft. Davon profitiert die Region über ihre Exporte. Wobei die stärkere Nachfrage aus dem Ausland wohl ziemlich gleich verteilt sein wird. Zwar wächst die Ausfuhr in Schwellenländer wie Brasilien und China schneller. Allerdings ist absolut gesehen die zusätzliche Nachfrage aus den entwickelten Industrieländern in etwa gleich. Hier ist das Ausgangsniveau ja auch höher.

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BZ: Kann man überhaupt von einem Aufschwung sprechen? Die Wirtschaft ist ja zuvor kräftig geschrumpft.
Schoder: Für den Volkswirt ist das klar: Sobald die Talsohle im Konjunkturzyklus durchschritten ist, spricht man von einem Aufschwung – unabhängig davon wie hoch das Bruttoinlandsprodukt in der Talsohle war. Allerdings: Wir verkünden ja auch keinen Boom. Es gibt Faktoren, die die Wirtschaft belasten werden. Impulse durch staatliche Konjunkturprogramme werden auslaufen. Der Konsum wird tendenziell zurückgehen, da die Arbeitslosigkeit steigen wird.
Held: Etliche Betriebe haben bislang Entlassungen vermieden. Sie haben Überstunden abgebaut und ihre Beschäftigten in Kurzarbeit geschickt. Das geht jedoch nicht auf Dauer. Sind zu wenige Aufträge da, um die Kapazitäten auszulasten, werden Jobs abgebaut.

BZ: Müssen wir mit einer Kündigungswelle rechnen? Droht die Region in Massenarbeitslosigkeit zu versinken?
Schoder: Wir rechnen mit einem Rückgang der Zahl der Erwerbstätigen in Höhe von einem Prozent in 2010. 2009 waren es 0,9 Prozent. Das ist heftig. Trotzdem möchte ich nicht von Massenarbeitslosigkeit sprechen.

BZ: Die Industrie in der Region am Oberrhein ist geprägt von vielen mittelständischen Betrieben – darunter etliche Maschinenbauer und Autozulieferer. Sie wurden von der Krise besonders hart erwischt. Droht die Region am Oberrhein zu einem Ruhrgebiet des 21. Jahrhunderts zu werden, insbesondere die industriestarke Ortenau?
Schoder: Die Situation im Ruhrgebiet vor dem Beginn der Stahl- und Kohlekrise war eine ganz andere. Die Stahl- und Kohleindustrie hat alles andere dominiert. Am Oberrhein ist die Wirtschaft vielschichtiger. Sie haben nicht die Branche, die alles andere beherrscht. Zudem befindet sich das Gros der Betriebe nicht in absterbenden Wirtschaftszweigen, die wegen der höheren Kosten nicht mehr mit den Anbietern aus Niedriglohnländern konkurrieren können.

BZ: Das gilt auch für die Autozulieferer?
Schoder: Auch für die Autozulieferer. In diesen Unternehmen steckt enormes Wissen, das andernorts nicht so leicht zu haben ist. In dieser Branche findet der Wettbewerb auch zunehmend auf Basis von Innovationen statt, weniger über die Kosten. Wir haben hier in der Region ein ungeheures Potenzial, was die Fähigkeit anbelangt, neue Dinge zu entwickeln und sie auf dem Markt erfolgreich zu platzieren. Leider wird dieses Potenzial nur unzureichend ausgeschöpft.

BZ: Können Sie dieses ungenutzte Potenzial genauer beschreiben?
Schoder: Sie haben in der Region am Oberrhein hoch qualifizierte Fachkräfte. Sie haben Hochschulen, die stark in der Forschung sind, was sich an der Zahl der Veröffentlichungen ablesen lässt. Sie haben Unternehmen und Wissenschaftler, die eine Vielzahl von Neuentwicklungen patentieren lassen. All dies spricht für ein hohes Innovationspotenzial – gerade im deutschen Oberrheingebiet. Vergleicht man dieses Potenzial aber mit den tatsächlichen Daten zu wirtschaftlichen Entwicklung, hat man das Gefühl, da geht noch was.

BZ: Wo liegt am Oberrhein ungenutztes Potenzial brach?
Schoder: Vor allem in Freiburg. Der Raum Freiburg liegt an der Spitze, was die wissenschaftlichen Publikationen anbelangt. Er ist hervorragend beim Vergleich der Patentanmeldungen platziert. Doch das Wohlstandsniveau gemessen am Bruttoinlandsprodukt pro Kopf ist bescheiden. Auch bei der wirtschaftlichen Dynamik schneidet Freiburg vergleichsweise schlecht ab.

BZ: Die Nordwestschweiz ist reich und ihre Wirtschaft wächst kräftig. Ist Basel das wirtschaftliche Herz der Region?
Schoder: Unbedingt, insbesondere was den südlichen Teil anbelangt. Das lässt sich zum Beispiel an der hohen Zahl von deutschen und französischen Grenzgängern ablesen, die in Basel arbeiten. Wir können in diesem Zusammenhang von einem großen, verflochtenen Arbeitsmarkt sprechen. Auf anderen Gebieten ist dagegen die Verflechtung nicht so weit vorangeschritten – zum Beispiel bei den Finanzdienstleistungen. Hier stößt man sicherlich auch an Grenzen. Es ist nicht so einfach, unterschiedliche Sprachen, Gesetze und Kulturen unter einen Hut zu bringen.

BZ: Für die Basler Wirtschaft spielen die großen Pharmaunternehmen wie Roche und Novartis eine wichtige Rolle. Experten sind jedoch skeptisch, was das zukünftige Wachstum der Pharmariesen anbelangt.
Schoder: Möglicherweise wird sich das Wachstum etwas verlangsamen. Aber die Pharmaindustrie hat nach wie vor enormes Potenzial. Der Gesundheitssektor wird angesichts der älter werdenden Bevölkerung in den Industriestaaten bedeutender. Die Schwellenländer werden ebenfalls mehr Geld für Gesundheit aufwenden. Die Basler Pharmariesen bekennen sich auch weiter zur Region. Der Novartis-Campus und der geplante Roche-Turm belegen dies.

BZ: Wo liegt der größte Schwachpunkt der Region?
Held: In der internationalen Erreichbarkeit. Zum Beispiel fehlt eine durchgehende Bahnverbindung vom Euro-Airport nach Freiburg.







Bak Basel Economics

Bak Basel Economics geht auf die Basler Arbeitsgruppe für Konjunkturforschung zurück. Sie wurde 1980 in Zusammenarbeit mit der Uni Basel gegründet. Seit 1987 ist das Forschungsinstitut eine Aktiengesellschaft, an der 200 Privatpersonen und 50 Institutionen beteiligt sind. Bei Bak Basel Economics sind rund 30 Menschen beschäftigt. Sie erstellen volkswirtschaftliche Analysen und Prognosen. Zu den Schwerpunkten zählt der Blick auf einzelne Branchen und Regionen. Auftraggeber sind Regierungen, Verwaltungen, Verbände und Unternehmen aus ganz Europa.

Der 43-Jährige hat Volkswirtschaft in Freiburg studiert. Bei Bak Basel Economics ist Schoder Mitglied der Geschäftsleitung und Teilhaber. Er ist zuständig für die Branchen- und Nachhaltigkeits-studien.

Die 30-Jährige ist wissenschaftliche Mitarbeiterin. Sie hat Ökonomie in Basel und Hohenheim studiert und beschäftigt sich bei Bak Basel Economics schwerpunktmäßig mit den Bereichen Gastgewerbe und Tourismus (Benchmarking und Prognosen).  

Autor: bkr

Autor: Bernd Kramer