Schwarzwaldgemeinde

Ein Friseur und 13 Fabriken: Warum ist Eisenbach wirtschaftlich so stark?

Dominik Bloedner

Von Dominik Bloedner

Mo, 09. Juli 2012

Wirtschaft (regional)

Die Zahl der Arbeitslosen geht in Eisenbach im Schwarzwald gegen null. Dort gibt es 13 Industriebetriebe - und die produzieren fast alle das Gleiche. Was macht die Gemeinde wirtschaftlich so stark?

Die Landstraße 127 schlängelt sich auf 1000 Höhenmetern durchs Tal, neben der Straße grasen Kühe. Gökhan Balkis fährt an ihnen vorbei, von seinem Wohnort im Dreisamtal nach Eisenbach. Urlaubern bietet der Luftkurort einen Stellplatz für Wohnmobile, drei Hotels und Ferienwohnungen mit 638 Betten, Wanderwege, Mountainbikerouten und Loipen. Außerdem gibt es eine weithin bekannte Anlage für Bogenschützen. Im Ortsteil Schollach ging 1908 der weltweit erste Skilift in Betrieb. Die Häuser liegen verstreut auf den Hügeln, überall ist Wald – und überall sind Fabriken. Die Stille bricht der Lärm schwerer Lastwagen. Nicht nur deshalb gibt es im Schwarzwald sicherlich attraktivere Orte für Touristen.

Der Wirtschaftsingenieur Balkis kommt nicht zum Entspannen, sondern zum Arbeiten hierher – wie so viele andere. Eisenbach ist in wirtschaftlicher Hinsicht ein besonderer Ort. Die 2100 Einwohner zählende Gemeinde nahe Titisee-Neustadt bietet 1500 Arbeitsplätze. Täglich kommen 1000 Pendler von außerhalb, einige sogar aus der Rheinebene. "Nirgendwo sonst ist die Arbeitsplatzdichte bezogen auf die Getriebeindustrie höher", erklärt der parteilose Bürgermeister Alexander Kuckes nicht ohne Stolz, aber auch nicht ohne ein wenig Trotz. Denn seine Gemeinde wurde während der großen Wirtschaftskrise vor drei Jahren, die vor allem die Industriebetriebe traf, von einer großen deutschen Wochenzeitung schon tot geschrieben. Bitterkeit, Schockstarre, Kurzarbeit und immer schlechtes Wetter, so der Tenor der Geschichte. Die schlechte Presse haben die Eisenbacher bis heute nicht vergessen. Es kam ein Aufschwung, jetzt im Sommer scheint oben öfter die Sonne. Und derzeit gibt es hier gerade einmal zwei Dutzend Arbeitslose.

Die deutsche Industrie so wettbewerbsfähig wie lange nicht mehr



Satte 94 Prozent der Wertschöpfung in Eisenbach, wo über Jahrhunderte bis zum Jahr 1942 Bergbau betrieben wurde, erwirtschaftet heute der sekundäre Sektor, also die Industrie. "Das ist rekordverdächtig", sagt der Bürgermeister. Im Branchenverzeichnis Eisenbachs tauchen ein Friseur und ein Bäcker auf, ein Getränkevertrieb, ein Arzt, eine Heilpraktikerin und ein Bestattungsunternehmen. Das ist so gut wie alles an Dienstleistungen. Dafür gibt es 13 Industriebetriebe, und die machen fast alle das Gleiche: Zahnräder, Schrauben, Schneckradsätze, Antriebe. Die Firmen haben ihr Tal Gear Valley genannt, das Tal der Getriebe, um sich und ihre Antriebsritzel besser zu vermarkten. Eisenbach ist eine Malochergemeinde. In den Werkshallen ist es heiß und laut. Die Dienstleistungsgesellschaft, von der so viele reden, ist hier noch nicht angekommen. In Baden-Württemberg dagegen beträgt die Quote der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in der Industrie gerade noch 38 Prozent. Landesweit stehen 7000 Friseure 8100 Industriebetrieben gegenüber.

Der Trend zu den Dienstleistungsberufen, wie er vielerorts in Deutschland zu beobachten ist, hat nicht wenige zu der steilen These verleitet, in der Bundesrepublik spiele sich gerade mal wieder eine Deindustrialisierung ab, wie sie beispielsweise Großbritannien schon vor Jahrzehnten erlebt hat. Während aber die Briten, ohne eine nennenswerte Industrie, heutzutage von ihrem aufgeblähten Finanzsektor abhängig sind, ist die deutsche Industrie so wettbewerbsfähig wie lange nicht mehr. Im Extrem ist das hier oben in Eisenbach zu besichtigen.

"Konkurrenten sind wir nicht, allenfalls gibt es Überschneidungen", berichtet Balkis über das Nebeneinander der Getriebespezialisten. Er ist der Geschäftsführer von Framo Morat, einem Traditionsunternehmen am Ortseingang, das in diesen Tagen seinen 100. Geburtstag feiert. Es ist eine dieser typischen Schwarzwälder Geschichten. Die Firma wurde von einem Tüftler mit dem Namen Franz Morat gegründet, anfangs belieferte er hauptsächlich die Uhrenindustrie mit Drehteilen und Zahnrädern. Framo Morat ist heute noch in Familienbesitz, in der vierten Generation. Der international ausgerichtete Mittelständler gibt derzeit 370 Menschen Arbeit und peilt einen Jahresumsatz von 48 Millionen Euro an. Das Unternehmen produziert pro Jahr mehr als eine Million Schneckenradsätze. Die Antriebe finden sich unter anderem in Treppenliften und in der Medizingerätetechnik. Das Horrorjahr 2009 mit Umsatzeinbußen von 25 Prozent ist nun im Jubiläumsjahr vergessen. Framo Morat expandiert, seit Jahresbeginn sind 27 neue Leute eingestellt worden.

Bleibt die Frage nach dem Warum. Warum ist die Industrie gerade hier so stark? "Wir führen die Schwarzwälder Tradition von Leuten wie Robert Winterhalder fort, der vor über 100 Jahren den Skilift erfunden hat und dessen Patent heute die Grundlage für die Hersteller von Liften auf dieser Welt ist", sagt Balkis. Aber das sei wohl nur ein Teil der Antwort. Womit man wieder beim Wetter sei. Ein Grund für die Innovationsfreude seien die langen, harten Winter gewesen, meint Balkis. Der Weg ins Dorfgasthaus war nicht selten tief verschneit – und die alten Schwarzwälder nutzten die Zeit, um etwas Neues zu schaffen.

Die Uhrenindustrie im Tal ist seit langem Geschichte



In Eisenbach entstanden Anfang, Mitte des 19. Jahrhunderts zahlreiche Familienbetriebe, die die aufstrebende Uhrenindustrie in der Umgebung mit Zahnrädern, Pendeln und Gewichten versorgten. Einer der Unternehmer war Johann Morat, der 1863 mit der Herstellung von Zahnrädern begann. Aus seiner Firma wurde der Autozulieferer IMS Gear, der dieses Jahr einen Jahresumsatz von 260 Millionen Euro anstrebt. Der Betrieb beschäftigt weltweit 1800 Menschen, die meisten von ihnen in Donaueschingen. Auch dieses Unternehmen ist in Familienhand geblieben. Mit derzeit 500 Mitarbeitern in Eisenbach ist IMS Gear der Platzhirsch und der Veteran im Tal. Alles aus Nostalgie? "Sicher, die Geschichte spielt auch eine Rolle", sagt Bernd Schilling, einer der beiden Geschäftsführer. "Für uns lohnt sich das aber auch betriebswirtschaftlich. In Eisenbach gibt es das entsprechende Mitarbeiterpotenzial." IMS Gear investiert vor Ort derzeit vier Millionen Euro in die Produktion und in ein neues Ausbildungszentrum.

Die Uhrenindustrie im Tal ist seit langem Geschichte. In den 1970er Jahren ersetzte die Quarzuhr die mechanischen Uhrantriebe. Die Firmen meisterten den Strukturwandel und produzierten ihre Zahnräder und Antriebe fortan für andere Branchen. "Wir haben damals reagiert und frühzeitig die Fühler in die Armaturenbranche ausgestreckt", sagt Karl Duttlinger, Chef der 1885 gegründeten Firma Weckermann. Seine gut 150 Mitarbeiter beliefern heute Firmen wie die Badezimmerausstatter Grohe und Hansgrohe, produzieren Drehteile für Heizungsarmaturen und machen die Hülsen für hochwertige Kugelschreiber von Montblanc. Doch ganz entfernt vom Ursprung hat sich die Firma nicht. "Wir machen heute noch ein Prozent unseres Gesamtumsatzes von 33 Millionen Euro mit Produkten für die Uhrenindustrie, zwei bis vier Mitarbeiter sind damit betraut", sagt Duttlinger.

Die Krise in der Uhrenindustrie traf damals alle in Eisenbach hart, die Wirtschaftskrise im Jahr 2009 erwischte vor allem die Zulieferfirmen für die Automobilindustrie. Der Pleitegeier kreiste über dem Schwarzwaldtal, jeder sechste Arbeitsplatz ging verloren. Die Firma Grieshaber, eines der vielen Traditionsunternehmen, ging in die Insolvenz. "Es war heftig", erinnert sich Bernd Schilling von IMS Gear. Im ersten Quartal 2009 verzeichnete er einen Umsatzrückgang von 45 Prozent verglichen mit dem Vorjahr. Lohnverzicht bis hoch zur Chefetage, Kurzarbeit und der Abbau von Leiharbeit retteten das Unternehmen.

Der Wirtschaftsstandort Eisenbach ist nicht gestorben, aus dem Gear Valley wurde kein Dead Valley, auch Grieshaber gibt es noch.

Heute hat Eisenbach die üblichen Probleme einer Schwarzwaldgemeinde: Die Bevölkerung schrumpft und wird im Durchschnitt immer älter, wenige junge Familien von auswärts ziehen hierher. Die nächste Autobahn, das nächste Kino und die nächste Diskothek sind weit weg. Abwechslung bieten einzig die vielen Vereine. Die Betriebe aber wandern nicht ab. "Wir haben loyale und kreative Mitarbeiter und versuchen, ein attraktiver Arbeitgeber zu sein. Die Leute kommen zu uns. Wir bleiben der Region treu", sagt Balkis. Von seinem Büro in der Schwesterfirma, der benachbarten Kunststoff-Spritzgießerei F. Morat, hat er bei gutem Wetter einen Blick bis zu den Schweizer Alpen. Denn nicht immer hängt der deprimierende Nebel in den Tannen. Dann ist es hier doch fast wie im Urlaub.

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