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15. April 2013

"Europa darf kein Freilichtmuseum werden"

BZ-INTERVIEW mit dem Grünen Ralf Fücks / Er setzt auf umweltverträgliches Wachstum mit neuen Techniken.

  1. Ralf Fücks Foto: dpa

Nicht alle Grünen sind so wachstumsskeptisch wie Mitglieder der Enquete-Kommission. Gegen die Wachstumsskeptiker in der eigenen Partei sagt Böll-Stiftungs-Vorstand Ralf Fücks: "Wir müssen Innovationen beschleunigen, nicht bremsen". Mit Fücks sprach Hannes Koch.

BZ: Viele Menschen glauben nicht mehr daran, dass es ihren Kindern besser gehen wird als ihnen selbst. Sie sind optimistischer, wie man in Ihrem neuen Buch "Intelligent wachsen" liest. Warum?
Fücks: Ich kann die Endzeitstimmung, die in Teilen unserer Öffentlichkeit herrscht, nicht nachvollziehen. Während wir skeptisch in die Zukunft schauen, ist ein Großteil der Menschen auf der Welt gerade im Aufbruch. Das gilt vor allem für die Entwicklungs- und Schwellenländer, wo Milliarden Menschen aus miserablen Lebensverhältnissen in die industrielle Moderne unterwegs sind. Ich sehe uns nicht in einer Endzeit, sondern in einer Gründerzeit.
BZ: In Staaten wie Deutschland steigt die Armut, die öffentlichen Schulden wachsen, die Welt steuert ungebremst auf den Klimakollaps zu. Wie können Sie da von Fortschritt sprechen?

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Fücks: Die Globalisierung hat für eine große Zahl von Menschen reale Verbesserungen gebracht. Lebenserwartung, Bildungsniveau, Einkommen steigen. Die Kluft zwischen reichen Industriegesellschaften und aufstrebenden Ländern wird geringer. Richtig ist, dass wir vor großen Problemen stehen. Aber wir sind nicht zum Niedergang verdammt. Wir brauchen eine gerechtere Verteilung von Reichtum und mehr Investitionen in Bildung, um Chancengerechtigkeit zu ermöglichen. Aus ökologischer Sicht geht es darum, den Weg der Energiewende, der Ressourceneffizienz und der umweltfreundlichen Technologien konsequent weiterzugehen. Und mit Blick auf Europa werden wir aus der Krise nur herauskommen, wenn uns eine ökonomische Renaissance gelingt.
BZ: Viele Grüne beklagen die zerstörerischen Folgen des permanenten Wirtschaftswachstums. Teilen Sie diese Kritik Ihrer Partei nicht mehr?
Fücks: Der Befund stimmt in Bezug auf das alte Wachstum, das befeuert wird durch fossile Energien und Raubbau an den natürlichen Ressourcen. Aber es ist keine zwingende Gleichung, dass ökonomisches Wachstum zu mehr Naturzerstörung führt. In hoch entwickelten Gesellschaften zeichnet sich eine Dematerialisierung des Wachstums ab. Kommunikation, Kultur, Bildung und Gesundheitsversorgung verbrauchen weniger Ressourcen als die Ökonomie der Dinge. Außerdem sind wir gerade dabei, eine neue Generation umweltfreundlicher Energietechniken, Verfahren und Produkte zu entwickeln. Erneuerbare Energien, künstliche Fotosynthese oder Biokunststoffe auf Pflanzenbasis sind Beispiele für eine grüne Ökonomie. Sie basiert auf der Koproduktion mit der Natur. Ernst Bloch nannte das "Allianztechnik". Wachsen mit der Natur – das ist die einzig realistische Antwort auf die rapide Expansion der Weltwirtschaft. Wir haben es nicht der Hand, ob die globale Ökonomie in den kommenden Jahrzehnten weiter wächst. Die Frage ist nur, wie sie es tut.
BZ: Kurz gesagt: Sie wollen nicht in einem lahmarschigen Land leben, das sich allmählich aufs Altenteil zurückzieht. Sonst, so befürchten Sie, wird Europa von den aufstrebenden Mächten an den Rand gedrängt.
Fücks: Ich finde es nicht erstrebenswert, Europa zu einem Freilichtmuseum zu machen, das nur noch seinen schrumpfenden Wohlstand umverteilt. Statt zum Rückzug zu blasen, brauchen wir eine Vision von grünem Fortschritt.
Dazu gehört auch, unseren Lebensstil zu überdenken. Natürlich ist es richtig, weniger Fleisch zu essen. Unser Fleischkonsum ist nicht globalisierbar, er trägt zum Hunger auf der Welt bei. Aber ich bin überzeugt, dass der Prozess neuer Entdeckungen, neuer Möglichkeiten und Bedürfnisse niemals abgeschlossen ist. Unsere Welt verändert sich rascher denn je. Es kommt darauf an, diesen Wandel in ökologische und friedliche Bahnen zu lenken.

ZUR PERSON: RALF FÜCKS

Der 61-Jährige ist Vorstandsmitglied der Heinrich-Böll-Stiftung der Grünen. Er war Senator in Bremen. Gerade erschien sein Buch "Intelligent wachsen. Die grüne Revolution" im Hanser Verlag. 362 Seiten, 22,90 Euro  

Autor: hko

Autor: hko