Fährt die Konferenz an die Wand?

Christian Mihatsch und dpa

Von Christian Mihatsch & dpa

Sa, 15. Dezember 2018

Wirtschaft

Der Handel mit Emissionszertifikaten entpuppt sich als größte Hürde für einen Erfolg der Klimaverhandlungen in Kattowitz.

KATTOWITZ. Der UN-Klimagipfel in Polen wird über das für Freitag vorgesehene reguläre Ende hinaus fortgesetzt. Am Freitagabend waren noch zentrale Streitpunkte der Verhandlungen der 196 Staaten und der EU in Kattowitz ungelöst. Ziel des Gipfels ist unter anderem ein Regelwerk für die praktische Umsetzung des Pariser Klimaabkommens von 2015.

Am Donnerstagabend um neun Uhr lag er endlich vor: der Verhandlungstext für die letzte Phase der UN- Klimakonferenz in Katowice. Zwei Stunden später trafen sich die Vertreter der verschiedenen Ländergruppen zu einer ersten Aussprache. Es herrschte große Einigkeit: "Niemand mochte den Text und es gab harsche Wortmeldungen", berichtete der Leiter der Schweizer Delegation Franz Perrez. "Es sah so aus, als hätten wir in den drei Jahren seit Verabschiedung des Paris-Abkommens keinerlei Fortschritt gemacht."

Im Anschluss präsentierte Konferenzpräsident Michal Kurtyka dann eine neue Version des Textes, die seit Freitagmorgen als Grundlage der Verhandlungen dient. Seither hat sich das technischste Kapitel als das schwierigste erwiesen. Einige wenige Länder wie die Schweiz, Neuseeland und Südkorea wollen einen Teil ihrer Kohlendioxid (CO2)-Emissionen im Ausland ausgleichen. Damit das auch tatsächlich dem Klima etwas bringt, muss sichergestellt sein, dass die Verringerungen der Emissionen nicht doppelt gezählt werden – etwa einmal in Brasilien und einmal in der Schweiz. Während die drei möglichen Käufer von Emissionszertifikaten wasserdichte Regeln wollen, blockiert der potenziell wichtigste Verkäufer aber die Verhandlungen: Brasilien.

Das hat einen einfachen Grund: Interessant sind nicht die Schweiz, Neuseeland und Südkorea. Interessant ist Corsia. Das ist das System zur Kompensation der Emissionen des weltweiten Luftverkehrs. Dessen CO2-Ausstoß soll auf dem Niveau des Jahres 2020 gedeckelt werden. Dazu sind Zertifikate für mehr als drei Milliarden Tonnen CO2 in den nächsten 15 Jahren erforderlich. Schon bei einem bescheidenen Preis von 20 Euro pro Tonne CO2 geht es daher um sehr viel Geld: 60 Milliarden Euro. "Dieses Thema baut sich zu einem Showdown auf", sagt Perrez, an dem die Konferenz in Katowice sogar scheitern könnte. Niemand weiß, ob die vier betroffenen Länder einem Abschlussdokument zustimmen werden, wenn darin keine zufriedenstellende Regelung für den Zertifikatehandel enthalten ist.

Die viel politischeren Kapitel, die am Anfang der Konferenz im Zentrum standen, haben sich im Vergleich als einfacher erwiesen. Mittlerweile wird etwa erwartet, dass sich die Länder auf einheitliche Regeln für die Berichterstattung über ihre Emissionen einigen werden. Ursprünglich hatten die Entwicklungsländer hier Flexibilität für sich reklamiert. Einfachere Regeln wird es wohl aber nur für Mikrostaaten wie Tuvalu und die 47 ärmsten Länder der Welt geben. Diese haben schlicht nicht die nötige Kapazität, um ihre eigenen Emissionen zuverlässig zu messen.

Auch Entwicklungsländer sollen zahlen

Auch die heiß umstrittenen Finanzhilfen der reichen für die armen Länder befinden sich nach Aussage von Verhandlern auf der Zielgeraden. Die Industriestaaten sind bereit, unverbindlich über ihre Pläne zur Klimafinanzierung zu berichten. Zudem wird wohl im Jahr 2020 oder 2021 ein Prozess etabliert, bei dem darüber nachgedacht wird, wie diese Finanztransfers nach dem Jahr 2025 auf über 100 Milliarden Dollar pro Jahr gesteigert werden können. Aus Sicht der Geberländer wie Deutschland oder der Schweiz wird es dabei auch um die Frage gehen, was wohlhabende Entwicklungsländer wie Singapur, Saudi-Arabien oder China zur Unterstützung wirklich armer Länder beitragen können.

Selbst für den heißumkämpften Bericht des Weltklimarats IPCC zum 1,5-Grad-Ziel zeichnete sich eine Lösung ab, die es allen Ländern ermöglicht ihr Gesicht zu wahren: Der Bericht wird weder "Willkommen geheißen" noch "zur Kenntnis genommen". Stattdessen wird dem IPCC und den Wissenschaftlern "gedankt". Wichtiger als diese Spitzfindigkeit ist aber, dass der Inhalt des Berichts explizit Erwähnung findet: Die globalen Treibhausgasemissionen müssen in den nächsten zwölf Jahren von heute 50 Milliarden auf "25 bis 30 Milliarden Tonnen" CO2 fallen. Wenn dies gelingt, reduziert das auch die Verluste und Schäden in Folge der Klimakrise. Ob und wann die Konferenz zu einem Ergebnis kommt, blieb am späten Freitag offen. Die meisten Teilnehmer wetteten auf Samstag, ein paar Optimisten auf Freitagnacht und einige auf Sonntag. Wie am Freitag bekannt wurde, ist Chile der Gastgeber der UN-Klimakonferenz 2019.