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16. Mai 2009

"Gier ist nicht das Problem"

BZ-Interview mit Wirtschaftsethiker Karl Homann / Warum der Kapitalismus gut funktioniert – wenn man ihn richtig reguliert

  1. „Wir erwarten unser Essen nicht wegen des Wohlwollens des Metzgers, Brauers oder Bäckers zu erhalten, sondern weil sie auf ihr eigenes Interesse achten.“ Das schrieb der Ur-Vater des Wirtschaftsliberalismus, Adam Smith. Aber kann man heute noch auf den sozialen Nutzen des Egoismus hoffen? Foto: dpa (2) / Uni München

  2. Karl Homann Foto: Uni München

  3. Der Finanzmarkt als Baustelle Foto: Frank May

BERLIN. Der Wirtschaftsethiker Karl Homann sagt: "Wer die Manager kollektiv als gierig denunziert, begibt sich auf das Argumentationsniveau der Vormoderne." Der Kapitalismus sei für die Menschen die beste Wirtschaftsordnung – trotz aller moralischer Bedenken. Die Bedingung ist, dass die Regeln stimmen, auf deren Basis er abläuft. Mit Homann sprach Hannes Koch.

BZ: Herr Homann, Sie sagen: Nicht nur angesichts der Exzesse, die zur Finanzkrise führten, sondern grundsätzlich scheine der Kapitalismus im Widerspruch zu den moralischen Grundannahmen der Bürger zu stehen. Woher kommt dieser Gegensatz?
Homann: Viele Menschen empfinden einen tiefen Widerspruch zwischen den christlichen Werten und den konkreten Bedingungen unseres Wirtschaftens. Während die grundlegenden Prinzipien gleich geblieben sind, haben sich die alltäglichen Umstände seit dem Mittelalter völlig verändert. Unser ökonomisches System fordert heute: Achte auf deinen Vorteil! Mache Gewinn, auch wenn dein Nachbar dadurch bankrott geht! Das widerspricht scheinbar dem alten Prinzip der Nächstenliebe. Der heilige Martin teilte seinen Mantel, der moderne Wettbewerber dagegen spaltet scheinbar die Gesellschaft.

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BZ: Sie erwecken den Eindruck, dieser gefühlte Gegensatz sei nicht vorhanden.
Homann: Er beruht auf einem Missverständnis. Die vergangenen 250 Jahre der kapitalistischen Entwicklung haben bewiesen, dass Wettbewerb im Normalbetrieb solidarischer ist als Teilen. Das war in der vormodernen Welt undenkbar.

BZ: Was ist solidarisch daran, dass Bankmanager 100 Millionen Dollar pro Jahr verdienen und eine Gewinnmarge von 25 Prozent erreichen?
Homann: Dass so etwas sozialverträglich ist, behaupte ich nicht. Aber das System des Wettbewerbs stellt generell alle besser, auch wenn sie mal Verlierer sind, oder sich als solche fühlen. Denn alle Bürger profitieren von der guten Gesundheitsversorgung, die Lebenserwartung aller Menschen hat sich gegenüber dem 18. Jahrhundert verdoppelt.

BZ: Diese These kann man für manche Länder in Afrika in Zweifel ziehen. Muss man nicht eher sagen, dass die Marktwirtschaft im Vergleich zu unseren erlernten Moralvorstellungen eine unangemessene Wirtschaftsform ist?
Homann: Es gibt viele Leute, die mehr oder weniger dieser Meinung sind. Sie können sich mit Wettbewerb und Gewinnstreben nicht abfinden. Es gibt beispielsweise keine katholische Denkschrift, die den Wettbewerb begrüßt. Auch die Evangelische Kirche in Deutschland hat sich sehr schwer damit getan. Aber im August 2008 ist schließlich doch eine Schrift der EKD erschienen, die eine positive Haltung zum Prinzip des Wettbewerbs einnimmt.

BZ: Liegen die Skeptiker in den Kirchen so falsch?
Homann: Ja, denn sie sind in vormodernen Vorstellungen gefangen. Im statischen System des Mittelalters bedeutete Gewinn, dass man einem anderen etwas wegnehmen musste. Dank des permanenten, teilweise enormen Wirtschaftswachstums ist das im Kapitalismus anders. Der Kuchen wird größer. Die Reichen gewinnen, aber auch die Armen profitieren. Man kann den Zuwachs verteilen und alle gleichzeitig besser stellen. Das gilt auch für die Entwicklungsländer.

BZ: Dem liberalen Philosophen und Ökonomen Adam Smith zufolge wird das Allgemeinwohl erreicht, indem alle ihrem Egoismus frönen. Die Finanzkrise und ihre geschätzten Schäden in Höhe von vier Billionen Euro widerlegen diese optimistische Annahme.
Homann: Das ist eine verkürzte Interpretation dessen, was Adam Smith schrieb. Er sagte, dass der Markt eine Rahmenordnung braucht, damit er funktioniert. Was ein Wettbewerb ohne Regeln bedeutet, hat im 17. Jahrhundert Thomas Hobbes erklärt: Kampf aller gegen alle. Und heute sehen wir dies an den Auswirkungen der Finanzkrise. Die vermeintliche Gier der Manager ist nicht das eigentliche Problem, sondern die Tatsache, dass Regelsysteme nicht funktionieren.

BZ: Warum ist der Vorwurf der Gier unangemessen?
Homann: Weil sich in ihm das alte Paradigma spiegelt. Wer die Manager kollektiv als gierig denunziert, begibt sich auf das Argumentationsniveau der Vormoderne. Mit dieser Zuschreibung wird versucht, einzelne Personen verantwortlich zu machen. Das sind sie aber nicht. Denn sie arbeiten in gesellschaftlichen Funktionssystemen mit starker Eigenlogik. Gegen die Gesetze des Rechts, der Politik, der Ökonomie kann man als Einzelner mit dem Anspruch individueller Moral kaum etwas ausrichten.

BZ: Es ist diese Logik des Kapitalismus und seiner Subsysteme, die offenbar Exzesse der Gier ermöglicht. Deshalb stellt sich die Frage, ob der Markt das richtige Modell ist.
Homann: Durch was wollen Sie ihn denn ersetzen? Wir haben doch nur die Möglichkeit, ihm die richtigen Spielregeln zu geben. Genau da müssen wir ansetzen. Glücklicherweise bewegt sich die öffentliche Debatte in diese Richtung – weg von der Gier, hin zu den Regelsystemen. Wir können mehr gestalten, als viele Zeitgenossen sich vorstellen. Blicken wir zurück: die Einführung der Demokratie mit gleichem und geheimem Stimmrecht, Bismarcks Sozialversicherung – das sind Beweise dafür, dass man starke Regeln etablieren kann, die anfangs für ruinös gehalten wurden.

BZ: Wie wollen Sie den Bruch zwischen moralischem Empfinden und marktwirtschaftlicher Realität heutzutage kitten?
Homann: Die Bundesregierung arbeitet beispielsweise an neuen Regeln für die Bezahlung von Managern. Das ist richtig. Wenn Bankvorstände Schäden anrichten, sollten sie für einen Teil mit ihrem persönlichen Vermögen haften. Es geht nicht um Schadensersatz, denn die Schäden sind oft so groß, dass sie kein Mensch bezahlen kann – nicht mal ein Vorstandsvorsitzender. Aber es sollte künftig wenigstens einen Selbstbehalt geben – wie für die Bürger bei der Kaskoversicherung ihrer Autos. Gegenwärtig ist das nicht der Fall. Die Unternehmen schließen Versicherungen für ihre Topleute ab, die diesen sämtliche Risiken abnehmen.

BZ: Die mangelnde Haftung ist die eine Sache, eine andere die schiere Höhe. Wir reden über Gehälter von 15, 20 oder auch 100 Millionen Euro pro Jahr. Wäre es sinnvoll, eine Obergrenze zu bestimmen, um die Polarisierung in Arm und Reich zu dämpfen?
Homann: Das halte ich für falsch, das ist ökonomischer Unsinn.

BZ: Die US-Regierung und die Bundesregierung tun genau das. Die Gehälter von Bankvorständen, deren Institute mit öffentlichem Kapital gestützt werden, hat man gedeckelt. Warum soll das nicht auch für private Unternehmen gelten?
Homann: Ein wichtiger Punkt wird in der Debatte über Managergehälter gerne unterschlagen: Hohe, selbst überhöhte Preise besitzen eine marktwirtschaftliche Lenkungsfunktion. Sie zeigen an, dass die Qualifikationen, die es erlauben, einen Großkonzern zu leiten, knapp sind. Weil die Nachfrage nach Topmanagern höher ist als das Angebot, müssen die Unternehmen viel Geld ausgeben. Kommt aber der Markt in Gang und werden mehr Manager ausgebildet, sinken die Gehälter wieder.

BZ: Gegenthese: Die astronomischen Managergehälter sind nicht Ausdruck einer Knappheit, sondern mindestens teilweise eines Marktversagens. Weil die wirksame Kontrolle durch die Aufsichtsräte der Unternehmen fehlte, konnten sich die Vorstände auf Kosten der Aktionäre und letztlich auch der Allgemeinheit bereichern.
Homann: Wenn man eine Obergrenze einführte, würde man aber die Lenkungswirkung des Preises auf dem Markt für Manager völlig außer Kraft setzen. Die Höhe des Gehaltes ist ein Indiz dafür, wieviel jemand im Job wert ist.

BZ: Sie schrecken davor zurück, dem Markt einen Rahmen zu setzen.
Homann: Das tue ich nicht. Die Rahmenordnung muss aber den Markt zum Funktionieren bringen, statt ihn zu knebeln. In Bezug auf die Managerbezüge würde das heißen, dass Boni und Mali angerechnet werden. Wenn beispielsweise Aktienhändler Gewinne erwirtschaften, sollen sie einen Anteil erhalten. Im Gegensatz zur heutigen Praxis muss dieses Prinzip aber auch für Verluste gelten. Baute man einen Malus ein, würden die Gehälter zeitweise sinken und die ganze Debatte relativierte sich.

Autor: hko