Trotz Zensur

Google und Facebook flirten mit China

Finn Mayer-Kuckuk

Von Finn Mayer-Kuckuk

Fr, 17. August 2018 um 20:30 Uhr

Wirtschaft

Das Projekt "Libelle" sollte Google nach China, den größten Internetmarkt der Welt, zurückbringen. Doch sogar die eigenen Mitarbeiter sind dagegen – weil Suchergebnisse zensiert würden.

"Dringende moralische und ethische Fragen" melden mehr als 1000 Führungskräfte und Techniker in einem Brief an Google-Chef Sundar Pichai an. Anfang August war durchgesickert, dass Pichai eine eigene, zensierte Suchmaschine für den chinesischen Markt entwickeln lässt. Er hatte sich mit Mitgliedern der chinesischen Führung getroffen und dabei offenbar eine Rückkehr auf den lukrativen chinesischen Markt diskutiert.

Google hatte sich 2010 mit fast allen Diensten aus China zurückgezogen, nachdem die dortige Regierung eine immer striktere Beschränkung der Suchergebnisse auf politisch genehme Inhalte verlangt hatte. So läuft eine Suche nach "Tiananmen-Zwischenfall" (1989 schlug das Militär friedliche Studentenproteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens blutig nieder, Anm. d. Red.) in China beispielsweise zuverlässig ins Leere oder liefert nur unverfängliche Ergebnisse. Andere Anbieter wie Bing von Microsoft unterwerfen sich den Vorgaben und bieten eine gereinigte Suche an.

Google wollte jedoch höhere moralische Standards einhalten. Die Familie von Google-Mitgründer Sergey Brin war 1979 nach vielen Schikanen aus der Sowjetunion ausgereist. Brin wollte daher nicht, dass sich sein Unternehmen an Zensur und Menschenrechtsverletzungen beteiligt. Das steht sogar in den Statuten des Konzerns, dessen Motto damals noch "Don’t be evil" (Sei nicht böse) lautete.

Doch im Mai dieses Jahres hat Google das Motto abgeschafft, und die globale Lage auf dem Markt für Internetwerbung hat sich ebenfalls verändert. Der Umsatz mit Online-Anzeigen liegt inzwischen bei knapp 500 Milliarden Yuan (65 Milliarden Euro). Wenn Google weiter wachsen will und seine Geschäfte wirklich die ganze Welt umspannen sollen, dann müsste China mit dabei sein. Deshalb hat Pichai begonnen, die Haltung gegenüber dem Land aufzuweichen. Statt jedoch mit der Kernmarke Google ins Reich der Mitte zurückzukehren, wollte er dort eine neue Seite namens "Libelle" aufbauen.

Auch andere Internetfirmen flirten mit China. Der Aktienkurs von Facebook ist Ende Juli um 20 Prozent abgestürzt, weil das Unternehmen zugeben musste, dass die Zahl der Nutzer nicht mehr so schnell wächst wie früher. Damit hat die simple Feststellung, dass das Wachstum einmal abflacht, den Wert des Unternehmens um 120 Milliarden Dollar verringert.

Die Chinesen haben ihre eigenen Internetfirmen

In China findet sich indessen noch eine Milliarde Internetnutzer, die noch nicht bei Facebook sind – weil die Seite dort blockiert ist. Firmenchef Mark Zuckerberg hat zudem – anders als Sergey Brin – nur wenig Berührungsängste mit China. Seine Frau ist Chinesin. Auch Facebook stochert derzeit nach Möglichkeiten, dort Dienste anzubieten.

Fragt sich, ob die beiden Konzerne in China überhaupt willkommen sind. Peking war ihre Abwesenheit recht – und zwar gleich aus zwei Gründen. Einerseits lässt sich lückenlose Netzkontrolle mit einheimischen Firmen leichter umsetzen, denn sie sind von Anfang an auf Zensur getrimmt. Die chinesische Regierung warf Facebook auch prompt hinaus, nachdem sich Aktivisten bei Ausschreitungen in der Unruheprovinz Xinjiang 2009 auf der Plattform abgesprochen hatten. Andererseits hat der Ausschluss der internationalen Marken den Aufbau chinesischer Netzfirmen ermöglicht. In Abwesenheit der globalen Konkurrenz sind dort Namen wie Baidu, Sina, QQ, We Chat oder Alibaba hochgekommen. Mit denen sind die Chinesen auch völlig zufrieden.

Der jüngste Anlauf von Facebook in China landete schon nach einem Tag im Graben. Eine Tochtergesellschaft hatte zwar auf Provinzebene in der Stadt Hangzhou eine Geschäftslizenz für die Förderung von Start-ups erhalten. Nur 24 Stunden später kassierte in Peking die Genehmigung aber wieder – ohne Begründung.