Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

15. August 2012

Greenovation melkt das Blasenmützenmoos

Das Freiburger Unternehmen gewinnt aus der Pflanze Proteine, die auch im Kampf gegen Krebs eingesetzt werden können / Firma ging aus der Universität hervor.

  1. Greenovation-Mitarbeiterin Marina Sarter bei der Arbeit mit dem Blasenmützenmoos. Foto: Bamberger

FREIBURG. Dem kleinen Blasenmützenmoos wird kaum Aufmerksamkeit zuteil. Keine grellen Farben oder ausgefallene Formen ziehen die Blicke des Betrachters an. Stattdessen wächst die grüne Pflanze unauffällig in abgelassenen Teichen oder an Flussufern. Auch als Leckerbissen ist Physcomitrella patens – so der lateinische Name für das Moos – nicht bekannt. Das Außergewöhnliche der bis zu fünf Millimeter großen Herdenpflanze erschließt sich nur den Biologen. Für die Wissenschaftler ist das unscheinbare Moos jedoch der Stoff, mit dem die Menschheit große Träume leichter verwirklichen kann. Die erfolgreiche Bekämpfung von Krebs gehört dazu.

In den weiß getünchten Laborräumen des Freiburger Unternehmens Greenovation weiß man den Wert des kleinen Blasenmützenmooses zu schätzen. In flüssigen Nährlösungen schwimmt die Pflanze. Die durchsichtigen Behälter werden gedreht, beleuchtet und gekühlt. Die 16 Mitarbeiter tun alles, damit Physcomitrella patens wächst und gedeiht. Allerdings entspricht das Greenovation-Moos nicht ganz seinem Bruder aus der Natur: Die Mitarbeiter haben die Genstruktur verändert. Wie eine Milchkuh Milch, produziert das Blasenmützenmoos nun Proteine – im Umgangsdeutsch auch Eiweiße genannt. Der große Vorteil der Pflanze: Sie liefert sehr reine Proteine und lässt sich relativ einfach gentechnisch anpassen. Aus einem Liter Nährlösung können die Mitarbeiter ein halbes Gramm des gewünschten Stoffs gewinnen. Das Blasenmützenmoos kann eine ganze Palette von Eiweißen liefern, sagt Greenovation-Chef Thomas Frischmuth. Zum Beispiel Antikörper für den menschlichen Organismus. Sie sind die Späher des menschlichen Immunsystems, die Zellen aufspüren, die aus der Reihe tanzen. 10 bis 150 solcher entarteter Zellen gibt es im menschlichen Körper pro Tag. Sind diese entdeckt und markiert, rücken die Killerzellen an und erledigen den Rest. Ist dieses Zusammenspiel jedoch gestört, das Immunsystem geschwächt, können sich die unliebsamen Zellen vermehren – es kommt zu Krebs.

Werbung


Langfristig will Greenovation eigene Wirkstoffe entwickeln

Bislang ist Greenovation noch ein reiner Zulieferer. "Kunden kommen zu uns, und erzählen uns, welches Protein sie wollen. Wir produzieren dann", sagt Thomas Frischmuth. An die Türe klopfen Forschungsabteilungen von Pharmaunternehmen oder andere wissenschaftliche Einrichtungen, welche die Greenovation- Eiweiße für ihre eigenen Zwecke nutzen wollen. Allerdings steht die Produktion erst am Anfang. Der Umstieg von kleineren auf größere Mengen braucht Zeit. "Das Upscaling soll Ende des Jahres abgeschlossen sein. Dann werden wir die ersten größeren Umsätze erzielen. 2016 soll Greenovation profitabel sein", sagt Frischmuth. Bei der Zuliefererrolle soll es jedoch nicht bleiben. Langfristig will das Unternehmen eigene Wirkstoffe für Medikamente entwickeln. Den Standort Freiburg lobt der Chef. "Wir haben hier exzellente Rahmenbedingungen. Die Behörden arbeiten sehr professionell und wir finden für den Standort auch die nötigen qualifizierten Mitarbeiter." Vor allem die Nähe zur Universität Freiburg ist für Frischmuth wichtig: "Es sind sehr kurze Wege zu Forschern und Instituten." Greenovation ist selbst ein Kind der Universität. 1999 wurde das Unternehmen von den Freiburger Professoren Ralf Reski und Gunther Neuhaus gegründet. Nachdem sich das Unternehmen am Anfang vor allem mit Goldenem Reis (genverändeter Reis, der eine erhöhte Menge von Vitamin A aufweist) beschäftigt hatte, konzentrierte sich Greenovation von 2001 an auf das Blasenmützenmoos.

Heute gehört das Unternehmen mehrheitlich dem Zukunftsfonds Heilbronn und der Eigenkapitalagentur der staatlichen Förderbank L-Bank. Mit Frischmuth (53) steht ein erfahrener Biotech-Profi an der Spitze. Der habilitierte Biologe hat Fonds geleitet, die Geld in Biotech-Firmen gesteckt haben. Neben Greenovation führt er noch weitere kleinere Unternehmen, die sich auf dem Feld der Molekularbiologie tummeln.

Einen rasanten Aufstieg mit explodierenden Mitarbeiterzahlen und anschließendem raschen Börsengang erwartet er nicht. "Wir wollen kontinuierlich wachsen und uns als mittelständisches Unternehmen profilieren", sagt Frischmuth, der früher im Greenovation-Beirat saß.

Die Wahrscheinlichkeit, dass das Unternehmen ein ähnliches Schicksal wie die Freiburger Biotechfirma Genescan erleidet, schätzt er als gering ein. Genescan wollte im großen Stil Anfang des Jahrtausends Biochips auf den Markt bringen. Diese Chips ermöglichen unter anderem eine bessere Abstimmung der Medikamentendosis auf den Körper jedes einzelnen Patienten. Da der Stoffwechsel von Mensch zu Mensch verschieden ist, werden Arzneien unterschiedlich angenommen. Das Unternehmen ging an die Börse, die hochgesteckten Erwartungen erfüllten sich jedoch nicht. Heute machen andere das Geschäft, das für die sogenannte personalisierte Medizin eine große Rolle spielt. "Genescan hatte eine hervorragende Idee, war jedoch zehn Jahre zu früh dran. Wir bewegen uns in einem reiferen Markt", sagt Frischmuth.

Israelische und US-Biotechfirmen kommen leichter an Kapital

Die größte Herausforderung für Greenovation sieht der Chef in der internationalen Konkurrenz. Die sitzt vor allem in den USA und Israel. In den beiden Ländern ist es nach seiner Beobachtung deutlich leichter für neue Biotechfirmen an Kapital zu gelangen als in Deutschland.

Freiburgs oberster Wirtschaftsförderer Bernd Dallmann nennt Greenovation als Beweis dafür, dass Freiburg bei der Ansiedlung von Unternehmen vor allem mit der Lebensqualität und der Universität punkten kann: "Würden hochqualifizierte Arbeitnehmer hier nicht gern wohnen, gäbe es Greenovation in Freiburg gar nicht." Marina Sarter stammt aus der Pfalz. Die biologisch-technische Assistentin arbeitet für Greenovation. Die Gründe, warum sie in den Süden zog: "Ich beschäftige mich gern mit Moosen und Freiburg ist eben eine tolle Stadt."



Autor: Bernd Kramer