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31. Mai 2010

Interview

Meinhard Miegel: Stärkere müssen abgeben

Unsere Art des Wirtschaftens habe keine Zukunft, meint der Publizist Meinhard Miegel seit Jahrzehnten. Wie kann der Weg zum Wohlstand ohne Wirtschaftswachstum aussehen?

  1. Meinhard Miegel Foto: Privat

BZ: Herr Miegel, freut Sie die Krise, weil es kein Wachstum gibt?
Miegel: Überhaupt nicht. Ich hätte mir gewünscht, wir hätten sie vermeiden können. Ich bin ja kein prinzipieller Wachstumskritiker. Wenn Wachstum möglich wäre ohne Überschuldung, Arbeitshetze, Ausbeutung der natürlichen Ressourcen und all den anderen negativen Begleiterscheinungen, dann hätte ich überhaupt nichts dagegen.

BZ: Aber Sie warnen seit vielen Jahren vor unserer Art des Wirtschaftens.
Miegel: Offenbar zu recht. So heißt es in der ersten Regierungserklärung der derzeitigen Koalition, dass noch in diesem Jahrzehnt eine Art des Wirtschaftens gefunden werden müsse, die nicht die Grundlagen ihres eigenen Erfolges zerstört. Was heißt das denn? Doch nichts anderes als dass die gegenwärtige Wirtschaftsform zerstörerisch wirkt. Dem habe ich nichts hinzuzufügen.

BZ: Wie soll eine Wirtschaft ohne Wachstum funktionieren?
Miegel: Während des längsten Teils der Menschheitsgeschichte funktionierte Wirtschaft ohne Wachstum ganz gut. Oder genauer: Jedem goldenen Zeitalter folgte ein eisernes und im Durchschnitt veränderte sich nicht viel. In Mitteleuropa dauerte es beispielsweise tausend Jahre von Karl dem Großen bis Napoleon, bis sich die pro Kopf erwirtschaftete Gütermenge verdoppelt hatte. Das ist ein Wachstum von durchschnittlich 0,07 Prozent im Jahr oder faktisch Stillstand.

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BZ: Wenn eine Wirtschaft per Saldo nicht wächst, steigt die Arbeitslosigkeit. Denn der Produktivitätszuwachs sorgt dafür, dass die gleiche Gütermenge von weniger Menschen erzeugt werden kann.
Miegel: Und warum wächst die Produktivität? Ganz wesentlich, weil immer größere Mengen billigster Energie und Rohstoffe eingesetzt und die Umwelt bis über ihre Grenzen hinaus belastet worden ist. Aber diese Zeiten gehen jetzt zu Ende. Menschliche Arbeit wird damit wieder wettbewerbsfähiger. Hinzu kommt, dass aufgrund der Bevölkerungsentwicklung der Anteil Erwerbsfähiger künftig abnimmt. Auch deshalb wird Arbeit eine Renaissance erleben.

BZ: Die Unternehmen finanzieren sich über Kredite. Die müssen mit Zinsen zurückgezahlt werden. Das funktioniert nur, wenn ein Unternehmen wächst.
Miegel: Teile der Wirtschaft werden ja auch weiter wachsen und Renditen erwirtschaften. Allerdings werden deutlich mehr Unternehmen als bisher schrumpfen oder auch ganz aus dem Markt ausscheiden. Unter dem Strich wird es also keine Zuwächse mehr geben, zumindest keine realen. Für den Finanzsektor heißt das, dass es bereits als große Leistung angesehen werden muss, wenn er die Einlagen seiner Kunden – gleichgültig ob groß oder klein – real zu erhalten vermag. Der Kapitalmarkt wird wesentlich risikoreicher werden als er bisher war.

BZ: Wir haben uns aber daran gewöhnt, dass es immer aufwärts geht.
Miegel: Das ist vollkommen richtig, auch wenn historisch gesehen die Zeit, in der es immer aufwärts ging, nur kurz war. Im Grunde beschränkt sie sich auf die Jahre zwischen 1950 und 1975. Schon gegen Ende der 1970er Jahre entwickelte sich die Wirtschaft nur noch stockend und musste immer wieder mit kreditfinanzierten Konjunkturprogrammen, sprich mit Schulden, angekurbelt werden. Dass das nicht immer so weitergehen konnte, versteht sich von selbst.

BZ: Wie wollen Sie denn ohne Wachstum Verteilungskonflikte lösen? Bisher sind die großen gesellschaftlichen Gruppen dadurch halbwegs befriedigt worden, dass der Kuchen insgesamt größer wurde.
Miegel: Das war in der Tat recht bequem. Jetzt werden die wirtschaftlich Stärkeren abgeben müssen, wenn soziale Spannungen beherrschbar bleiben sollen. Dass das ein erhebliches Umdenken erfordert, steht außer Frage. Denn gerade in neuerer Zeit haben sich die wirtschaftlich Stärkeren weit überproportional am Erwirtschafteten bedient und die anderen hatten das Nachsehen. Dadurch ist die Gesellschaft wirtschaftlich auseinander gedriftet. Eine solche Entwicklung ist nicht tolerabel. Und das betrifft nicht nur die mitunter absurden Einkommen mancher Fußballspieler, Talkmaster oder Manager.

BZ: Hohe Steuern können reiche Leute ziemlich gut umgehen. Wie wollen Sie diese Gruppen zum Verzicht zwingen?
Miegel: Das ist ganz wesentlich eine Frage der Ethik. Noch vor 30 Jahren waren die Einkommen der Vorstände von Dax-Unternehmen nur etwa 14-mal so hoch wie die Einkommen durchschnittlicher Einkommensbezieher. Heute sind sie 52- mal so hoch. Dafür gibt es keine zwingenden Gründe. Die Reichen müssen begreifen, dass sie Teil eines Gemeinwesens sind, auf dessen Funktionieren sie angewiesen sind. Anderenfalls werden sie sich eines Tages – wie bereits heute in Brasilien – hinter Mauern und Stacheldrahtzäunen verschanzen müssen. Das ist keine erstrebenswerte Entwicklung und auch nicht Teil unserer europäischen Kultur.

BZ: Wie wollen Sie die Gesellschaft als Ganzes dazu bringen sich zu bescheiden?
Miegel: Das ist gar nicht erforderlich, denn der Bewusstseinswandel ist in vollem Gange. Die Menschen merken doch, dass das Portemonnaie leer ist, wenn sie vom Einkaufen zurück kommen und das Auto vollgetankt haben. Das einstige Glücks- und Heilsversprechen dieser Gesellschaft, nämlich permanent materiellen Wohlstand zu mehren, wird schon seit vielen Jahren nicht mehr erfüllt. Deshalb muss der Gesellschaft als Ganzes nicht beigebracht werden, sich zu bescheiden, sondern mit weniger gut und zufrieden zu leben. Möglich ist das in einer so reichen Gesellschaft wie der unseren durchaus. Immerhin gehören wir alle, auch die wirtschaftlich Schwächsten unter uns, zum wohlhabendsten Viertel der Menschheit.

ZUR PERSON: MEINHARD MIEGEL

Der 71-jährige Jurist, Soziologe und Ökonom kämpft seit Jahrzehnten gemeinsam mit Kurt Biedenkopf gegen den Glauben, mit Wachstum könne man die Probleme der Gesellschaft lösen. Miegel spricht am morgigen Dienstag, den 1. Juni um 20.15 Uhr in der Aula der Universität Freiburg und stellt dort sein neues Buch vor: "Exit: Wohlstand ohne Wachstum."  

Autor: weg

Autor: Jörg Buteweg