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29. Juni 2011

EU

Nicht jeder Biodiesel hilft der Natur

Wann ist der Kraftstoff nachhaltig, fragt sich die EU.

BRÜSSEL. Wegen "interner organisatorischer Probleme" wurde die Pressekonferenz am Dienstag kurzfristig abgesagt. Energiekommissar Günther Oettinger wollte eigentlich die Produktionsverfahren für Biokraftstoffe vorstellen, die als nachhaltig gelten sollen. Die EU hat beschlossen, bis 2020 zehn Prozent des Kraftstoffbedarfs durch nachwachsende Rohstoffe zu decken. Dieser Plan, ursprünglich von Umweltschützern und Grünen unterstützt, ist heftig in die Kritik geraten. Die Probleme, die entstehen, wenn Raps- oder Sojaöl zu Biosprit verarbeitet werden, wurden unterschätzt. Die EU-Kommission möchte deshalb ein Label für nachhaltig produzierten Ökotreibstoff einführen. Doch hinter den Kulissen ist zwischen Biodieselherstellern, Wissenschaftlern und Umweltverbänden ein Streit entbrannt, wie Nachhaltigkeit gemessen werden soll.

Im Auftrag der EU-Kommission hat der Forscher David Laborde vom International Food Policy Research Institute in Washington eine Studie über den Verdrängungseffekt der Biodieselproduktion erarbeitet. Ursprünglich sollte der Treibstoff aus nachwachsenden Rohstoffen drei Probleme auf einmal lösen: Er sollte die Abhängigkeit vom Öl verringern, den Klimawandel mildern und Europas Bauern eine neue Einkommensquelle erschließen. Nun zeigt sich, dass die Verlagerung auf Biodieselproduktion – nicht nur in Europa, sondern auch in den USA, Argentinien oder Brasilien – die Lebensmittelpreise in die Höhe schnellen lässt und naturbelassene Flächen auffrisst.

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Die Bauern versuchen die steigende Nachfrage dadurch zu befriedigen, dass sie Regenwaldflächen roden oder Savannenland umpflügen – mit verheerenden Folgen für Klima und Natur.

Diese Entwicklung führt nach Labordes Berechnungen dazu, dass in den nächsten zwanzig Jahren die klimaschädlichen Auswirkungen von Biodiesel genauso gravierend sind wie die von Rohöl. Wenn die EU-Kommission die Ergebnisse der Laborde-Studie und die wachsende Kritik von Umweltexperten Ernst nimmt, muss sie die Nachhaltigkeitskriterien für Biodiesel ändern. Damit könnte das Ziel, bis 2020 zehn Prozent Biosprit zu verkaufen, in Gefahr geraten, da nicht genug Sprit hergestellt werden kann, der den strengeren Kriterien genügt.

Aus Kreisen der EU-Kommission heißt es, dass Umweltkommissarin Connie Hedegaard die Kriterien verschärfen wolle. Energiekommissar Günther Oettinger, der mehr die Versorgungssicherheit als die Umweltverträglichkeit im Blick habe, lehne Änderungen ab. Auch die Biodieselindustrie wehrt sich gegen schärfere Kriterien, die "einen wettbewerbsverzerrenden Effekt auf den ganzen Sektor haben könnten", wie Amandine Lacourt, die Vize-Generalsekretärin des Europäischen Biodieselverbandes, warnt.

Noch ist nicht klar, wer sich in der Kommission durchsetzen kann. Einerseits hat Kommissionspräsident Manuel Barroso den Biodiesel zu einem Herzstück europäischer Klimapolitik erklärt. Ein Rückzug würde Gesichtsverlust bedeuten. Andererseits könnte, wenn Labordes Berechnungen von anderen Wissenschaftlern bestätigt werden, das grüne Image der EU-Kommission noch schlimmeren Schaden erleiden. Die geplante Pressekonferenz soll jedenfalls, wie eine Sprecherin Oettingers am Dienstag versicherte, später nachgeholt werden.



Autor: Daniela Weingärtner