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16. Oktober 2012

Stockholm

Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften geht an US-Ökonomen

Die US-Ökonomen Alvin E. Roth und Lloyd S. Shapley erhalten den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften.

  1. Nobelpreisträger Alvin E. Roth (links) und Lloyd S. Shapley Foto: DPA/AFP

  2. Foto: AFP

STOCKHOLM. Wie werden Schüler optimal auf Schulen verteilt? Wie regelt man die Vergabe von Organspenden? Für solch praktische Fragen haben die US-Ökonomen Shapley und Roth Modelle entwickelt – und den Nobelpreis erhalten. Einziger Haken: Manchmal ist die Realität noch komplexer.

Eigentlich ist alles ganz einfach. Auf einem Markt gibt es Angebot und Nachfrage – und alles regelt sich über den Preis. Doch was ist mit Dingen, für die kein Preis existiert? Wie etwa freie Plätze an einer Schule oder Spenderorgane, die verteilt werden, ohne dass Geld eine Rolle spielt. In diesem Verteilungskampf versucht jeder, für sich selbst das Beste herauszuschlagen. Wie man optimale Lösungen finden kann, die Egoismen verhindern und gut für die Gesellschaft sind, haben die US-Ökonomen Lloyd S. Shapley und Alvin E. Roth mit ihren Modellen gezeigt. Ihre Erkenntnisse zur Verteilung gelten als bahnbrechend.

Die beiden frisch gebackenen Nobelpreisträger hielten die klassische Theorie von Angebot und Nachfrage auf bestimmten Märkten schlichtweg für unrealistisch. In der Praxis sahen sie zahlreiche Probleme etwa bei der Vergabe von Stellen an frisch ausgebildete Ärzte oder von Schülern an die richtigen Schulen in ihrer Heimat USA. Ihr Forschungsergebnis lautete: Es muss Regeln geben. Schon kleine Änderungen der Regeln machen das System besser. Shapley und Roth entwickelten Modelle für die Zuteilung. Sie formulierten den Grundsatz: Es kommt auf Koalitionen und gemeinsame Interessen an.

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"Für die moderne Ordnungspolitik ist diese Theorie entscheidend", sagt Axel Plünnecke vom Institut der Deutschen Wirtschaft Köln IW. Das Verdienst der beiden Preisträger liege darin, Mechanismen ausgeknobelt zu haben, um eine Vergabe zu schaffen, die im Interesse der Gesellschaft sei und Manipulationen verhindere. "Alle haben einen Vorteil, wenn alle ehrlicher handeln."

Shapley entwickelte dabei die grundlegende Forschung in den 60er Jahren, Roth machte das Modell praktisch anwendbar. Das Besondere ist, dass beide Wissenschaftler an Beispielen aus dem Alltag sehr praxisnah arbeiteten. Wie etwa die Vergabe von Plätzen an einer Schule: In den USA war es gang und gäbe, dass Schüler eine Wunschliste erstellten und sich bei mehreren Schulen gleichzeitig bewarben. Die Schulen nahmen an oder lehnten ab, einige Schüler gingen schließlich leer aus, einige Plätze blieben unbesetzt – für alle unbefriedigend. Auf der Basis der Theorie der beiden Preisträger wurde schließlich ein Vergabeverfahren eingeführt – mit Erfolg.

Als die Jury des Nobelpreises am Montag Alvin Roth aus den Vereinigten Staaten telefonisch zuschaltete und nach dem praktischen Nutzen fragte, antwortete der Ökonom: "Meine Arbeit hilft bei der Schulwahl in vielen amerikanischen Städten."

Oder das Beispiel Organtransplantation. Viele Patienten warten jahrelang auf ein passendes Spenderorgan. Um mehr Menschen zur Spende zu bewegen, entstand die Idee, mehrere Menschen in einen Ringtausch einzubeziehen. Möglich ist das etwa, wenn ein lebender Mensch eine Niere spendet, wie es etwa der SPD-Politiker Frank-Walter Steinmeier für seine kranke Frau getan hat.

Die Realität ist oft zu komplex für die Modelle

Passt die Blutgruppe von Ehemann und Ehefrau nicht, kommt die Theorie der beiden Wissenschaftler ins Spiel: Mann A spendet seine Niere für eine fremde Frau B – und seine eigene kranke Frau bekommt die Niere des Ehemanns von Frau B. In den USA ist dies in der Praxis üblich. Dort operieren Kliniken simultan mehrere Empfänger und Spender und tauschen die Organe über Kreuz. In Deutschland wäre dies laut Transplantationsgesetz sittenwidrig. Trotz aller praktischen Anwendungen bleibt jedoch ein Wermutstropfen. "Die Realität ist oft sehr komplex", sagt der Kölner Wirtschaftswissenschaftler Axel Ockenfels. "Es gibt aus der Forschung heraus keine Rezepte für einen bestimmten Markt wie etwa die Organspende. Es ist einfach zu kompliziert."

Autor: Marion Trimborn (dpa)