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23. Februar 2013 00:02 Uhr

Standpunkt

Pro & Contra: Soll die 30-Stunden-Woche eingeführt werden?

Weniger arbeiten fürs gleiche Geld? Eine Gruppe von Ökonomen und Politiker fordern im Kampf gegen Massenarbeitslosigkeit und Billigjobs die 30-Stunden-Woche. Ist das eine gute Idee?

  1. Mitglieder der IG Metall demonstrieren 1990 für die 35-Stunden-Woche. Das Thema Arbeitszeitverkürzung ist ein Dauerbrenner. Nun fordert eine Gruppe von Ökonomen und Politikern sogar die 30-Stunden-Woche. Foto: dpa

  2. Rudolf Hickel Foto: Verwendung weltweit, usage worldwide

Pro: Im Kampf gegen Massenarbeitslosigkeit und Billigjobs sollte die 30-Stunden-Woche eingeführt werden – bei vollem Lohnausgleich. Das sagt Rudolf Hickel.

In Deutschland sollte die 30-Stunden-Woche eingeführt werden. Die heftigen, zum Teil diffamierenden Reaktionen auf unseren Vorschlag waren zu erwarten. Offensichtlich sind mit dem Aufruf einige mühsam zusammengehaltene Tabus des vorherrschenden politisch-ökonomischen Denkens über die Arbeitsmärkte aufgebrochen worden. So wird derzeit das "deutsche Beschäftigungswunder" gepriesen. Da stört ein Vorschlag zur Vollbeschäftigung auf der Basis guter Arbeit. Jedoch, die Wirklichkeit zeigt ein anderes Bild: Von der offenen und verdeckten Arbeitslosigkeit sind über vier Millionen Menschen betroffen, die existenziell auf Arbeit angewiesen sind. Hinzu kommen über sieben Millionen, die in Niedriglohnverhältnissen arbeiten. Gemessen an dem Wunsch nach ausreichend bezahlter, guter Arbeit nimmt die Zahl derjenigen zu, die zur Übernahme von tariflich nicht geschützten Billigjobs gezwungen werden. Im Klima gespaltener Arbeitsmärkte dominiert das Lohndumping. Wer die Legende vom "Beschäftigungswunder" angreift, muss mit der Verunglimpfung seiner Idee als Griff in die "marxistische Mottenkiste" rechnen. Schließlich legt er mit seiner Forderung die negativen Folgen der Agenda 2010 offen, vor allem die Deregulierung der Leiharbeit und den Zwang in Hartz IV, schlechte Jobs annehmen zu müssen.

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Im Streit um die Frage, ob der Vorschlag einer 30-Stunden-Woche realistisch ist, gilt das philosophische "Prinzip Hoffnung" von Ernst Bloch. Vorgelegt wird eine "konkrete Utopie", die machbar ist, jedoch durch die politisch-ökonomischen Machtverhältnisse verhindert wird. Dabei geht es nicht darum, eine fertige Blaupause vorzulegen. Ein gesellschaftlicher Diskurs im Lernprozess ist beabsichtigt – mit folgenden Intentionen und Eckpunkten:

1. Mit der Forderung nach der 30-Stunden-Woche soll die Debatte über die Spaltung des Arbeitsmarktes forciert werden. Die Stichworte sind: Leiharbeit, Werkaufträge, Arbeit auf Abruf und andere Formen atypischer Beschäftigung. Heute bieten die meisten Arten prekärer Arbeit eine schlechte Entlohnung sowie einen Einsatz unterhalb der 30-Stunden-Woche. Bei diesen "bad jobs" muss die Arbeitszeit unter tariflichen Bedingungen erhöht werden. Sozial regulierte Arbeitsverhältnisse sind die Voraussetzung für die Reduzierung der wöchentlichen Arbeitszeit.

2. Diese zugespitzte Forderung nach Arbeitszeitverkürzung will dazu beitragen, die in vielen Bereichen weit über die tariflichen Regulierungen hinaus praktizierten Arbeitszeiten zu reduzieren. Dazu gehört vor allem der Abbau von Überstunden. Es geht um einen Abbau von psychisch belastendem Arbeitsstress durch unzumutbare Flexibilisierungen.

3. Die gesamtwirtschaftliche Ableitung der Arbeitszeitverkürzung wird als einfältig kritisiert. Im Mittelpunkt steht die sich seit Jahrzehnten öffnende Schere: Die Zuwächse der Arbeitsproduktivität gehen bei Weitem über die des Bruttoinlandsprodukts hinaus. Sinkende Wachstumschancen gegenüber der Kapitalintensivierung und dem umgesetzten technischen Fortschritt führen zum Rückgang der Nachfrage nach Arbeitskräften. Schließlich geben selbst die scharfen Kritiker unseres Vorschlags zu, dass mit einem expansiven Wirtschaftswachstum die Schere auch aus ökologischen Gründen nicht mehr geschlossen werden kann. Was bleibt dann außer Arbeitszeitverkürzungen? Selbstverständlich muss mit Gegenreaktionen der Unternehmen auf die Arbeitszeitverkürzung gerechnet werden. Sie erhöhen die Arbeitsproduktivität und damit sinkt der Beschäftigungseffekt der Arbeitszeitverkürzung. Nach empirischen Untersuchungen wird Beschäftigungszuwachs auf die Hälfte der Arbeitszeitverkürzung geschätzt.

4. Die Umsetzung der Arbeitszeitverkürzung in neue Arbeitsplätze setzt voraus, dass die Unternehmen entsprechend ihrem Anforderungsprofil neue Beschäftigte finden. Der hohe Anteil weniger und nicht qualifizierter Arbeitskräfte an der Zahl der Arbeitslosen stellt eine Herausforderung dar. Das Projekt dient auch dem Ziel, eine ohnehin erforderliche Qualifizierungsoffensive zu starten.

5. Massive Proteste löst die Forderung nach dem vollen Lohnausgleich aus. Es geht hier um die immer wieder tabuisierte Verteilung der Wertschöpfung auf die Arbeitseinkommen und Gewinne. Was meint in diesem Kontext voller Lohnausgleich? Beispielsweise kann der gesamte Lohnzuwachs in der Höhe von vier Prozent zur Hälfte auf die Lohnerhöhung und zur anderen Hälfte zur Finanzierung der Arbeitszeitverkürzung verteilt werden. Weil dann die neu Eingestellten den entsprechenden Lohn erhalten, wird die Kaufkraft zugunsten der Binnenwirtschaft gestärkt.

6. Innerhalb des Rahmens einer durchschnittlichen 30-Stunden-Woche lassen sich viele Formen der Arbeitszeitverkürzung auf der Lebens- beziehungsweise Arbeitsphase unterbringen. Dazu gehören Auszeiten, individuelle Teilzeitarbeit, Altersteilzeitmodelle und mehr. Bei der Kampagne zur 35-Stunden-Woche 1984 hat die IG Metall ein zutreffendes Bild benutzt: "Lasst viele Blumen blühen."

–  Der Autor ist Wirtschaftswissenschaftler. Er

war Professor für Finanzwissenschaft an der

Universität Bremen und bis 2009 Direktor

des Instituts Arbeit und Wirtschaft (IAW).

Contra: Weil die Arbeitskräfte knapper werden, braucht Deutschland keine verordnete Arbeitszeitverkürzung, sondern das Gegenteil. Das sagt Hilmar Schneider.

Deutschland steht die gewaltigste Arbeitskräfteverknappung seit Menschengedenken bevor. Ohne Zuwanderung verliert das Land aus demografischen Gründen in den kommenden Jahrzehnten jedes Jahr eine halbe Million potenzieller Arbeitskräfte. Bis 2060 könnte die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter, also zwischen 15 und 64 Jahren, von 54 Millionen auf 31 Millionen sinken. Selbst mit einer als halbwegs realistisch anzunehmenden Nettozuwanderung von 200 000 Personen pro Jahr lässt sich dieser Rückgang nur auf 39 Millionen beschränken.

Hinzu kommt: Der in Köpfen gemessene Bevölkerungsrückgang wird durch Altersstruktureffekte erheblich verstärkt werden. Vor zehn Jahren war nur gut jeder Vierte im erwerbsfähigen Alter älter als 50 Jahre. In zehn Jahren werden es fast 40 Prozent sein. Teils gesundheitsbedingt, teils aus freien Stücken arbeiten Ältere weniger als Jüngere. Das bedeutet, dass der Rückgang an Personen durch einen Rückgang an Arbeitszeit verschärft wird.

Angesichts solcher Zahlen ist es befremdlich, wenn jetzt in einem Memorandum von einer Gruppe von Gewerkschaftern und Linken eine pauschale Begrenzung der Wochenarbeitszeit auf 30 Stunden bei vollem Lohnausgleich gefordert wird. Das ist so, als ob der ADAC seinen Mitgliedern empfiehlt, vor einem Verkehrshindernis noch einmal richtig aufs Gas zu treten.

Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich bedeutet erstens, dass die absehbare Verknappung von Arbeitskraft noch einmal erheblich zunimmt. Wo Unternehmen heute schon Schwierigkeiten haben, geeignete Fachkräfte zu gewinnen, werden die Probleme sicher nicht kleiner, wenn aus drei Stellen vier gemacht werden sollen. Sie bedeutet zweitens, dass sich die Kosten der Arbeit erheblich erhöhen. Wenn der gleiche Monatslohn schon bei 30 statt bei 40 Wochenstunden fällig ist, entspricht dies einer Erhöhung der Stundenlöhne um ein Drittel. Spätestens hier beißt sich die Katze in den Schwanz. Nach fundierten Schätzungen in der wissenschaftlichen Literatur löst ein Zuwachs der Löhne um ein Prozent unter sonst gleichen Bedingungen einen Rückgang der Arbeitsnachfrage um ein Prozent aus. Der beabsichtigte Umverteilungseffekt der Arbeitszeitverkürzung kommt damit letztlich ausschließlich denen zugute, die auch nach der Arbeitszeitverkürzung noch einen Job haben. Das sind aber nicht mehr Menschen als vorher. Ihr Profit besteht in einem Freizeitgewinn. Der Preis, den sie dafür zahlen müssen, besteht in deutlich erhöhten Anforderungen an ihre Produktivität. Arbeitszeitverdichtung und erhöhte Flexibilitätsanforderungen, die von Befürwortern des Memorandums scharf verurteilt werden, werden dadurch paradoxerweise sogar noch zunehmen.

Selbst wenn auf den Anspruch eines vollen Lohnausgleichs ganz oder teilweise verzichtet würde, geht die Gleichung der Linken nicht auf. Die künstliche Verknappung von Arbeitskraft führt zu höheren Arbeitskosten, etwa in Form von höheren Rekrutierungskosten, höheren Personalverwaltungskosten oder höheren Kosten für die Ausstattung von Arbeitsplätzen. Die höheren Kosten führen zu einem Rückgang der Arbeitsnachfrage, sodass für die Umverteilung stets weniger zur Verfügung steht, als es im Ausgangszustand den Anschein hat.

Angesichts des einsetzenden Bevölkerungsrückgangs braucht Deutschland keine gesetzlich verordnete Arbeitszeitverkürzung, sondern das Gegenteil. Um den Pro-Kopf-Wohlstand aufrechtzuerhalten, bedarf es einer schrittweisen Ausweitung der Pro-Kopf-Arbeitszeit von heute 1400 Stunden pro Jahr auf 1700 Stunden bis zum Jahr 2050. Natürlich zu einem entsprechend höheren Verdienst! Nur so können beschäftigungsrelevante Lohnreaktionen auf dem Arbeitsmarkt vermieden werden. Eine durchschnittliche Jahresarbeitszeit von 1700 Stunden mag für deutsche Verhältnisse anspruchsvoll erscheinen, liegt aber immer noch rund 100 Stunden unter der heutigen durchschnittlichen Arbeitszeit von Japanern oder Amerikanern.

Die Hürden für eine entsprechende Strategie liegen weniger in Vereinbarungen zur tariflichen Wochenarbeitszeit als vielmehr in gesetzlich verankerten Teilzeitanreizen. Konkret handelt es sich hier um das Minijob-Privileg, die beitragsfreie Mitversicherung in der gesetzlichen Krankenversicherung, das Ehegattensplitting, Hinzuverdienstregelungen bei vorgezogener Rente und die Anrechnung von Erwerbseinkommen auf den Grundsicherungsanspruch. Würden diese effektiv beseitigt, würde sich ein Großteil des erforderlichen Anstiegs der durchschnittlichen Arbeitszeit realisieren lassen. Flankierend zur Beseitigung der Teilzeitanreize ist ein systematischer Ausbau der Betreuungsinfrastruktur für Kinder ebenso erforderlich wie für pflegebedürftige Erwachsene. Im Ergebnis würden viele Frauen künftig einer Vollzeitbeschäftigung anstelle eines Minijobs oder einer Teilzeittätigkeit nachgehen, ältere Arbeitnehmer würden freiwillig später in Rente gehen und erwerbsfähige Bezieher von Leistungen der Grundsicherung hätten einen größeren Anreiz als heute, ihre Existenz mit eigener Arbeit zu sichern.

– Der Ökonom Hilmar Schneider ist Direktor für

Arbeitsmarktpolitik am Institut zur Zukunft

der Arbeit (IZA) in Bonn.
Alte Idee, neues Moratorium

Verteilte man die vorhandene Menge Arbeit gleichmäßig auf alle Arbeitswilligen, wäre die Massenarbeitslosigkeit beseitigt, oder? Die Idee ist wohl so alt wie die Arbeiterbewegung. Nun greift sie eine Gruppe linker und gewerkschaftsnaher Ökonomen und Politiker in einem Moratorium wieder auf. Unterzeichnet haben Dutzende, neben dem Ökonomen Rudolf Hickel unter anderem Katja Kipping, die Vorsitzende der Partei Die Linke.

Nachzulesen ist das Moratorium im Internet: http://mehr.bz/wenigerarbeiten

Vor Jahrzehnten war der Sozialphilosoph André Gorz († 2007) einer der prominentesten Fürsprecher der Idee. Auch er schlug vor, dass der Staat eine Höchstgrenze festlegt, wie viele Stunden ein Arbeitnehmer arbeiten darf. Alle, bis auf die Arbeitslosen, arbeiten weniger – ohne Abstriche beim Lohn. Gorz schlug aber vor, dass dies nicht die Arbeitgeber, sondern der Staat bezahlt. Den Arbeitnehmern erlaubt die Wenigerarbeit laut Gorz mehr persönliche Entfaltung: In seinem Konzept kann jemand ein Jahr vorarbeiten, um im Jahr darauf ein Haus zu bauen, zu studieren oder ein Kind zu betreuen.

Autor: Rudolf Hickel (Pro), Hilmar Schneider (Contra)