Gastbeitrag

Eine Chance für eine moderne Arbeitszeitregelung in der digitalen Welt

Alexander Spermann

Von Alexander Spermann

Sa, 06. Januar 2018 um 10:30 Uhr

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Die Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie bietet Chancen für moderne Arbeitszeitregeln. Warum die 28-Stunden-Woche nicht zwangsweise zu weniger Jobs führt, erklärt Alexander Spermann.

Nach dem Willen der mitgliedstärksten Gewerkschaft in Deutschland sollen die 3,9 Millionen Beschäftigten in der Metall- und Elektroindustrie nicht nur sechs Prozent mehr Entgelt, sondern auch einen individuellen Anspruch auf Arbeitszeitreduzierung erhalten – auf bis zu 28 Stunden je Woche für maximal zwei Jahre.

Danach sollen Beschäftigte wieder auf eine Vollzeitstelle zurückkehren können. Zwar wird kein genereller Lohnausgleich gefordert, doch sollen zwei Entgeltzuschüsse von den Arbeitgebern bezahlt werden:

Erstens sollen Arbeitnehmer, die wegen Kinderbetreuung oder Pflege von Angehörigen in Teilzeit gehen, einen monatlichen Zuschuss von 200 Euro erhalten – wenn die wöchentliche Arbeitszeit um mindestens 3,5 Stunden reduziert wird.

Zweitens sollen Schichtarbeiter und Arbeiter in belastenden Arbeitszeitmodellen einen jährlichen Zuschuss von 750 Euro erhalten.

Die Gewerkschaften nehmen ein relevantes Thema für die Arbeitnehmer ins Visier: Den Wunsch nach geringerer Arbeitszeit, um mehr Zeit für Familie und Freizeit zu haben. Nach dem Arbeitszeitreport 2016 – einer repräsentativen Umfrage der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin – wünschen sich 47 Prozent aller Beschäftigten eine Arbeitszeitverkürzung. Zurecht verweisen jedoch die Arbeitgeber darauf, dass über die Hälfte der Beschäftigten genau so viel wie bisher, mitunter sogar mehr arbeiten will.

Wohin der Kostenschock Arbeitszeitverkürzung mit Lohnausgleich führen kann, zeigen die Folgen der 35-Stunden-Woche in Deutschland. Nach einer intensiven tariflichen Auseinandersetzung Mitte der achtziger Jahre setzte die IG Metall Arbeitszeitverkürzungen durch. Zwischen 1984 und 1994 ging die tariflich festgelegte Arbeitszeit in der Metall- und Elektroindustrie von 40 Stunden schrittweise auf 36 Stunden zurück.

Empirische Studien kommen zu dem Ergebnis: Die Reduktion der tariflichen Arbeitszeit um eine Stunde verringerte die tatsächliche Arbeitszeit um 0,9 Stunden. Durch den vollen Lohnausgleich erhöhte sich der Stundenlohn um 2,2 Prozent. Das Lohneinkommen der Arbeitnehmer blieb insgesamt weitgehend konstant, weil die geringere Arbeitszeit durch einen höheren Stundenlohn kompensiert wurde. Dementsprechend ging die Beschäftigung von Männern um 1,2 Prozent zurück, die Gesamtbeschäftigung nahm ab.

Doch es gilt auch der Umkehrschluss: Wenn die Lohnsteigerungen hinter dem Produktivitätszuwachs zurückbleiben, dann entsteht Spielraum für mehr Beschäftigung. Diese Einsicht erklärt die Lohnzurückhaltung der Tarifparteien, die im Zusammenspiel mit den Hartz-Reformen wesentlich zum Abbau der Arbeitslosigkeit und zum Aufbau von Beschäftigung in Deutschland beigetragen hat. Der Preis für diese Entwicklung war zunehmende Lohnungleichheit und Niedriglohnbeschäftigung.

Damit wird das Dilemma der Gewerkschaften klar. Durch Lohnzurückhaltung konnte die Beschäftigung von Geringqualifizierten erhöht werden – doch die Bezahlung war gering und die Lohnungleichheit nahm zu. Werden jetzt hohe Löhne durch eine Arbeitszeitverkürzung bei teilweisem Lohnausgleich durchgesetzt, so besteht die Gefahr, dass insbesondere die Geringqualifizierten ihre Jobs verlieren.

Doch die Erfahrungen mit der Einführung des gesetzlichen Mindestlohns zeigen, dass nicht jeder Kostenschock kurzfristig mit Beschäftigungsverlusten einhergehen muss – wenn die konjunkturelle Lage stimmt und die Umsetzung mit Ausnahmen und Übergangsperioden stattfindet. Daraus kann man für die Auseinandersetzung um die 28-Stunden-Woche lernen.

Im Rahmen des vom Bundesarbeitsministerium moderierten Dialogs zu Arbeiten 4.0 wurden vor diesem Hintergrund sinnvollerweise "Lern- und Experimentierräume" für verschiedene Arbeitszeitmodelle vorgeschlagen. Diesen Weg sollten die Tarifparteien beschreiten.

In der aktuellen Tarifrunde ist zwar eine Einigung zu Lohnsteigerungen nach den üblichen Ritualen zu erwarten: Die IG Metall fordert sechs Prozent, die Arbeitgeberverbände bieten zwei Prozent – der Einigungskorridor ist vorbereitet.

Doch die Debatte zu einer Arbeitszeitflexibilisierung in Zeiten der digitalen Revolution steht erst am Anfang. Den ersten "Aufschlag" machten die Arbeitgeber vor zwei Jahren mit ihrem Vorstoß zu wöchentlichen Höchstarbeitszeiten – ein Vorschlag, der bis heute auf dem Verhandlungstisch liegt. Die Initiative der IG Metall für eine 28-Stunden-Woche ist denn auch als "Return" der Gewerkschaften zu verstehen. Damit wird Arbeitszeitflexibilisierung zu einem Kernthema der tariflichen Auseinandersetzung. Diese Verhandlungen sind eine Chance für eine moderne Arbeitszeitregelung in der digitalen Welt.