Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

17. November 2016

Währungsreform in Indien löst Panik aus

Im Kampf gegen Korruption und Schwarzgeld wurden vor einer Woche plötzlich große Geldscheine ungültig / Die Banken sind seitdem heillos überfordert / Todesfälle.

  1. Menschen drängen sich im nordindischen Dharamsala, um ungültig gewordene Scheine zu tauschen. Foto: dpa

NEU DELHI. Gedränge vor den Banken, Lastwagen bleiben auf der Straße stehen, Kinder werden im Krankenhaus nicht behandelt: Dass die wichtigsten Geldscheine plötzlich ungültig wurden, hat in Indien chaotische Zustände ausgelöst. Die Armen leiden am meisten.

Vor dem Eingang der Filiale der Deutschen Bank in Neu-Delhi wird es laut. Ein großer Mann mit Turban hält fluchend einem Mitarbeiter einen Zettel vor das Gesicht. "Ich warte seit mehr als zwei Stunden", ruft er. "Ständig werden Leute vorgelassen." 10 000 Rupien (137 Euro) darf er an diesem Tag maximal von seinem Konto abheben. So steht es auf seinem Zettel mit der Wartenummer 437. Wenn er mehrere Stunden in der Schlange vor der Bank durchhält – und dann noch Bargeld verfügbar ist. Szenen wie diese spielen sich seit einer Woche täglich vor fast jeder Bankfiliale Indiens ab. In der vergangenen Woche hatte die indische Regierung innerhalb weniger Stunden alle Banknoten im Wert von mehr als 100 Rupien (1,37 Euro) für ungültig erklärt. Neue Scheine im Wert von 500 und 2000 Rupien (6,85 und 27,40 Euro) werden nur sehr langsam und unter der Voraussetzung ausgegeben, dass das alte Geld zuvor auf ein Konto eingezahlt wird.

Werbung


Doch das ist einfacher gesagt als getan. Obwohl die Banken das vergangene Wochenende geöffnet blieben, sind die Schlangen vor den Instituten inzwischen länger als kurz nach der Ankündigung. Hunderte Menschen stauen sich vor fast jeder Filiale. Immer wieder brechen Streitereien aus. Vor einer Bank drängen Wachleute die Menschenmenge mit Schlagstöcken zurück, damit diese sie nicht überrennt. Viele Menschen sind verzweifelt. Der Indian Express berichtet von Todesfällen vor Banken und Postämtern. Mindestens acht Menschen töteten sich demnach selbst, nachdem sie kein Geld mehr für Essen hatten. Im Bundesstaat Odisha starb laut Medienberichten ein zweijähriges Kind, weil ein Rikscha-Fahrer sich weigerte, es ins Krankenhaus zu bringen. Die Eltern des Kindes hatten nicht genug kleine Geldscheine.

In einem Brief an die Regierung forderten mehr als 150 Wirtschaftsfachleute, Akademiker und Schriftsteller, die Aktion zu stoppen. Die "ungeplante Demonetarisierung" habe "zu unruheartigen Zuständen im Lande" geführt, schrieben sie laut Times of India. Für das Umtauschen der alten Scheine müssten komplizierte Formulare ausgefüllt und ein gültiger Ausweis vorgelegt werden. Menschen mit wenig Bildung, die kaum lesen und schreiben könnten, litten am meisten.

"Die Geschäfte laufen sehr schlecht", sagt Mahinder, der einen Kiosk in Neu-Delhis Geschäftszentrum Connaught Place betreibt. "Ich habe einen Freund gebeten, dass er mir zeigt, wie ich mich über mein Handy bezahlen lassen kann." Auf der anderen Seite gehen Geschäften, die Kreditkarten annehmen, die Waren aus. Online bezahlbare Lieferdienste für den täglichen Einkauf kündigen Wartezeiten von mehreren Tagen an. Reaktionen wie die von Mahinder hatte Indiens Premierminister Narendra Modi wahrscheinlich im Kopf, als er die überraschende Aktion ankündigte. "Wir wollen uns so aus dem Griff von Korruption und Schwarzgeld befreien", sagte er. Dafür will er alles Bargeld einmal durch das Bankensystem zwingen – und möglichst viel davon anschließend dort digitalisiert belassen.

Doch wie sich nun mehr und mehr zeigt, gleicht die Aktion einer Operation am offenen Herzen. Die für ungültig erklärten Noten machen mehr als 86 Prozent der Bargeldkaufkraft des Landes aus. Um niemandem die Gelegenheit zu geben, Schwarzgeld beiseitezuschaffen, wussten auch die Banken vorher nicht, dass mehr als 22 Milliarden Geldscheine eingezogen und durch neue ersetzt werden sollen. Auch die Geldautomaten sind noch immer nicht auf die neuen Scheine eingestellt und geben nur kleine Noten aus, weshalb sie ständig leer sind.

Zum Vergleich: Im gesamten Euroraum sind mit 19,5 Milliarden weniger Banknoten im Umlauf, als nun in Indien auf einen Schlag für ungültig erklärt worden sind. "Ich habe damals die Umstellung auf den Euro die größte logistische Herausforderung in Friedenszeiten genannt", sagt Professor Otmar Issing, Präsident des Center for Financial Studies der Universität Frankfurt. "Und die war von langer Hand vorbereitet." Die Umstellung in Indien werde logistisch mindestens ebenso schwierig – und das ohne lange Vorbereitung. "Die Inder mussten den Umtausch geheim halten, damit er seinen Zweck erfüllt."

Die indische Wirtschaftsprofessorin und Gegnerin der Währungsreform, Jayati Ghosh, bezeichnet sie als "wirtschaftspolitische Maßnahme, die die Öffentlichkeit blendet, ohne das nötige Auge fürs Detail, das ihren Erfolg sichern könnte." Sie kritisiert, dass insbesondere die armen Bevölkerungsschichten leiden. Rund die Hälfte der Inder hat kein Konto und die Mehrheit der Landbevölkerung noch nicht einmal eine Bankfiliale in ihrer Nähe. "Dieser Schock über Nacht", schreibt sie in einem Gastbeitrag für die Zeitung The Hindu, "ist enorm destabilisierend und wird einem sehr großen Teil der Bevölkerung materiellen Schaden zufügen."

Autor: Stefan Mauer (dpa)/epd