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10. August 2012

Erneuerbare Energien

Windenergie: In der Branche sind unseriöse Geschäftspraktiken verbreitet

Privatanleger können in die Energiewende investieren – zum Beispiel in Windparks / Doch zahlreiche Manager zocken dort ab.

  1. Windräder im Nebel Foto: dpa

BERLIN. In der Windenergiebranche sind laut Experten unseriöse Geschäftspraktiken verbreitet. Deshalb gucken Bürger, die ihr Geld in Windparks investieren, häufig in die Röhre. "Bei unseren Untersuchungen finden wir kaum Windfonds, die sich für Anleger lohnen", sagt Ariane Lauenburg von der Verbraucherzeitschrift "Finanztest".

Ein aktuelles Beispiel ist der Windpark Möbisburg bei Erfurt. Dort haben die Anleger vor dem Thüringer Oberlandesgericht erstritten, dass der ehemalige Geschäftsführer Stephan Hloucal den Park nicht weiter führen darf. Die große Mehrheit der Anteilseigner der elf Windräder meint, dass das Management sich unter anderem viel zu hohe Honorare reserviert habe. Interessanterweise ist der umstrittene Ex-Geschäftsführer noch immer Vorsitzender des Thüringer Windenergieverbandes. Dies ist die Regionalorganisation des Bundesverbandes Windenergie, des wichtigsten Branchenverbandes mit rund 20 000 Mitgliedern.

Wie kann jemand wie Stephan Hloucal die Interessen einer ganzen Branche vertreten, wenn viele Anleger ihm die vertrauenswürdige Führung eines Windparks nicht zutrauen? Hloucal selbst will sich nicht äußern. Der Bundesverband Windenergie sagt, Hloucal sei demokratisch gewählt, und an "seinem ehrenamtlichen Engagement als Landesvorsitzender gibt es nichts zu beanstanden".

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Offenbar aber hat der Verband ein Problem. Denn der Konflikt von Erfurt scheint symptomatisch zu sein für große Teile der Branche. "Unseriöse Finanzpraktiken kommen bei geschlossenen Wind- und Erneuerbare-Energien-Fonds häufig vor", so Expertin Lauenburg. "Anbieter rechnen Erträge schön und genehmigen sich für ihre Dienste kräftige Vergütungen." Beispiel Möbisburg: Auf der Internetseite der am Projekt beteiligten Firma UDI kann man sich die Windstatistik ansehen. Die geplanten Erträge liegen deutlich über den erzielten. Bis heute erhalten die Anleger keine Ausschüttung. Leer ausgegangen sind sie aber nicht. Anfangs kann man die Investition in einen Windpark steuerlich absetzen.

Genaue Zahlen, wie verbreitet derartige Phänomene sind, gibt es noch nicht. Die Aufarbeitung steht erst am Anfang. Christian Herz von der Firma Ökofair, der neue Geschäftsführer des Windparks Möbisburg, hat bisher 600 der etwa 2500 deutschen Windfonds analysiert. Sein Ergebnis: "Bei den großen Massenpublikumsgesellschaften, die in der Boomphase 1997 bis 2005 eröffnet wurden, erfüllen über die Hälfte die Prognosen nicht. Viele davon sind Sanierungsfälle."

Reinhard Ernst vom Anlegerbeirat des Bundesverbandes Windenergie, der geprellte Anleger unterstützt, sagt: "Die ganze Branche ist verwurmt. Wer in Windparks investieren will, sollte dies nicht bei den großen Projektierern und Betreibern wie Prokon, Umaag, Energiekontor oder Plambeck tun." Finanztest rät, die geschlossenen Windfonds, die gegenwärtig angeboten werden, vor einer Investition sehr genau zu prüfen. Generell sind geschlossene Fonds, egal worin sie investieren, eher etwas für geübte Anleger, sagen Verbraucherschützer. Weil das Geld auf Jahre hinaus festliegt und das Risiko eines Totalausfalls besteht, sollten Privatanleger höchstens einen kleinen Teil des eigenen Geldes darin investieren.

Eine Frage ist nun: Was soll man tun, wenn man sein Geld in erneuerbare Energien stecken möchte? Ernst rät zu einer sehr aufwendigen Lösung: Bürgerwindparks oder Genossenschaften. Das sind Organisationsformen, bei denen die Anleger ihre Geschäftsführung unter stärkerer Kontrolle haben. Um diesen Vorteil zu erhalten, müssen die Gesellschafter die Firma aber selbst gründen und die Verträge so formulieren, dass sie nicht über den Tisch gezogen werden. Das macht viel Arbeit, kann aber einen gewissen Schutz gegen Abzocke bieten.

Autor: Hannes Koch