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17. Januar 2011

"Wir müssen abspecken"

BZ-INTERVIEW mit dem Grünen Reinhard Loske zum Wirtschaftswachstum: "Wir brauchen eine Veränderung der Kultur und der Lebensstile".

  1. Hier wird das Bruttoinlandsprodukt gesteigert – ein Blick auf die Baustelle des neuen Berliner Flughafens. Foto: dpa

  2. Reinhard Loske Foto: privat

BERLIN. Heute nimmt im Bundestag eine Kommission mit dem Titel "Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität" ihre Arbeit auf. Sie sucht nach Wegen, Wirtschaftswachstum und Lebensqualität in Einklang zu bringen. 17 Abgeordnete, unter ihnen die Freiburger Grüne Kerstin Andreae, und 17 Fachleute arbeiten in der Kommission. Reinhard Loske, der grüne Umweltsenator von Bremen, plädiert im Gespräch mit Hannes Koch dafür, dass wir uns vom Zwang zum Wirtschaftswachstum verabschieden.

BZ: Herr Loske, Sie registrieren ein neues Unbehagen bei vielen Bürgern. Auch deshalb haben Sie die Enquetekommission des Bundestages über den Sinn des Wirtschaftswachstums mitinitiiert, die heute startet. Worum sorgen sich Ihre Gesprächspartner?
Loske: Viele Menschen wünschen sich mehr Zeit. Sie wollen dem Hamsterrad von Arbeit und Konsum entkommen. Sie bezweifeln, dass der Zwang zum ewigen Mehr noch einen Sinn hat.

BZ: Wieso setzt dieser Sinneswandel ausgerechnet jetzt ein?

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Loske: Vielleicht hat es mit den Turbulenzen der vergangenen Jahre zu tun. Die Finanzkrise war auch eine Krise der Wachstumsgesellschaft. Außerdem leiden in unserer hocheffektiven Wirtschaft immer mehr Menschen an Erschöpfung – was daran liegen kann, dass einerseits der Altersdurchschnitt der Bevölkerung steigt, andererseits die Anforderungen der Arbeitswelt und paradoxerweise auch der Freizeit permanent zunehmen.

BZ: Das mag man als Luxushaltung von Bürgern betrachten, die sich alle materiellen Wünsche erfüllen können. Gut ein Drittel der Menschen in diesem Lande aber ist dazu nicht in der Lage. Ist Wachstumskritik ein Modell für Freiburg, aber nicht für Cottbus?
Loske: Das ist ein denunziatorisches Argument. Ich sehe mich nicht als Fürsprecher einer gelangweilten Bionade-Bourgeoisie. Ganz im Gegenteil möchte ich die Aufmerksamkeit auf die sozialen und ökologischen Schäden lenken, die unser Wirtschaftssystem in allen gesellschaftlichen Schichten verursacht und mithelfen, einen Ausweg zu entwerfen.

BZ: Viele Menschen sind arm. Sie leben von 1000 Euro brutto im Monat. Sie brauchen mehr Geld, nicht weniger. Deshalb eröffnet ihnen Wirtschaftswachstum eine Perspektive auf ein besseres Leben.
Loske: Die Einkommensverteilung in Deutschland ist in der Tat unausgewogen. Mehr Steuergerechtigkeit ist deshalb ein Muss. Dennoch: Ein angenehmes Leben ohne materiellen Zuwachs ist für viele möglich. In Bremen haben wir beispielsweise die Bauteilebörse. Privatleute können dort intaktes Baumaterial aus Abbruchhäusern erwerben. Das ist eine sehr preisgünstige Lösung, das Gegenteil von Verschwendung. Es zeigt: Statt mehr Geld helfen oft soziale Innovationen und einfache Lösungen.

BZ: Nicht nur die Armen in Deutschland haben Nachholbedarf. Außerdem wächst die Weltbevölkerung. Auch diese Menschen wollen essen, wohnen und reisen. Wachstum erscheint deshalb notwendig.
Loske: In vielen Ländern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas ist der Wohlstand pro Kopf der Bevölkerung tatsächlich zu niedrig. Unser Niveau in den Industriestaaten dagegen liegt sehr hoch. Die gigantischen Schäden, die wir verursachen, beweisen, dass unser Wirtschaftsmodell an seine Grenzen gerät und nicht auf andere Weltregionen übertragen werden sollte. Wir müssen abspecken und gleichzeitig den Armen der Welt Perspektiven ermöglichen, die die Erde nicht ruinieren.

BZ: Welche Schäden des Wachstums meinen Sie?
Loske: Unsere Wirtschaft privatisiert die Gewinne und sozialisiert die Kosten. So geht es den vier großen Stromkonzernen in Deutschland sehr gut, dem Klima hingegen schlecht. Mit ihren Kohle- und Gaskraftwerken machen die Unternehmen hohe Gewinne, laden das schädliche Kohlendioxid aber in der Atmosphäre ab. Auch diese umweltschädliche Produktion treibt das Bruttoinlandsprodukt in die Höhe. Daran kann man sehen, dass das BIP als Maßstab unseres Wohlergehens völlig überholt ist. Wir brauchen neue Wohlstandsindikatoren, die die tatsächlichen Kosten unserer Wirtschaftsweise und die Zufriedenheit der Menschen abbilden.

BZ: Aber die Wachstumsraten der Industrieländer nehmen sowieso ab. Weil unsere Märkte zunehmend gesättigt sind, schaffen wir nur noch Minizuwächse. Erledigt sich das Problem nicht von selbst?
Loske: Nein. Angesichts der großen Mengen von Fahrzeugen, Computern und anderen Gütern, die unsere Hochleistungsökonomie produziert, ist selbst der Zuwachs von einem Prozent pro Jahr besorgniserregend groß. Um die Veränderung des Klimas einigermaßen zu begrenzen, müssen wir den Verbrauch von natürlichen Ressourcen bis Mitte des Jahrhunderts auf ein Zehntel reduzieren.

BZ: In Ihrem Essay "Abschied vom Wachstumszwang" argumentieren Sie, dass ökologische Technik alleine keine Wende zur Nachhaltigkeit bringt. Sonnenenergie statt Erdöl – was soll an dieser Strategie falsch sein?
Loske: Falsch daran ist gar nichts. Aber wenn wir im selben Tempo weitermachen und bloß fossile durch regenerative Energien ersetzen, müssten wir beispielsweise die ganze Nordsee mit Windrädern vollstellen. Ein anderes Beispiel: Sparsame Autos verbrauchen zwar weniger Energie, aber es gibt mehr von ihnen. Die Belastung der Natur nimmt also nicht ab, sondern steigt eher noch weiter. Eine neue, diesmal grüne Technikrevolution ist notwendig, reicht jedoch nicht aus. Wir brauchen auch eine Veränderung der Kultur und der Lebensstile – eine Mischung aus Effizienzrevolution und Selbstbeschränkung.

BZ: Sie schlagen vor, den Zwang zum Wachstum zu durchbrechen. Wie kann man das machen?
Loske: Wir sollten beispielsweise die Sozialbeiträge der Beschäftigten und Unternehmen verringern und stattdessen den Ressourcenverbrauch mit höheren Abgaben belasten. Das würde die Einsparung von Ressourcen befördern und die Kosten der menschlichen Arbeit senken. Die Firmen spürten dann weniger Anreiz, Arbeitsplätze wegzurationalisieren. Damit nähme auch die Notwendigkeit ab, durch hohes Wachstum Ersatzjobs zu schaffen. Auch könnten die Gewerkschaften über Arbeitszeitverkürzung verhandeln, anstatt über Lohnsteigerungen. Indem man die Arbeit auf mehr Personen verteilte, verringerte sich ebenfalls der Zwang, neue Stellen durch mehr Wachstum zu generieren.

BZ: Sie sind Umweltsenator in Bremen. Was tun Sie dort, um das Wachstum zu verlangsamen?
Loske: Schon heute legen die Bremer Bürger zwei Drittel aller Wege in der Stadt zu Fuß, mit dem Rad oder den öffentlichen Verkehrsmitteln zurück. Das wollen wir weiter vorantreiben. So soll Bremen zur Hauptstadt des Carsharings werden. Wenn die Menschen Autos gemeinschaftlich nutzen, benötigen sie weniger neue Fahrzeuge. Der Verbrauch von Rohstoffen sinkt und das Klima wird entlastet.

BZ: Ist Carsharing für den Einzelnen auch billiger als der eigene Wagen?
Loske: In vielen Fällen ist das so. Man spart die Anschaffungskosten, die Kfz-Steuer und die Reparaturen. Und trotzdem hat man ein Fahrzeug zur Verfügung, wenn man es braucht. Das allerdings bedeutet auch eine Umstellung des eigenen Verhaltens. Das Auto steht nicht vor der Türe, man muss sich vorher anmelden und eventuell zur Carsharing-Station hinlaufen. Aber mit Verzicht hat so etwas nichts zu tun.

BZ: Das ist doch Wohlfühlpolitik in kleinen Nischen. Bremen lebt von der Auto- und Rüstungsindustrie, von den riesigen Containerterminals in Bremerhaven. Trauen Sie sich auch in diesen Bereichen zu, die Wachstumsdynamik zu brechen?
Loske: Nicht alles kann man von heute auf morgen lösen. Als Aufsichtsrat unserer Hafengesellschaft versuche ich mitzuwirken, dass die Umweltbelastung im Hafen und auf den Schiffen abnimmt. Aber die Zahl der Container steigt trotzdem. Wir müssen uns als Gesellschaft die Frage stellen, ob wir uns immer weiter globalisieren wollen, oder ob wir nicht wieder mehr Nahrungsmittel und Produkte regional herstellen und nutzen können – eine umstrittene Frage und ein langer Weg.

STICHWORT

Wie berechnet man das Bruttoinlandsprodukt (BIP)? Bei der Entstehungsrechnung ermitteln die Statistiker zuerst den Produktionswert. Er setzt sich vor allem aus den Umsätzen der Unternehmen zusammen, die in den Grenzen Deutschlands tätig sind. Er berücksichtigt also auch die Verkäufe des italienischen Eisdielenbesitzers, der in Deutschland lebt. Von diesem Produktionswert werden dann die Vorleistungen abgezogen. Unter Vorleistungen versteht man all jene Güter und Dienstleistungen, die in der Produktion verbraucht, umgewandelt oder verarbeitet werden. Im Friseursalon ist zum Beispiel das Shampoo fürs Haarewaschen eine Vorleistung. Diese Vorleistungen muss man herausrechnen. Denn in das BIP fließt schon der Umsatz des Shampooherstellers ein, der sein Produkt an den Friseursalon verkauft. Zieht man vom Produktionswert die Vorleistungen ab, erhält man die Bruttowertschöpfung. Zur Bruttowertschöpfung wird noch die Differenz zwischen Gütersteuern (zum Beispiel Mehrwert- oder Tabaksteuer) und Subventionen hinzuaddiert, dann erhält man den BIP-Wert. Man kann sich auch fragen, wie das BIP verwendet wird. Dann werden die privaten Konsumausgaben, die staatlichen Konsumausgaben (zum Beispiel Ausgaben für die Verwaltung) und die Bruttoinvestitionen sowie der Außenbeitrag (Exporte minus Importe) zusammengezählt.  

Autor: bkr

ZUR PERSON: REINHARD LOSKE

Reinhard Loske (51) ist grüner Umweltsenator der rot-grünen Landesregierung in Bremen. Zuvor war er Vizechef der grünen Bundestagsfraktion und Wissenschaftler am Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt, Energie. Soeben ist sein Essay "Abschied vom Wachstumszwang" bei Basilisken-Presse erschienen. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.  

Autor: hko

Autor: hko