Horror vor dem harten Brexit

Jakob Schönhagen

Von Jakob Schönhagen

So, 13. Januar 2019

Südwest

Der Sonntag Verlässt Großbritannien Ende März die EU? Anspannung in südbadischen Unternehmen.

Kommt der Brexit oder kommt er nicht? Kommt er geregelt oder als harter, ungeregelter Austritt? Das Spektrum möglicher Folgen für Unternehmen ist beträchtlich. Auch Existenzen stehen auf dem Spiel.

Abwarten und Tee trinken. Was als Sprichwort für englische Gelassenheit gilt, nimmt derzeit für deutsche Unternehmer einen faden Beigeschmack an. Beim Brexit geht es auch für Deutschland um viel. Die Folgen wären für die exportorientierte Wirtschaft in Südbaden immens. Egal, in welcher Form er auch kommt – mit oder ohne Deal, als harter oder weicher Austritt aus der EU. "Mir graut es davor", gesteht Florian Frey. Am späten Dienstagnachmittag ist er ausnahmsweise nicht in London, sondern in Lörrach anzutreffen. Was auch mit dem Brexit zu tun hat. "Wir versuchen, uns auf mehrere Szenarien vorzubereiten." In Lörrach arbeiten sie gerade am ersten Ableger ihrer Restaurantkette in Deutschland. Zwei bis drei weitere in Südbaden sollen folgen.

Dabei hatte Frey mit seiner Geschäftsidee in England bisher großen Erfolg. Seine Kette "Hermann ze German" ist in London Kult. Die Würste aus Steinen haben sich zum Trendessen entwickelt. Vier Lokale hat er bereits eröffnet, seit er 2010 begann, deutsche Würste in der englischen Hauptstadt zu verkaufen. Über 60 Angestellte beschäftigt Frey in England. Vergangenes Jahr eröffnete ein neuer Ableger in London, dieses Jahr folgt ein Geschäft in Birmingham. "Hermann ze German" ist eigentlich die große Nummer auf der Insel. Eigentlich. Denn die Zukunft ist ungewiss. "Es kann sein, dass wir durch die Folgen des Brexit uns aus England komplett zurückziehen werden", erklärt der 38-Jährige.

Um was aber geht es beim Brexit aus wirtschaftlicher Sicht? Die Länder sind wirtschaftlich eng verknüpft. Deutschland exportiert nach Berechnungen der Gesellschaft für Außenwirtschaft und Standortmarketing (GTAI) über 84 Milliarden Euro ins Vereinigte Königreich. Importiert werden Waren und Dienstleistungen im Wert von 41 Milliarden Euro. Insgesamt beschäftigen 2 227 deutsche Firmen 412 000 Mitarbeiter auf der Insel. Da eine Einigung zwischen EU und Großbritannien ebenso wenig wie eine Einigung innerhalb Englands vorliegt, herrscht große Unsicherheit.

Trend-Restaurant bald ohne Kunden?

Größte Sorge ist, dass ein Brexit ohne Einigung kommt. "Das ist das Horrorszenario", sagt Würstchenunternehmer Frey. Petra Steck-Brill, Referentin für EU-Märkte bei der IHK Südlicher Oberrhein, erläutert: "So wären künftig Zollformalitäten zu erfüllen, was zu Verzögerungen der Warenlieferungen an den Grenzen von und ins Vereinigte Königreich führt und zusätzliche Kosten verursachen kann." Was konkret heißt: Handel wird teurer. Nach Berechnungen des GTAI müsste allein Großbritannien 5 000 zusätzliche Zöllner einstellen, Frankreich mindestens 250, die Niederlande 750. Die Kosten werden auf 200 bis 500 Millionen Euro geschätzt, Zölle nicht mit einberechnet.

Wie viele Unternehmen in Südbaden betroffen wären, ist unklar. Aline Theurer von der Handwerkskammer International in Baden-Württemberg warnt aber: "Unternehmen sollten dringend ihre Verträge überprüfen." Hat eine Organisation beispielsweise festgelegt, dass sie für Versandkosten aufkommt, könnte sie plötzlich vor extremen Kosten stehen.

Die Ungewissheit könnte bereits am Dienstag beseitigt werden: Da will Premierministerin Theresa May das Parlament über den ausgehandelten Austrittsvertrag abstimmen lassen. "Würde der angenommen, dann hätte man in jedem Fall zwei Jahre Übergangszeit, um offene Fragen zu klären", sagt Theurer.

Würstchen-Fachmann Frey wird sich weiterhin Gedanken machen müssen. Die Probleme sind vielfältig. Frischware dürfte er beispielsweise nicht mehr importieren. "Wir müssten uns überlegen, Kühlware zu benutzen oder englische Metzger zu finden." Längere Lieferwege, zusätzliche Kosten für Organisation und Kühlhäuser sind da programmiert. Noch mehr Sorgen bereitet das Personal. "95 Prozent davon ist aus dem Ausland", sagt Frey, "seit dem Referendum ist es immer schwieriger, Personal zu finden." Die Überlegungen gehen so weit, Bedienungen abzuschaffen und den Verkauf über Computer abzuwickeln.

Die größte Sorge aber bereitet die schwindende Kaufkraft. "Unseren Umsatz machen wir ausschließlich durch das Nachmittagsgeschäft." Jetzt aber, wo vermehrt Firmen ihre Belegschaft abziehen, nimmt die Kundschaft ab. Ohne Wurstesser allerdings verkauft sich keine Wurst. Was für Frey die Wurst ist, ist für eine selbstständige Schneiderin im Wiesental, die namenlos bleiben will, das Brautkleid. Seit 30 Jahren ist die 56-Jährige selbstständig. Ihr Hauptgeschäft macht sie mit Braut- und Abendkleidern. "Die Stoffe dazu beziehe ich aus England. Vom gleichen Hersteller wie die Queen." Vergleichbare Ware in Deutschland gibt es kaum. Wenn überhaupt, dann nur zu weitaus höheren Preisen. Die Schneiderin steht vor dem Aus. Nach drei Jahrzehnten Selbstständigkeit. "Ich muss mich nun nach Jobs umschauen." Momentan bleibt einzig die Hoffnung, dass es in England noch zu einer Kehrtwende kommt.