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19. April 2014

BZ-Interview

Wirtschaftshistoriker Abelshauser: „Es muss einem nicht bange sein"

Deutschlands prominentester Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser hält im Rückblick die Einführung des Euro für einen Fehler. Hier spricht er über falsche Argumente für die Gemeinschaftswährung, die Politik der Europäischen Union und Deutschlands Rolle in der Weltwirtschaft. Er erklärt, warum die heimischen Firmen so konkurrenzfähig sind und warum wir uns hüten sollten, andere Länder zwanghaft zu kopieren. Von Jörg Buteweg

  1. Werner Abelshauser Foto: dpa

  2. Abstich am Hochofen Foto: dpa

War die Einführung des Euro ein Fehler?
Abelshauser: Wie wir heute wissen, war sie ein Fehler. Die Währungsunion gehört aber von Anfang an zu den vertraglichen Zielen der Integration. In den 1990er-Jahren schien sich dann die Gelegenheit endlich zu bieten. Aber es gab schon damals auch Hinweise auf unterschiedliche kollektive Mentalitäten.

BZ:
Was meinen Sie damit?
Abelshauser: Damit meine ich die Fähigkeit einer Gesellschaft, Regeln einzuhalten. Es gab auch die Hinweise auf unterschiedliche Wirtschaftskulturen. Das sind Organisationsweisen, Denkweisen, Handlungsweisen, die sich oft über Jahrhunderte aufgebaut haben. Sie sind dann sehr fest etabliert. Sie lassen sich nur sehr, sehr schwer ändern. Aber wie Politiker so sind: Sie glauben, mit einigen Programmen und viel Geld könne man diese eingeschliffenen Mentalitäten ändern.

BZ: Wie läuft das denn in der EU oder genauer: in der Eurozone?
Abelshauser: In der EU ist ein Ziel erreicht worden: der einheitliche Binnenmarkt. Das lief über Harmonisierung. In der Eurozone ist dies aber der falsche Ansatz. Europäische Wirtschaftspolitik kann ihre Kraft nur aus der Einheit in der Vielfalt schöpfen. Wir haben in Europa unterschiedliche Wirtschaftskulturen, mit Wettbewerbsvorteilen auf bestimmten Märkten. Das ist ein Vorzug gegenüber anderen Teilen der Welt. Jede dieser Wirtschaftskulturen sollte für sich gefördert und entwickelt werden, und man sollte nicht versuchen, sie zu harmonisieren.

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BZ: Wenn es keine Einheitswirtschaft geben soll, welchen Grund gibt es für eine Einheitswährung?
Abelshauser: Wir brauchen keine Einheitswährung. Was die deutsche Exportwirtschaft braucht, sind kalkulierbare Bedingungen. Für Deutschland wäre es besser, wir hätten ein Währungssystem von – sagen wir 30 – europäischen Staaten mit festen Wechselkursen. Dann wäre die unselige Währungsspaltung in Europa überwunden und die Exportindustrie könnte auf einer stabilen Basis kalkulieren.

BZ: So etwas gab es in den 1980er und 1990er-Jahren mit dem Europäischen Währungssystem.
Abelshauser: Das EWS wurde 1979 gegründet von Helmut Schmidt und Valerie Giscard d’Estaing und hielt bis 1999. Die Währungen der beteiligten Länder waren in Grenzen flexibel. Wurden diese Grenzen überschritten, musste die Notenbank dafür sorgen, dass die Währungen im festgelegten Verhältnis zueinander blieben. Wenn das nicht mehr möglich war, kam es zu punktuellen Wechselkursanpassungen. Insgesamt 17-mal wurden die Währungen im EWS angepasst. Das wurde damals als instabil betrachtet. Aus heutiger Sicht brachte das die Flexibilität, die jetzt fehlt.

BZ: Angenommen, der Euro würde abgeschafft und wieder durch nationale Währungen ersetzt: Dann würden die anderen Währungen abwerten und eine neue deutsche Währung würde aufwerten – das würde doch unserer Exportindustrie schaden.
Abelshauser: Das ist einfach nicht wahr. Deutschland hat im EWS ein halbes Dutzend Mal aufgewertet, angefangen mit dem Ende des amerikanischen Gold-Dollar-Standards 1973, als der Dollarkurs stark fiel. Am Ende hat die deutsche Exportwirtschaft immer neue Überschüsse erzielt. Im Übrigen hielte sich die Aufwertung in Grenzen, wenn – wie zu erwarten – fast alle Länder in das neue Währungssystem einträten.

BZ: Warum würden die Überschüsse nicht verschwinden?
Abelshauser: Die meisten deutschen Firmen konkurrieren auf dem Weltmarkt nicht über den Preis. Der deutsche Export ist neben hochpreisigen Autos, die oft aus Prestigegründen gekauft werden, konzentriert auf Anlagen- und Maschinenbau einer sehr speziellen Art. Die Produkte sind maßgeschneidert auf den Bedarf des jeweiligen Kunden. Deswegen ist es nicht der Preis, sondern die besondere Fähigkeit, die im Vordergrund steht. Wenn eine Abwertung anderer Währungen diese Produkte relativ verteuert, würde das den deutschen Exportüberschuss eher noch erhöhen.

BZ: Weil die Kunden jeden Preis zahlen?
Abelshauser: Sie müssen zahlen, das ist das Paradoxe. Deswegen ist das Argument für die Einheitswährung aus Sicht des Wirtschaftshistorikers falsch. Wir müssen keine Angst vor Aufwertungen haben.

BZ:
Wie ist Deutschland denn in diese komfortable Situation gekommen?
Abelshauser: Das kann man zeitlich ziemlich genau festlegen. Seit den 1860er-Jahren entstanden in Deutschland "neue Industrien". Das ist die Großchemie, die Elektrotechnik und der Maschinenbau. Eigentlich sind das keine Industrien mehr. Zur Industrie gehört die Umwandlung von Material: Baumwolle wird zu Textilien, Eisenerz zu Stahl, etc. Für die neuen Industrien zählt dagegen die immaterielle Wertschöpfung. Die wissenschaftliche Basis der Produktion ist entscheidend für das Endprodukt.

Nehmen Sie das Beispiel BASF: Was die Chemiker in den Universitätslaboren erforscht und entwickelt haben, das wurde aufgenommen und in einen großtechnischen Maßstab umgesetzt. Die Leistung bestand darin, Neuerungen aus dem Labor in marktgängige Produkte weiterzuentwickeln. Man hat aber nicht nur Farben oder Säuren verkauft, sondern auch das Anwendungswissen. Deutsche Exporteure verkaufen den Kunden gleich mit, wie man mit den Produkten umgehen muss, damit das gewünschte Ergebnis herauskommt.

BZ: Wie ist das heute?
Abelshauser: Auf den Weltmärkten für Chemie, Fahrzeugbau, Maschinenbau und Elektrotechnik sind deutsche Firmen zu 40 Prozent führend. Nimmt man wirtschaftlich ähnlich strukturierte Nachbarn – von Skandinavien bis Norditalien, von der Seine bis an die Oder – dazu, kommt man auf noch höhere Anteile. Das macht die Stärke der deutschen Wirtschaft aus. Firmen wie BASF oder Siemens wurden übrigens von Anfang an für den Weltmarkt gegründet. Ab etwa 1860 beginnt die erste Phase der Globalisierung, die mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs unterbrochen wird.

BZ: Sie schildern die Situation der deutschen Firmen durchweg positiv. Sind Sie auch für die Zukunft optimistisch?
Abelshauser: Ich sehe keinen Anlass zu Pessimismus. Wenn es Innovationen gibt, die nicht im Land entstehen – das sind die meisten – dann gelingt es der deutschen Wirtschaft immer wieder, diese Neuerungen in ihre Produkte zu integrieren.

BZ: Die obersten deutschen Wirtschaftsvertreter klingen da weniger zuversichtlich. Ulrich Grillo, der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie sagte zum Start der Hannover-Messe, er fürchte um die deutsche Wettbewerbsfähigkeit. In den 1980er-Jahren gab es ja auch Befürchtungen, der deutsche Maschinenbau würde den Einzug der Halbleitertechnik verschlafen.
Abelshauser: Es ist nicht so gekommen. Der Maschinenbau hat die neue Technik integriert und war am Ende stärker als zuvor. Es gehört aber zu den Aufgaben eines Verbandschefs, immer wieder zu warnen.

BZ: Ich muss mir also keine Sorgen machen, dass Deutschland abgehängt wird, weil tolle Neuerungen im Silicon Valley in Kalifornien ausgebrütet werden und nicht hierzulande?
Abelshauser: Es hat sich schon etwas verändert. Ende des 19. Jahrhunderts lag die deutsche Wirtschaft an der Spitze der Innovation. Das ist heute nicht mehr so. Heute ist ihre Stärke die Verfahrenstechnik: Neuerungen in bereits bestehende Produkte einzubauen, sie zu perfektionieren. Wir sind nicht mehr so stark an der Schnittstelle von Wissenschaft und Produktion. Das können andere inzwischen besser. Aber wir sind in der Lage, diese Neuerungen rasch aufzunehmen.

BZ: Woran liegt das?
Abelshauser: Wir verfügen in Deutschland über "geduldiges" Kapital, das den Unternehmen eine nachhaltige Perspektive ermöglicht.
BZ: Was meinen Sie damit?
Abelshauser: Kapital, das bereit ist, ein Unternehmen über fünf oder zehn Jahre zu finanzieren. Die Firmen brauchen Investoren, die einen langen Atem haben. Risikokapitalgeber hingegen wollen schnell Geld sehen. Sie sind in den USA stark vertreten. Deswegen sind die so gut an der Schnittstelle, aus Ideen Produkte zu machen. Da wird vielleicht eine von zehn Ideen ein Erfolg. Für solche riskanten Engagements fehlt uns traditionell der Finanzierungshintergrund. Dafür haben wir dieses geduldige Kapital.

Das brauchen wir nicht nur für die Großunternehmen, sondern auch – und das ist ein weiterer Grund für den wirtschaftlichen Erfolg Deutschlands – für jene 75 Prozent der Firmen, die mittelständisch sind, oft in Familienhand. Diese Firmen sind in Deutschland ebenfalls meist weltmarktorientiert. Die brauchen ebenfalls geduldiges Kapital – sofern sie überhaupt Fremdkapital in Anspruch nehmen. Denn die deutsche Art zu produzieren braucht eine lange Perspektive.

BZ: Können Sie dafür ein Beispiel nennen?
Abelshauser: In den 1950er Jahren hat die BASF sich bemüht, auf dem US-Markt Fuß zu fassen. Man hat Gemeinschaftsunternehmen gegründet, dann eigene Standorte aufgebaut. Man hat zunächst rote Zahlen geschrieben. Regelmäßig wurde im Vorstand gefragt: Können wir in zehn Jahren den US-Markt beherrschen? Die Antwort war immer: Ja, das können wir. Und tatsächlich: Nach zehn Jahren hat die BASF in den USA schwarze Zahlen geschrieben und jetzt dominiert sie den Markt.

BZ: Die BASF ist eine Aktiengesellschaft, die jedes Quartal Ergebnisse vorweisen muss. Wie geht das mit Geduld zusammen?
Abelshauser: Bei der BASF sind die Aktien breit gestreut. Wenn in einer Gesellschaft allerdings Hedgefonds aus Großbritannien oder den USA sitzen, die 25 und mehr Prozent der Anteile halten, dann funktioniert das nicht mehr.

BZ: Der angelsächsische Kapitalismus mit seiner Orientierung auf den Kapitalmarkt wartet nicht gern ab.
Abelshauser: Da muss die Dividende stimmen. Nehmen Sie die Deutsche Börse. Sie hatte ursprünglich öffentlich-rechtlichen Charakter und war Teil der Deutschland AG. In den 1990er-Jahren wurde sie dem Zeitgeist entsprechend in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Die deutschen Banken haben sich zurückgezogen, einige Hedgefonds sind eingestiegen. Die haben beispielsweise verhindert, dass die Deutsche Börse die Londoner Börse kauft, obwohl das unternehmerisch sinnvoll gewesen wäre. Stattdessen gab es eine Sonderausschüttung für Aktionäre.

BZ: Dann ist heute ein Ankeraktionär mit einem großen Aktienpaket wichtig, wie die Familie Piëch-Porsche bei VW.
Abelshauser: Oder die breite Streuung – sofern die Aktionäre dem Vorstand vertrauen und damit rechnen können, dass ihre Geldanlagen über die Jahre ordentlich Erträge bringen. Das ist aber nicht die Mentalität von US-amerikanischen Fonds.

Das Problem ist, dass diese Pensionsfonds die Regeln des Kapitalmarktes dominieren. Nehmen Sie die schiere Summe der Pensionsansprüche in den USA. Die werden über den Kapitalmarkt verwaltet, denn die staatliche Rentenversicherung spielt ja keine große Rolle. Da geht es um eine Größenordnung von 35 Billionen Euro. In Deutschland betragen die Renten- und Pensionsansprüche rund sieben Billionen Euro. Pro Kopf gerechnet ist das mit den USA vergleichbar. In Deutschland werden diese Ansprüche nur zu einem kleinen Teil über den Kapitalmarkt verwaltet, bei uns spielt die gesetzliche Rentenversicherung die zentrale Rolle.

Die Rentenversicherung ist in Deutschland im Umlageverfahren organisiert. Die Beiträge der aktiven Arbeitnehmer fließen gleich den Rentnern zu. Der Kapitalmarkt bleibt außen vor. Also kommt die Macht der Anleger nicht aus Deutschland, sondern aus den USA – und das ist ein Problem.

Da gibt es einen Kampf um die Deutungshoheit in der Wirtschaft. Ich halte diesen Kulturkampf, wie ich ihn einmal genannt habe, für gefährlich. Wenn das deutsche Wirtschaftsmodell ein Problem hat, dann liegt es nicht auf der Produktionsseite, sondern auf der Finanzseite, in der Mentalität der Anleger.

BZ: Seit der Finanzkrise hat sich da aber einiges gewandelt.
Abelshauser: Ja. Bis 2008 hätte kaum jemand einen Pfifferling gegeben für die deutsche Wirtschaftskultur und das deutsche Produktionssystem. Die Rechnung war einfach: Ein vernünftiger deutscher Mittelständler erzielt mit seiner Firma eine Rendite von acht Prozent, eine Firma wie die BASF schafft 15 Prozent, ein US-Kapitalmarktunternehmen erzielt 25 Prozent Rendite. Da war klar: Die werden das Rennen machen.

BZ: Dann kam die Krise …
Abelshauser: … und das Rennen ist wieder offen. Jetzt scheint sich die Erkenntnis durchzusetzen, dass dieses deutsche Modell gar nicht so schlecht ist.

BZ: Zumindest gibt es keinen Anlass, das traditionelle Finanzierungssystem zugunsten des Kapitalmarktes über Bord zu werfen.
Abelshauser: Es wäre eine Katastrophe, wenn wir es täten. Eines greift ins andere. Das Bankensystem, die Unternehmensorganisation – was heute Corporate Governance genannt wird – die Arbeitsbeziehungen, das Ausbildungssystem … Wenn wir jetzt das Bankensystem völlig verändern, kommt alles ins Rutschen. Also kann die Devise nur lauten: Ganz oder gar nicht.

BZ: Wie hat sich denn dieses System in Deutschland entwickelt?
Abelshauser: Vor der Reichsgründung von 1871 war die Wirtschaftsverfassung liberal. Dann kam die Gründerkrise von 1873. Da haben die ausländischen Kapitalisten Deutschland verlassen. Es gab nämlich bis 1896 eine sehr lange Ertragskrise des Kapitals. Das betraf nicht so sehr die Arbeiter. Reallöhne und Produktion sind gewachsen. Aber die Kapitalerträge waren schwach. Die Folge war, dass die Wirtschaft auf eine neue Basis gestellt wurde. Es entstand ein neues Bankensystem mit den Universalbanken, eine neue Unternehmensorganisation – 1886 wurde für Aktiengesellschaften der Aufsichtsrat eingeführt. Damit konnte man sich Sachverstand von außen ins Unternehmen holen. Da wurde der mittlerweile wichtigen wissenschaftlichen Komponente der Produktion Rechnung getragen.

BZ: Wurden auch die Arbeitsziehungen neu geregelt?
Abelshauser: Ja. In dieser Zeit findet auch der Aufstieg der Gewerkschaften statt. Die anspruchsvollere Produktion führte dazu, dass man die Arbeiter nicht mehr so einfach ersetzen konnte. Da hat man die paritätisch mit Arbeitervertretern und Unternehmensvertretern besetzten Ausschüsse der Sozialversicherung genutzt, um erste Formen der Mitbestimmung zu etablieren. Außerdem musste man das Ausbildungssystem anders zuschneiden. Für die anspruchsvollere Produktion wurde ein System der dualen Ausbildung mit seiner Zweiteilung in Betrieb und Berufsschule aufgebaut. Das beginnt ebenfalls in den 1890er-Jahren. Danach war nichts mehr, wie es vor 1873 war. Diese Institutionen der Wirtschaft bestehen im Wesentlichen bis heute. Natürlich kann sich das wieder ändern. Historisch betrachtet ist das sogar sehr wahrscheinlich. Aber im Augenblick gibt es dafür keine Anzeichen.

BZ: Ihnen wird auch nicht bange, wenn Sie auf die rasant wachsenden Staaten in Asien schauen mit ihrem Staatskapitalismus?
Abelshauser: Im Gegenteil. Je mehr Schwellenländer wie China oder Brasilien zu Wohlstand kommen, umso attraktiver sind sie für Deutschland und wir für sie. Wir richten die Fabriken dieser Länder ein, wir haben, was sie brauchen. Die deutsche Exportwirtschaft hat nie von den Entwicklungsländern profitiert. Die machen weniger als zehn Prozent unseres Handelsvolumens aus. Wir haben immer am besten verkauft in die Länder, die mit uns auf Augenhöhe sind – Frankreich, die Schweiz, USA, Skandinavien, das sind unsere Kunden. Je erfolgreicher die Chinesen sind, umso besser können wir mit ihnen handeln.

BZ: Sie haben keine Sorgen, dass chinesische Firmen den heimischen Unternehmen den Rang ablaufen?
Abelshauser: Nein, überhaupt nicht. Diese Diskussion gab es zwischen 1891 und 1901 bereits einmal. Damals diskutierte man über die chinesische Walze. Den deutschen Maschinenbauern wurde vorgeworfen, Vaterlandsverräter zu sein, weil sie Maschinen nach China lieferten. Die Angst war damals wie heute, dass diese Maschinen kopiert würden und dann billiger hier auf dem Markt auftauchen. So einfach ist das aber nicht mit dem Kopieren, wenn es um nachindustrielle Maßschneiderei geht.

Unabhängig von der Diskussion um die Rolle Chinas: Es muss einem um die deutsche Wirtschaft nicht bange sein, wenn die Akteure die hiesige Wirtschaftskultur verstehen und versuchen, ihre komparativen Vorteile zu nutzen.

BZ: Was heißt das denn für die Politik in der EU und im Euroraum?
Abelshauser: Der EU-Binnenmarkt, der Harmonisierungen erzwungen hat, funktioniert mittlerweile ganz ordentlich. Jetzt müsste man umschalten auf eine Politik, die die verschiedenen Wirtschaftskulturen in Europa klar identifiziert und zulässt, dass die Länder ihre jeweiligen Vorteile ausspielen.

BZ: Was bedeutet das denn?
Abelshauser: Nehmen wir das Beispiel Italien: Das Land ist im Grunde genommen seit 1000 Jahren geteilt. Der Norden ist eng verbunden mit dem rheinischen Kapitalismus. Der reicht bis Skandinavien, an die Seine und an die Oder. Hier liefen schon die mittelalterlichen Handelsachsen. Norditalien ist heute sehr wettbewerbsfähig. Im Süden gibt es seit der Normannenherrschaft im Mittelalter einen sehr starken Staat, der die Privatinitiative abgewürgt hat. Das hat eine Weile gut funktioniert, aber dieser Staat war oft in ausländischer Hand. Deswegen empfinden die Menschen in Süditalien den Staat als Feind. Nach der Gründung des italienischen Nationalstaates im 19. Jahrhundert hat man gemeint, man könne diesen Graben in kurzer Zeit zuschütten. Das hat nicht funktioniert, daran ist selbst der Faschismus gescheitert. Die EU hat da auch reichlich Geld reingesteckt, ohne Erfolg. Also müssen wir den umgekehrten Weg gehen. Wir können dem Süden nicht die Wirtschaftskultur des Nordens überstülpen. Wir müssen das stärken, was an Wettbewerbsvorteilen da ist, zum Beispiel in Landwirtschaft und Dienstleistungen. Das gilt auch für Spanien oder Portugal. Auch da gibt es ja komparative Vorteile, beispielsweise die Verbindung nach Südamerika und Afrika.

BZ: Was heißt das konkret?
Abelshauser: Wir brauchen eine gezielte Politik zur Verbesserung der Wirtschaftskultur, keine einheitliche Wirtschaftskultur.

BZ: Bedeutet das für Sie auch, den Euro abzuschaffen?
Abelshauser: Die historische Erfahrung lehrt, dass solche Entscheidungen nicht auf Gipfeltreffen absichtsvoll getroffen werden. Wenn der Leidensdruck wächst, kann es aber ganz schnell gehen. Noch im September 1931 haben alle Beteiligten erklärt, der Goldstandard – im Prinzip auch eine Einheitswährung – sei unverzichtbar. Dann hat die Weltwirtschaftskrise die Briten noch im selben Monat gezwungen, den Goldstandard aufzugeben – und 25 Länder folgten. Das war – wie wir heute wissen – eine richtige Entscheidung.

ZUR PERSON: Werner Abelshauser

Der 69-Jährige ist ein Geschichtswissenschaftler, der nicht Geschichte studiert hat. Werner Abelshauser studierte Volkswirtschaftslehre in Mannheim und Freiburg, eher er sich wirtschaftsgeschichtlichen Themen zuwandte.Bis zu seiner Emeritierung lehrte Abelshauser an der Universität Bielefeld. Einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde er, als er in seiner Doktorarbeit darlegte, dass es in Westdeutschland nach dem Zweiten Weltkrieg kein Wirtschaftswunder gegeben hat. Die immensen Zerstörungen in den Städten durch die Luftangriffe verdeckten die Tatsache, dass die Produktionsmittel weitgehend intakt geblieben seien, argumentierte Abelshauser. Er wies nach, dass die Produktion sehr schnell nach dem Zusammenbruch 1945 in Gang kam und ziemlich kontinuierlich stieg. Von einer Explosion der Produktion nach Einführung der Deutschen Mark 1948 könne keine Rede sein.  

Autor: weg 

Autor: Jörg Buteweg