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18. Oktober 2011

Gerhard Klas über Mikrokredite

"Zinsen in Höhe von 38 Prozent"

BZ-INTERVIEW mit dem Journalisten Gerhard Klas über die hässliche Seite von Mikrokrediten.

  1. Gerhard Klas Foto: privat

ikrokredite sind für Gerhard Klas keine Heilsbringer. Der Kölner Journalist ist nach Indien und Bangladesch gereist. Seine Bilanz: Mikrokredite machten viele Arme noch ärmer, schreibt er in seinem Buch.

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BZ: Herr Klas, in Ihrem Buch beschreiben Sie die hässliche Seite der Mikrokredite. Wie sieht die aus?
Gerhard Klas: Eine enorme Belastung ist der hohe Zinssatz für Mikrokredite. Im weltweiten Durchschnitt liegt der bei 38 Prozent. Es mag ein paar erfolgreiche Mikrofinanzprojekte geben, aber die liegen in der Regel im Handel, vor allem in Krisenregionen, wo der Handel vorher zusammengebrochen war. Für viele andere Bereiche, zum Beispiel in der Landwirtschaft, sind die Zinssätze und der meist wöchentliche Rückzahlungsmodus ein großes Problem.

BZ: Warum sind die Zinsen so hoch, wenn mit den Krediten Gutes getan werden soll?
Klas: Die Mikrofinanzinstitute begründen es damit, dass der Aufwand sehr hoch sei. Die Kreditnehmer gehen nicht in eine Filiale, die Vertreter der Mikrofinanzorganisationen gehen in die Dörfer. Es sind lange Anfahrtswege, der administrative Aufwand ist sehr hoch, weil es sich um sehr viele kleine Kredite handelt. In Regionen, die weit ab vom Schuss liegen, mag das aus der Perspektive der Mikrofinanzinstitute seine Berechtigung haben. Für die Kreditnehmer sind die Zinsen zu hoch. Heute setzen alle Investoren auf finanzielle Nachhaltigkeit. Das heißt, es sollen keine Subventionen gezahlt werden. Das treibt die Zinsen natürlich hoch und erschwert die Rückzahlung.

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BZ: Woran scheitert die Rückzahlung?
Klas: Das Problem ist, dass die Mikrofinanzinstitute davon ausgehen, dass die Bedingungen ihrer Kunden, meist Frauen, immer gleich bleiben. Keine Krankheiten, keine Unfälle, keine Naturkatastrophen. All das gibt es aber in jeder Lebensbiografie. Die Frauen in Bangladesch und Indien sind meist in Gruppen organisiert, in denen sie die Mikrokredite erhalten. Es ist gängige Praxis, dass die Kreditwürdigkeit herabgestuft wird, wenn eine der Frauen nicht in der Lage ist, ihren Kredit zurückzuzahlen. Ich habe Frauen getroffen, die Angst hatten, den anderen Frauen zu erzählen, dass ihr Kind krank ist und sie sich darum kümmern müssen. Denn das könnte bedeuten, dass sie ihre wöchentliche Rückzahlung nicht leisten können.

BZ: Was passiert, wenn ein Mikrokredit nicht zurückgezahlt werden kann?
Klas: Diejenigen, die nicht bezahlen können, werden unter Druck gesetzt. Deshalb fangen sie an, sich Geld zu leihen von Freunden oder Bekannten. Ist diese Quelle erschöpft, gehen sie oft zu anderen Mikrofinanzinstituten. Es gibt Dörfer in Bangladesch, da kommen auf 30 Familien zehn Mikrofinanzinstitute. Irgendwann sind die Frauen also bei mehreren Mikrofinanzinstituten verschuldet, sitzen in verschiedenen Frauengruppen und müssen jeweils zu wöchentlichen Treffen gehen. Ihr Alltag dreht sich nur noch um Mikrokredite.

BZ: Ein Teufelskreis?
Klas: Viele werden von den Mitarbeitern der Mikrofinanzinstitute schließlich aufgefordert, ihr letztes Hab und Gut, Haushaltsgegenstände, ein bisschen Land, oder ihr Haus zu veräußern, um Kredite zurück zu bezahlen. Damit kommt ihnen die Grundlage abhanden, um etwas zu erwirtschaften, um die Familie zu ernähren. Wenn sie aber ihr kleines Stückchen Land verlieren, das der Selbstversorgung dient, müssen sie noch mehr Geld investieren, um Lebensmittel zu erstehen.

BZ: Wie viel Prozent der Mikrokreditnehmer können die Kredite bedienen?
Klas: Die staatliche Aufsichtsbehörde der Mikrofinanzinstitute in Bangladesch sagt, dass 70 Prozent der Kreditnehmer mehrfach verschuldet sind. Wenn man das als Startpunkt für die Überschuldung nimmt, ist das natürlich enorm.

BZ: Das klingt nicht nach dem Sprung aus der Armut.
Klas: Das ist ohnehin eine Mär. Fünf bis zehn Prozent der Mikrokreditnehmerinnen in Bangladesch schaffen den Sprung aus der Armut. Das sind vor allem diejenigen, die vorher schon ein gewisses Einkommen hatten, mitnichten die Ärmsten der Armen. 40 Prozent verharren dagegen in der Armut und befinden sich in permanenter Abhängigkeit von den Mikrofinanzinstituten. Die restlichen 50 Prozent stürzen durch die Mikrokredite noch weiter ab. Im vergangenen Herbst gab es allein im indischen Bundesstaat Andhra Pradesh 50 offiziell registrierte Selbstmorde im Zusammenhang mit Mikrokrediten.

BZ: Wenn die Mikrokreditnehmerinnen eher ärmer als reicher werden, wohin verschwindet dann ihr Geld?
Klas: Das bisschen, das die Armen haben, wird abgezogen, um die Investoren und Anleger zufriedenzustellen, auch in Deutschland.

BZ: Worin liegt für Sie der größte Fehler im System der Mikrokredite?
Klas: Es ist verkehrt, zu glauben, man könne mit Mitteln der Marktwirtschaft die Armut weltweit in die Schranken weisen. Das große Problem der Mikrokredite ist, dass sie andere sinnvolle Ansätze verdrängen. Sie sorgen dafür, dass Staaten nichts mehr umsonst rausgeben, denn alles kann ja mit Mikrokrediten bezahlt werden. Ein öffentlicher Sektor mit Gesundheitswesen und Bildungswesen ist aber wichtig, damit die Leute ihrer Armut entfliehen können. Stattdessen beteuert der Begründer des Mikrofinanzgedankens, der Nobelpreisträger Mohammad Yunus aus Bangladesch, dass es keine wohlfahrtsstaatlichen Leistungen mehr brauche, wenn das System der Mikrokredite funktioniere.

BZ: Wie ist bei all den genannten Problemen der Erfolg der Mikrokredite als ethische Geldanlage hierzulande zu erklären?
Klas: Wie erwähnt, gibt es auch Erfolgsgeschichten. Und genau die sind durch ein gutes PR-Management in Hochglanzbroschüren hervorragend verkauft worden. Hinzu kommen viele einflussreiche Unterstützer wie das Ehepaar Clinton. Auch die Weltbank hat die große Werbemaschine angeworfen. Kritisch überprüft wurde wenig. Viele schauen nur darauf, wie hoch die Rückzahlungsquoten sind, nicht darauf, wie es den Frauen gelingt, das Geld zurückzuzahlen.

BZ: Schüren Sie mit Ihrem kritischen Buch aber nicht ein Misstrauen, das schwarze und weiße Schafe der Mikrofinanzbranche gleichermaßen trifft?
Klas: Das Problem ist doch, dass in der Branche fast alle kooperieren. Ich unterscheide zwar zwischen der profitorientierten Deutschen Bank und Oikocredit, deren Anleger sich mit zwei Prozent Rendite zufriedengeben. Aber die großen Mikrokreditinstitute sind fast alle mischfinanziert. Ihr Geld kommt von Oikocredit, Großbanken und teilweise sogar von Hedgefonds. Kein Institut stört sich an den kommerziellen Investoren, die durch die Mikrokredite Profite erwirtschaften wollen. Solange kommerzielle Investoren geduldet werden, wird alles so weiterlaufen wie bisher. Stattdessen müsste es eigentlich eine Zinsobergrenze geben.

BZ: Wie wird sich der Markt der Mikrokredite weiter entwickeln?
Klas: Die Fachwelt ist sicher, dass der Bedarf an Mikrokrediten noch nicht gedeckt ist. Etwas mehr als 60 Milliarden Dollar sind derzeit weltweit im Umlauf, der Bedarf wird auf mehr als 250 Milliarden Dollar geschätzt. Das ist natürlich ein lukrativer Markt.

BZ: Auch die deutsche Bundesregierung hat sich im Rahmen ihrer Entwicklungshilfe mit mehr als zwei Milliarden Euro am Aufbau des Mikrofinanzwesens beteiligt. Weiß sie, was sie da tut?
Klas: Ich würde sagen, sie setzt auf ein falsches Pferd. Das, was sie sich von den Mikrokrediten verspricht, ist nicht zu halten. Interessant ist, dass sie trotzdem daran festhält.

BZ: 2009 hat die Bundesregierung den Mikrokreditfonds Deutschland mit 100 Millionen Euro aufgelegt. Brauchen wir in Deutschland Mikrokredite?
Klas: Bisher brauchte man sie im Grunde nicht. Durch die Finanzkrise ist es allerdings schwieriger geworden, Bankkredite zu bekommen. Der Bedarf wird auch steigen, weil der staatliche Gründungszuschuss enorm zurückgefahren werden soll. (Hinweis für die Redaktion: Das neue Gesetz ist vor einigen Tagen im Bundesrat abgelehnt worden und ist derzeit im Vermittlungsausschuss) Arbeitsministerin Ursula von der Leyen will jährlich eine Milliarde allein aus diesem Topf einsparen. Vielen Erwerbslosen wird bei der Gründung eines kleinen Unternehmens nichts anderes übrig bleiben, als einen Mikrokredit mit 8,9 Prozent Zinsen aufzunehmen. Diese Mikrokredite müssen sofort monatlich zurückgezahlt werden, auch wenn das kleine Unternehmen nicht von Beginn an Gewinn abwirft.

BZ: Sie prophezeien also, dass auch in Deutschland nur wenige mit Mikrokrediten glücklich werden?
Klas: Es gibt Untersuchungen zum Gründungszuschuss, die besagen, dass mehr als 40 Prozent der Gründer drei Jahre nach der Gründung Pleite waren. Und dabei handelte es sich um eine Beihilfe, die nicht zurückgezahlt werden musste. Es fällt unglaublich schwer sich vorzustellen, wie es besser gelingen soll, mit einem Kredit zu 8,9 Prozent ein tragfähiges Unternehmen aufzubauen. Das wird viele Menschen, die sich darauf einlassen, unter größeren Druck setzen.

–  Gerhard Klas: "Die Mikrofinanz-Industrie – Die große Illusion oder das Geschäft mit der Armut", Verlag Assoziation A, 19,80 Euro. Vortrag und Diskussion mit Gerhard Klas: 18. Oktober, 19.30 bis 22 Uhr, Altes Kino, Lutherkirchstr. 3, Freiburg

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DAS BEISPIEL

Oikocredit

Die 1975 gegründete Genossenschaft Oikocredit vergibt Darlehen an Mikrofinanzorganisationen in armen Ländern. In Deutschland hat Oikocredit acht Förderkreise. Der Förderkreis Baden-Württemberg zählt fast 5500 Mitglieder, die 61 Millionen Euro in Oikocredit investiert haben. Weltweit verwaltet Oikocredit Anlagen in Höhe von 456 Millionen Euro und arbeitet mit 600 Partnern in 71 Ländern zusammen, darunter Indien, Bolivien und Kambodscha. Die Genossenschaft zahlt ihren Mitgliedern eine Rendite von nur zwei Prozent und betont ihre nicht kommerzielle Ausrichtung. Oikocredit räumt ein, auch schlechte Erfahrungen mit Mikrofinanzinstituten gemacht zu haben. "Es gibt einige ursprünglich sehr soziale Institute, die auch dank uns stark gewachsen sind und dann Kapital von kommerziellen Investoren erhalten haben", sagt Oikocredit-Sprecherin Ulrike Haug. Am Ende habe Oikocredit nur einen Bruchteil vom Gesamtkapital ausgemacht und wenig Einfluss auf die Ausrichtung der Institute und deren Zinspolitik gehabt.  

Autor: abe

MIKROKREDITE IN DEUTSCHLAND

Seit dem Start des Mikrokreditfonds Deutschland Anfang 2010 wurden mehr als 5000 Mikrokredite in Höhe von 30 Millionen Euro vergeben. Der Zinssatz beträgt 7,5 Prozent, die Laufzeit maximal drei Jahre. Menschen mit Migrationshintergrund erhalten derzeit mehr als die Hälfte der Kredite. Schwerpunkte der finanzierten Branchen sind Dienstleistungen, gefolgt von Gastronomie und Einzelhandel. Die Ausfallquote bei der Rückzahlung lag laut Bundesregierung bei 2,9 Prozent.  

Autor: abe

Autor: Arne Bensiek