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10. Dezember 2009
Zu viel Geld macht müde
Von einer Bank, die ihre eigene Branche stören will – nachhaltig
Cappuccino schmeckt ihm am besten aus der hauseigenen Tasse. "GLS-Bank – und Geld bekommt Sinn" steht darauf, und der Mann, der daran nippt, lässt sich nicht so leicht verdrießen. "Wozu brauchen wir einen Handel mit Geld?", fragt der Filialleiter der Stuttgarter GLS-Bank und stellt die Tasse zurück. Das ist provokant gefragt im Jahre eins nach dem großen Crash. In Zeiten, da Banken wieder Milliardengewinne machen durch eben diesen Handel, Investmentbanker erneut aufs große Geld spekulieren und das Kasino wieder eröffnet ist. Wilfried Münch lässt sich davon nicht beirren. "Es gibt immer mehr Stimmen, die sagen, dass Banken so funktionieren müssen wie wir", sagt der 47-Jährige. Der Mann ist Optimist. Und er hat Grund dazu.
Denn seine Bank wächst. Immer mehr Kunden wollen wissen, was mit ihrem Geld passiert, ob es in sinnvolle Projekte investiert wird und ob es sicher ist. Die Gemeinschaftsbank für Leihen und Schenken (GLS) hat sich in dieser sozial-ökologischen Nische eingerichtet, und sie funktioniert anders als die Großen. Hier wird mit Geld nicht gehandelt. Nicht erst seit der Finanzmarktkrise und in Zeiten der Kreditklemme konzentriert man sich in Stuttgart und an den anderen sieben Standorten – darunter eine Filiale im "Solarschiff" im Freiburger Ökostadtteil Vauban – auf das Kerngeschäft von Banken: auf die Vergabe von Krediten.
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Im dreimal jährlich erscheinenden "Bankenspiegel" können Kunden nachlesen, in welches Projekt das Geld ihrer Girokonten, Sparbücher oder Fonds geflossen ist. In die Biobäckerei in München etwa, die Fotovoltaik-Anlage auf einer Müllkippe oder in die Waldorfschule in Emmendingen? Wer sein Geld hierher trägt, weiß mehr.
"Transparenz ist unser Geschäftsprinzip", erklärt der etwas andere Banker. In den neu eröffneten Räumen der GLS-Bank am Stuttgarter Eugensplatz riecht es nach frisch verlegtem Teppichboden, nach neuen Möbeln und Cappuccino. Der Filialleiter sitzt in einem lichtdurchfluteten, gläsernen Kundenzimmer und erklärt, warum Geld hier Sinn bekommt. 7000 Sparer haben sich im Krisenjahr 2008 davon überzeugen lassen. Und so ist die Kundenzahl inzwischen auf 70 000 angestiegen und das Bilanzvolumen auf mehr als eine Milliarde Euro. "Diese Sparer sind bei uns geblieben, obwohl das Kasino bereits wieder eröffnet ist und anderswo höhere Zinsen locken", sagt Münch. Das Konzept überzeugt.
Es hat auch den Mann mit dem Stoppelhaar überzeugt. Vor zwei Jahren wechselte Wilfried Münch von einer Großbank zur GLS in Stuttgart. Ein Schritt, den er nie bereut hat. "Zu viel Geld macht müde, im Kopf und beim Handeln", sagt er. Das Bankgeschäft hat er von der Pike auf gelernt. Der Schwabe, der seine Heimat beruflich nie verlassen hat, lernte bei der Landesgirokasse in Stuttgart. Nach seinem Zivildienst in einer Behindertenschule in Dornstetten studierte er Sozialpädagogik in Freiburg – und arbeitete danach fast 20 Jahre lang als Filialleiter für die Dresdner Bank. Der Sozialpädagoge ging zurück in die Welt des Geldes, weil ein auskömmlicher Job eben doch nicht zu verachten ist. Doch seinen wachen Blick auf die Welt um ihn herum hat er behalten.
aber er hat mehr Spaß.
Auch das gehört zu den Prinzipien der Nischenbank: Ein Filialleiter verdient höchstens viermal so viel wie ein Berufseinsteiger. Alle bekommen ein 13. Monatsgehalt. Von einem vierzigfach höheren Verdienst, wie er bei großen Banken üblich ist, kann Münch nur träumen. Doch dieser Banker hat Träume, die nicht aus Papier sind. Er möchte, dass sich etwas verändert in der Finanzwirtschaft. Dass die Großen von der kleinen Bank lernen, damit es nicht wieder zu einer Finanzblase kommt. Die Bilanz der GLS beweist, dass diese etwas anderen Banker keine Traumtänzer sind. Das haben auch schon andere bemerkt.
Ministerpräsident Günther Oettinger hat den Öko-Banker vor wenigen Wochen in eine Nachhaltigkeitskommission berufen. Wilfried Münch wird sich mit anderen darüber Gedanken machen, wie Kunden clever einkaufen können, wie man als Verbraucher erkennt, ob ökologisch produziert wird und ohne Kinderarbeit. Sein Thema: nachhaltiger Konsum. "Wir brauchen Entwicklung, nicht Wachstum", sagt Münch. Das gilt für ihn auch in der Finanzwirtschaft.
Deshalb wird der Nachhaltigkeitsexperte sauer, wenn er die mühsamen internationalen Versuche betrachtet, Regeln für nachhaltige Finanzwirtschaft aufzustellen. Wenn er sieht, dass sich die europäischen Notenbankchefs nicht darauf einigen, Boni-Zahlungen zu reglementieren und an langfristigen Gewinnen auszurichten. Doch ein bisschen Neid, weil es bei der GLS keine Boni gibt, Herr Münch? "Ach was", winkt der etwas andere Banker da ab, "höchstens Ärger, dass es so schwer ist, etwas zu lernen aus Krisen."
Da gäbe es noch so viel: das Verbot von Derivaten. Die Schließung der Offshore-Finanzplätze. Und natürlich die Reglementierung der Boni, dieser Anreiz zum Zocken. Manchmal geht ihm das alles zu langsam. Auch ein Optimist kann manchmal sauer werden.
Doch die Hoffnung gibt Wilfried Münch nicht auf. Die Hoffnung, dass sich die großen Banken mehr an Nachhaltigkeit orientieren und sich aufs eigentliche Kundengeschäft besinnen. Die Hoffnung, dass sich Politik und Gesellschaft den Problemen stellen, nicht nur im Finanzsektor. Dass ungewöhnliche Ideen mehr Gehör finden, wie etwa die des erfolgreichen Drogeriemarkt-Chefs Götz Werner, der in Zeiten schwindender Arbeit ein Grundeinkommen für alle fordert. Götz Werner sitzt übrigens im Aufsichtsrat der GLS-Bank. "Das sind große Schritte", sagt der Stuttgarter GLS-Mann, "das kann Generationen dauern." Ihn kann das nicht schrecken. Wilfried Münch ist Optimist.
Autor: Susanne Stiefel
