Nah ans Schweinchen kommen

Jakob Schönhagen

Von Jakob Schönhagen

Mi, 04. Juli 2018

Sonstige Sportarten

Was Laien unter Boule kennen, heißt im Sport Pétanque: Die BSG Schopfheim ist in die dritte Liga aufgestiegen, auch dank des deutschen Vizemeisters Matthias Laukart.

PÉTANQUE. Das ist Neuland: Die BSG Le cochonnet Schopfheim hat sich dank einer Last-Minute-Oberligameisterschaft den Aufstieg in die Pétanque-Regionalliga Süd gesichert. Von gefühlsstarken Wurfkünstlern, die auf den Durchbruch ihrer Sportart hoffen.

Der Traum lebt. Seit vergangenem September. Als das Internationale Olympische Komitee (IOC) im Spätsommer 2017 Paris den Zuschlag für die Olympischen Spiele 2024 gab, war der Jubel im Lager der weltweit über 600 000 registrierten Pétanque-Spieler groß. Seitdem hofft die Community, dass ihr Sport rechtzeitig zu den Spielen im Heimatland ihrer Disziplin erstmals zu den sportlichen Weltspielen zugelassen wird. "Weil Boule Volkssport in Frankreich ist, sind die Chancen durchaus groß", glaubt Matthias Laukart.

Der 27-Jährige war der herausragende Spieler des frischgebackenen Oberligameisters BSG Schopfheim, die Boule-Spielgemeinschaft aus dem Wiesental, die nun drittklassig ist. "Er spielt durchgängig auf sehr hohem Niveau", sagt Vorstand Christoph Müller. International ist der amtierende deutsche Vizemeister im "Tir", dem Präzisionsschießen, hoch dekoriert. Laukart kommt herum.

"Wir haben kein

Nachwuchsproblem, wir

wachsen kontinuierlich."

BSG-Vorstand Christoph Müller
2016 gewann er die australische Meisterschaft in Melbourne, vor rund einem Monat ergatterte er sich mit seinem Partner die mexikanische Vizemeisterschaft in Ensenada. Von einer Teilnahme an den Olympischen Spielen in der Heimat seines Sports träumt der Steuerfachangestellte dennoch nicht: "Man muss ja auch Bodenhaftung bewahren."

Was passt: Denn gegen die Bodenhaftung kämpft derzeit der ganze Pétanque-Sport. Im Hausgebrauch Boule genannt, haftet ihm ein eigentümlicher Ruf an: Dem Otto-Normalsportler gilt die Sportart, in der Spieler versuchen, 700 Gramm schwere Kugeln möglichst nah an der hölzernen Zielkugel, dem Cochonnet ("Schweinchen"), zu platzieren, allenfalls als Urlaubsbeschäftigung. Als Symbol für die lockere mediterrane Art, eine Spätnachmittagsbeschäftigung zwischen Rotwein und Antipasti. Urlaubsfeeling à la Côte d’Azur.

Aber leistungsorientierter Wettbewerb? Wahrnehmungstechnisch Fehlanzeige. "Dabei wachsen wir kontinuierlich", wie Vorstand Müller betont. Der 53-jährige Maschinenbauer spielt seit 25 Jahren Boule, seit 17 in Schopfheim, seit acht Jahren leitet er die Geschicke der BSG als Vorstand. Mittlerweile stellen sie drei komplette Mannschaften, an die 60 Spieler sind gemeldet. Lange war Schopfheim der einzige Bouleclub südlich von Freiburg. Dabei ist Baden-Württemberg eigentlich pétanque-verwöhnt und mit mehr als 5 000 Lizenzspielern der mitgliederstärkste Verband Deutschlands. "Wir haben kein Nachwuchsproblem", betont Müller. Das kann man durchaus als ein Ausrufezeichen für eine Sportart sehen, die hier und da als Rentnersport wahrgenommen wird.

Boule ist ein alter Sport. Bereits Hippokrates soll im fünften Jahrhundert v. Chr. zum Spiel mit den Kugeln geraten haben. König Philipp V verbot den Sport 1000 Jahre später dann komplett. Seine Rückkehr in die gesellschaftliche Mitte des Hexagons schaffte Boule erst wieder anlässlich der Pariser Weltausstellung von 1900. Sieben Jahre später veranstalteten sie in der französischen Hafenmetropole La Ciotat das erste offizielle Match.

Ins kollektive Gedächtnis ist der Wettkampf hierzulande aber vor allem als Freizeitbeschäftigung für ältere Jahrgänge eingedrungen. Was ein wenig den Kern trifft: "Bei uns in der Liga gibt es Teams, die sind im Schnitt über 70 Jahre", sagt Schopfheims Hochdekorierter Matthias Laukart und ergänzt: "Aber mit dem Niveau sinkt das Alter, denn die Weltmeister zum Beispiel müssen schon bis zu zehn Stunden am Tag trainieren."

Leben kann in Deutschland keiner davon. "Ich bekomme mit den Preisgeldern kaum die Reisekosten rein." Den höchsten finanziellen Erlös erspielte der Schopfheimer mit 1 000 Euro vergangenes Jahr bei einem Turnier in Portland. Lediglich im Heimatland Frankreich verdient eine Handvoll Spieler mit Boule den Lebensunterhalt. "Wir sind kein telegener Sport", kritisiert Abteilungschef Müller, "außer in Frankreich wird Boule kaum übertragen." Dabei sieht der Vorstand Ähnlichkeiten zur beliebten Wintersport-Variante Curling. "Unser Sport bietet Technik und Taktik." Ein Team teilt sich in Leger, die versuchen, mit den Kugeln möglichst nah an das Schweinchen zu kommen, und Schießer, welche die gegnerischen Kugeln aus dem Weg räumen. Man könnte sagen: Kommando Präzisionsattacke-Attacke auf der einen, Kommando butterweiche Wurfgenauigkeit auf der anderen Seite. Während eines Ligaspiels werden fünf Partien gespielt: drei Triplets und zwei Duplets.

In gewisser Hinsicht hat die BSG dabei diese Saison einen Start-Ziel-Sprint hingelegt. "Die Meisterschaft war unser Ziel", erklärt der Vorstand. Am Ende wurde es aber eng. "Wir haben zweimal gepatzt", gesteht Laukart. Letztlich waren es am letzten Spieltag, der auf dem Schopfheimer Max-Picard-Platz ausgetragen wurde, auch seine Würfe, die den Aufstieg sicherten. Von März bis September hat er lediglich ein freies Wochenende, alle anderen sind mit Wettbewerben überall auf dem Globus vollgepflastert. Bei so viel Fleiß drängt sich die Vision vom Hochrheiner als Teilnehmer bei den ersten Olympischen Boulemeisterschaften an der Seine 2024 eigentlich geradezu auf. Matthias Laukart und seine Schopfheimer arbeiten gegen die Bodenhaftung.