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09. September 2017

"Nee! Abstand! Abstand!"

Der Rapper Casper nutzt sein neues Album "Lang lebe der Tod", um den Fans seine Befindlichkeiten zu zeigen.

  1. Casper beim Southside-Festival in diesem Sommer Foto: Carlotta Huber

"Unterhalt’ uns – los! Spring durch den brennenden Reifen / Tanz auf dem heißen Eisen, zeig’ die Beißer, ja, führt ihn im Kreis / Klopf an die Scheibe, sonst pennt er noch ein!" Atemlos drängend zwingt Casper die Hörer seines neuen Albums "Lang lebe der Tod" schon auf der gleichnamigen Singleauskopplungen dazu, ihm in den Schatten hinter dem Ruhm zu folgen. Das, was er dort aufdeckt, untermalt mit abwechselnd düsteren und schrillen Gitarrenriffs, ist ein Zirkus der Oberflächlichkeiten, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint.

Ein Jahr länger als geplant hat Benjamin Griffey, so Caspers bürgerlicher Name, gebraucht, um seine Erfahrungen mit dem Erfolg auf einem Album zu bündeln, das seinen eigenen hohen Ansprüchen gerecht wird. Vergangenen Freitag nun veröffentlichte der Bielefelder mit den amerikanischen Wurzeln "Lang lebe der Tod", dessen wütender und rebellischer Grundton sich deutlich von den eher poppigen Vorgänger-Alben abhebt.

Auf "XOXO" (2011) und "Hinterland" (2013), die wahre Begeisterungsstürme bei Teenagern und Kritikern gleichermaßen ausgelöst und beide Platz Eins der deutschen Album-Charts belegt haben, hatte Casper den melancholischen, planlos dahintreibenden Hipster der Generation Y perfekt abgebildet. Irgendwo zwischen durchzechten Clubnächten und Altbauwohnungen flanierte er mit der letzten Gang der Stadt am Leben vorbei und untermalte die Orientierungslosigkeit mal mit Klavier, mal mit gefälligen Bläsern. Die Kombination aus in Raps verpackten "Auf und Davon"-Träumen und seiner charakteristischen kratzigen Stimme machte Casper zu einem der bekanntesten Künstler Deutschlands. Ausverkaufte Touren, Festival-Auftritte vor Zehntausenden und und und – über Jahre hinweg jagte eine Show die nächste.

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Was dieser permanente Druck für den Mann hinter dem Idol Casper wirklich bedeutet haben muss, lässt sich auf "Lang lebe der Tod" in jedem Stück spüren. Von den Medien fühlt er sich vorgeführt, von den Fans belagert – und so greift Casper zur Musik als seiner Verteidigung und baut sich ein Bollwerk aus gellenden Rock-Gitarren und aggressivem Schlagzeug. "Nee! Abstand! Abstand! Ist mir wirklich viel zu nah dran!" ruft er beschwörend in "Lass sie gehen"; im punkigen "Wo die wilden Maden graben" verlangt er mit sich überschlagender Stimme sein Leben zurück.

Doch "Lang lebe der Tod" ist mehr als das introspektive Album eines gehetzten Rap-Stars. Es ist auch Caspers politischstes Album. Mit seiner eigenen Geschichte verwoben ist eine grundsätzliche Kritik an der Gesellschaft, der er sich zum Fraß vorgeworfen fühlte. Es geht um Verschwörungstheorien, die massentauglich werden, und bequeme Wohlständler, die das nicht interessiert. "Den meisten Platz findet Hass im Gedränge", konstatiert Casper. Die Stärke seiner kritischen Songs ist das elliptische Erzählen aus nächster Nähe: "Party à la ’84: Alle Kameras an". Dabei werden auch Ruhe und Schweigen als bedrückende Erzählmittel zugelassen. Casper zieht den Zuhörer in Filterblasen hinein, zwingt ihn, sich in seine subjektiv empfundene Lage zu versetzen und lässt sich mit ihm von Melancholie überrollen.

Vielleicht hat Casper deshalb so lange für "Lang lebe der Tod" gebraucht: Neben seiner eigenen Angst vor Ruhm und Isolation musste er auch noch die viel größere, die allgemeine Generationsangst vor einer zerbrechenden Gesellschaft zähmen. Auch wenn Songs wie "Sirenen" die Paranoia vor dem Zeitgeist der Vereinzelung und einem digitalen Überwachungsstaat oberflächlich zu schüren scheinen, ist "Lang lebe der Tod" bei weitem keine Kapitulation. Trotz all der Düsternis und Hektik, die eine schrille Klangkulisse bilden, ist Raum für hymnische Refrains mit eigentlich positiven Parolen: "Alles ist erleuchtet" und "Keine Angst".

Etwas scheint dem sensiblen Rapper jedoch unweigerlich Angst zu machen: Der mögliche Erfolg seines Albums und die damit zusammenhängenden Schattenseiten. Deshalb lässt sich Casper ein metaphorisches Hintertürchen offen: "Für den finalen großen Trick werd’ ich einfach so verschwinden / wie’s scheint in ein winziges Nichts." Es bleibt zu hoffen, dass es, trotz des absehbaren Erfolges, nicht so weit kommt, denn Caspers "Lang lebe der Tod" macht Lust auf mehr. Die gelungene Fusion von Punkrock und Rap, Melancholie und Aggression zeigt, dass Casper gelernt hat, auf dem Drahtseil zu balancieren – wenn nicht sogar sich wohlzufühlen. Wer weiß, was er von dort aus noch für Sprünge wagt.

Casper: "Lang lebe der Tod" (Sony Music).

Autor: Laura Sophia Jung