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15. November 2017

Durchaus Stoff für Romane

Das zweite Band mit Urkunden, in denen die Stadt Neuenburg erwähnt ist, umfasst die Jahre 1351 bis 1413 und ist jetzt erschienen.

  1. Starke Gemeinschaftsleistung: Bürgermeister Joachim Schuster (Mitte) mit den beiden Wissenschaftlern Jürgen Treffeisen (l.) und Jörg W. Busch bei der Vorstellung des zweiten Bandes der Neuenburger Urkunden Foto: Philipp

NEUENBURG AM RHEIN. Jetzt liegen auch die nächsten 436 Urkunden, in denen die Stadt Neuenburg oder ihre Einwohner erwähnt sind, in Buchform vor. Die "Urkundenregesten" des zweiten Bandes umfassen die Jahre 1351 bis 1413, in denen in Neuenburg reger Handel und Wandel herrschte. Dass es auch für Laien spannend sein kann, in einem solchen wissenschaftlichen Werk zu schmökern, wurde bei der Buchvorstellung deutlich.

Über zwei Jahrzehnte Vorarbeit
Der zweite Band dieser behutsam in verständliches Neuhochdeutsch übertragenen Urkundensammlung erscheint drei Jahre nach dem ersten, davor aber liegen mehr als zwanzig Jahre Recherchenarbeit in den unterschiedlichsten Archiven von Freiburg bis Innsbruck. Und auch für die Bände III und IV ist das Material bereits vorhanden. Insgesamt 1600 Schriftstücke sind es, die die Historiker Jürgen Treffeisen und Jörg W. Busch zusammengetragen, geordnet und übersetzt haben, eine Sisyphusarbeit, wie der Vortrag von Treffeisen "Wie entsteht ein Urkundenbuch?" deutlich machte. Deutlich wurde hier auch, dass selbst die auf den ersten Blick so trockene Arbeit der Archivsuche Suchtpotenzial hat. Ohne das finanzielle Engagement der Stadt, die als Herausgeberin genannt ist, hätte das Unternehmen scheitern müssen. Aber auch ohne den langen Atem der Beteiligten wäre das nicht gelungen, stellte Bürgermeister Joachim Schuster bei der Buchvorstellung fest.

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Stoff für Romane
Vom ersten Band her weiß man auch schon, dass der Inhalt durchaus Stoff für Romane hergibt, die Urkunden drehen sich um Besitzangelegenheiten und Alltägliches aus der Lebenswelt der Bevölkerung auf dem Land und in der Stadt. Die Übersetzung der Wissenschaftler, die bei strittigen Passagen auch den Originaltext zitiert, erleichtert Nichtwissenschaftlern den Zugang in diese Welt ferner Jahrhunderte. Schuster erinnerte daran, dass es der damalige Hauptamtsleiter und jetzige Stadtarchivar Winfried Studer war, der in den 1980er-Jahren angeregt hatte, die Neuenburg betreffenden Urkunden zu sammeln und herauszugeben. Hat doch das Stadtarchiv selbst Originaldokumente von unschätzbarem Wert in seinen Schränken, wie etwa das Neuenburger Stadtrecht aus dem Jahr 1292. Mit der Herausgabe in dieser Form ist den Wissenschaftlern ein großer Wurf gelungen. Denn nicht nur die Wissenschaft selbst, sondern auch interessierte Laien, Heimat- und Rechtshistoriker finden hier einen reichen Quellenschatz, der auch wissenschaftlichen Kriterien standhält. Es sind nicht nur die Übersetzungen, sondern auch ein umfassendes Register zu Orten, Personen und Fakten, die das Verstehen erleichtern.

Im mittelalterlichen Neuenburg
Die letzten Berührungsängste vor dem Thema hatte Jörg W. Busch, Professor für Geschichte an der Universität Frankfurt am Main und seit 2002 an dem Projekt beteiligt, schon bei der Vorstellung des ersten Bandes ausgeräumt. In einem vergnüglichen fiktiven Spaziergang durch das mittelalterliche Neuenburg hatte er Einwohnern und Durchreisenden bei ihrem Treiben zugeschaut, kleine Episoden, die sich in entsprechenden Urkunden wiederfinden, mit Leben und Farbe gefüllt. Auch jetzt hatte er wieder einen solchen mitgebracht.

Diese Spaziergänge finden sich nun im ersten Teil des zweiten Bandes als spannende und unterhaltsame Lektüre, die uns Schritt für Schritt in die Lebenswelt des 14. und 15. Jahrhunderts mitnimmt. "Wir stehen vor dem Rathaus und kommen mit Bürgern ins Gespräch, die von der Ankunft der Städteboten erfahren haben..." liest man da in einem Kapitel und erfährt kurz darauf in diesem lockeren, ungezwungenen Erzählstil, dass Neuenburg zusammen mit drei anderen Reichsstädten von Ludwig, dem Bayern, für 20 000 Mark Silber an die habsburgischen Herzöge von Österreich verpfändet wurde, was den Neuenburgern offenbar ganz recht war. Denn die neuen Herren bestätigten ihnen gerne immer wieder aufs Neue ihre verbrieften Privilegien und übernahmen viele Dinge, um die man sich früher hatte selber kümmern müssen, etwa die Sicherheit der Straßen. Nur der Besucher aus der fernen Zukunft wisse, dass diese Konstellation erst 1803 mit dem Übergang zum Großherzogtum Baden ein Ende hatte, erzählte Busch.

Die kleinen Fußnoten im Text verweisen auf die Nummern der jeweiligen Urkunden, aus denen das Geschehen rekonstruiert ist – ein anregendes Puzzle, das sich zu einem farbigen und plastischen Gesamtbild zusammensetzt und Lust auf eigene Entdeckungen macht. Nebenbei begreift man die tiefere Bedeutung von Redensarten wie "Brief und Siegel" oder "Umstände machen" als Fenster in eine längst vergangene gesellschaftliche Realität. "Sie werden nach achtundzwanzigeinhalb Minuten froh sein, heute zu leben", hatte Busch vor seinem Vortrag angekündigt. Mit Recht und Ordnung, Herrschaft und Gesetz sind wir in unserer Zeit einfach besser dran, das war am Ende allen bewusst.

Autor: Dorothee Philipp