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16. März 2010

"Jeder kann jederzeit Opfer werden"

BZ-INTERVIEW mit Sozialarbeiter Wolfgang Gerbig über Mobbing an Schulen / Vortrag am Mittwoch in Buggingen.

  1. Wolfgang Gerbig vor dem Neuenburger Jugendbüro. Foto: Drescher

BUGGINGEN/NEUENBURG. Wolfgang Gerbig ist Kinder- und Jugendbeauftragter der Stadt Neuenburg und seit kurzem zudem Vorsitzender des Kreisjugendrings. Seine beruflichen Erfahrungen in Jugendbüro und Schulen bringt der Sozialarbeiter auch in seine ehrenamtliche Arbeit ein. Am Mittwoch hält er einen Vortrag über Mobbing an Schulen – und sagt, wie Eltern und Lehrer damit umgehen sollten.



BZ:
Aus eigenen Schulerfahrungen weiß man, wie gerne Kinder andere hänseln. Ab wann fängt Mobbing in der Schule an?

Gerbig: Die Grundlagen für diese Verhaltensstrukturen werden in der Grundschule gelegt. Teilweise fängt Mobbing-Verhalten aber schon im Kindergarten an.

BZ: Aber woher kommt das?

Gerbig: Durch mangelndes Einfühlungs- und Vorbildverhalten der Erwachsenen. Wenn ein Kind die sozialen Kompetenzen nicht kennenlernt, dann kann es sich nicht in die Gefühlswelt anderer hineinversetzen oder erkennen, was das eigene Verhalten bei anderen bewirkt.

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BZ: Das heißt, Kinder wissen gar nicht, was sie mit ihrem Verhalten anrichten?

Gerbig: Ich höre ganz oft von Mobbing-Tätern: "Das war gar nicht so gemeint" oder "Das war doch nur Spaß". Sie haben eine grundsätzlich falsche Einschätzung und sind sich der Auswirkung ihres Verhaltens nicht bewusst, das gilt auch für das Cyber-Mobbing: Auch im Internet sind sich Kinder und Jugendliche nicht immer darüber im Klaren, welche Auswirkungen beleidigende Sprüche haben können. Teilweise sind sie aber auch schon so abgestumpft, dass solche Dinge für sie ohne Bedeutung sind. Dies projizieren sie dann auf andere.

BZ: Sie sagten vorher, dass die Eltern durch ihr Vorbild an diesen Entwicklungen beteiligt sind. Wie kann das sein?

Gerbig: Die Gefühlsebene, das Emotionale, wird von der jungen Elterngeneraton mit den Kindern nicht mehr geübt. Wenn ein Kind zu seiner Mutter sagt "Du bist blöd", kann sie unterschiedlich darauf reagieren. Eine sagt, "du redest dummes Zeug". Andere sagen gar nichts oder gehen einfach weg. Richtig wäre dem Kind zu erklären: "Es tut mir weh, wenn du so etwas sagst." Das tun aber die wenigsten Eltern, behaupte ich.

BZ: Warum sind die Eltern nicht mehr in der Lage, solche sozialen Kompetenzen ihren Kindern zu vermitteln?

Gerbig: Das machen sie nicht bewusst. Gefühle werden nicht gezeigt, es wird nicht über sie gesprochen. Die Werbung zeigt es doch, dass mit Urlauben, Flatrate und Auto alle glücklich sind … Aber dafür war die Rate von depressiven Menschen noch nie so hoch wie heute. Es findet eine Verrohung in der Gesellschaft statt, was sich schon bei den Kindern zeigt. Aber es ist nicht restlos alles weg, Mädchen können immer noch mehr über Gefühle reden als Jungen, sie mobben auch seltener.

BZ: Will man Mobbing verhindern, müssten also neben der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, mit Lehrern und Erziehern unbedingt auch die Eltern mit eingebunden werden. Was raten Sie denen?

Gerbig: Wir kommen über die Schulen an Schüler und Lehrer heran, aber die Elternarbeit kommt noch immer zu kurz, weil sie ein freiwilliges Hilfsangebot ist. Wenn Eltern feststellen, dass ihr Kind gemobbt wird, rate ihnen sich offen zu fragen, "warum wird mein Kind gemobbt? Welches Verhalten hat dazu geführt?" Auch kommt es vor, dass Kinder zu Hause vom Mobbing erzählen, dann aber sehen, dass ihre Eltern darunter leiden. Dann erzählen sie beim nächsten Mal nichts mehr. Andere Kinder haben Angst, die Eltern könnten sofort in der Schule anrufen oder den Täter zur Rede stellen, was die Situation nur verschärfen würde. Davon kann ich nur abraten, ebenso davon, sofort die Polizei einzuschalten. Erst einmal sollten Eltern versuchen, das Problem anders zu lösen. Ein erster Schritt ist, mit allen Beteiligten zu reden.

BZ: Damit ist dem Mobbing-Opfer aber noch nicht geholfen...

Gerbig: Das Opfer muss geschützt werden. Wichtig ist auch die absolute Vertraulichkeit. Den Kindern rate ich, ein Tagebuch zu führen und aufzuschreiben, was sie an Negativen, aber auch an Positivem erlebt haben, damit wir darüber sprechen können. Sonst bleiben sie mit ihrem Wust an Gefühlen allein.

BZ: Und was ist mit den Tätern?

Gerbig: Den Tätern muss in Kleingruppen oder Einzelgesprächen klar gemacht werden, was sie bewirken. Oft kommt es dann zu Entschuldigungen.

BZ: Gibt es weitere Beteiligte?

Gerbig: Ja, Zeugen. Und Mittäter, die daneben stehen oder nachtreten, um beim Täter Pluspunkte zu sammeln. Andere lehnen das Geschehen zwar ab, trauen sich aber nicht einzugreifen. In Gruppengesprächen muss es daher auch darum gehen, solche Zeugen zu bestärken.

BZ: Sie werden sicher Angst davor haben, selbst Mobbing-Opfer zu werden.

Gerbig: Ja. Jeder kann jederzeit Mobbing-Opfer werden. Das müssen wir den Schülern klar machen.

BZ: Macht es denn im Zweifelsfall Sinn, dass ein Opfer die Schule wechselt?

Gerbig: Die Schule oder auch nur die Klasse zu wechseln, ist keine Lösung! Der Täter wird sich ein neues Opfer suchen. Wenn ein Opfer sich wehrt, kann es bewirken, dass der Täter sein Tun sein lässt. Damit kann sich ein Kind aus der Opfer- in eine Verantwortungsrolle bringen.

BZ: Und wie kann man erreichen, dass das Mobbing nicht von Neuem los geht?

Gerbig: Wir schließen mit der Klasse eine Vereinbarung. Auch ein Täter darf sagen, was ihn stört, etwa dass sich ein Kinder immer einmischt oder sich nicht wäscht. Das Opfer darf sagen, was es sich wünscht, zum Beispiel dass es nicht mehr beschimpft wird. Ist eine Lösung gefunden, wird sie unterzeichnet. Es muss eine Win-Win-Situation sein: Alle Betroffenen müssen etwas davon haben. In der Regel hört man schon nach kurzer Zeit, dass sich das Klima in der Klasse gebessert hat.

BZ: Noch eine Frage zum vorhin erwähnten Cyber-Mobbing – nimmt das Schickanieren im Internet zu?

Gerbig: Cyber-Mobbing gibt es schon länger, es blieb den Erwachsenen nur lange verborgen, weil es verankert ist in der Mediennutzung von Jugendlichen. Mobbing geschieht nicht nur über das Social-Network wie StudiVZ, sondern auch über SMSe, E-Mails und Telefonanrufe. Vorteil beim Cyper-Mobbing ist für den Täter, dass er anonym bleiben und jederzeit mobben kann, oft geht das in Richtung Stalking. Die Schüler wissen nicht, dass sie strafbare Sachen tun. Deshalb ist Aufklärung wichtig. Auch die Eltern sind viel zu wenig aufgeklärt. Wenn man aber zulässt, dass Kinder Computer nutzen, muss man sich auch verantwortlich damit beschäftigen. Das gilt auch für Lehrer. Zu diesem Thema findet übrigens am 19. Mai um 19.30 Uhr im Stadthaus Neuenburg ein Elterntraining mit Jörg Kabierske von der Initiative "klicksalat" statt.

Vortrag über Mobbing mit Wolfgang Gerbig am Mittwoch, 17. März, um 19 Uhr im Gesundheitszentrum Maier-Thiele in Buggingen, Hauptstraße 16.

Autor: ad