Leserbriefe

Dieter Schweinlin, Architekt Neuenburg/Berlin

Von Dieter Schweinlin, Architekt Neuenburg & Berlin

Di, 08. März 2016

Neuenburg

STÄDTEBAU
So entstehen Monostrukturen
Zum Artikel "Könnten Flächen dreimal vergeben" in der Ausgabe vom 2. März
Es stellt sich einmal mehr die Frage, warum Neuenburg Grundstücke in bester Innenstadtlage kauft, abräumt, über Jahre brach liegen lässt und damit ein desolates Stadtbild erzeugt, obwohl keine Konzepte für eine Nachnutzung existieren. Sehr enttäuschend ist dann, wenn ein schiere Einfallslosigkeit dokumentierendes Projekt vorgestellt wird, das sich auf den ersten Blick als Sammlung städtebaulicher Fehler präsentiert. Primäre Aufgabe der Stadt sollte sein, wertvolle gewachsene Strukturen zu erhalten und einen Rahmen für eine vernünftige Weiterentwicklung zu schaffen. Die Bildung Fußballplatz großer Grundstücke, für deren Verwertung nur noch überregionale Investoren mit, im Gegensatz zu ortsansässigen Bauherren, rein kommerziellen Interessen in Frage kommen, sollte dabei vermieden werden, da hierdurch Monostrukturen entstehen, die den Charakter der Stadt zerstören. Das gezeigte Bild strahlt entsprechend Ratlosigkeit und Monotonie aus und dokumentiert diesen Kardinalfehler der Herangehensweise deutlich. Es ist symptomatisch, dass das maßstabslose Objekt unter anderem durch einen "Frequenzbringer" (das ist jede Innenstadt automatisch, wenn ihre Entwicklung vernünftig betrieben wird) und eine Verlegenheitspassage (Was soll sie verbinden, wie sieht sie nachts aus?) zwischen Schlüsselstraße und Metzgerstraße künstlich belebt werden soll.

Nachdem eine mit mehreren hunderttausend Euro Planungskosten verfolgte Autobahnüberbauung, für die einst ähnlich euphorisch ein vergleichbares gewerbliches Nutzungsspektrum beschrieben wurde, zum Glück kein Thema mehr ist, soll nun an zentraler Stelle ein Fehler nachgeholt werden, den viele Städte schon in den Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts gemacht und meist kostspielig revidiert haben.

Gänzlich unverständlich ist, dass an der Metzgerstraße weitere Grundstücke abgeräumt werden sollen um 44 ebenerdige Stellplätze zu schaffen, während der neue Großblock selbst nur 27 Parkplätze erhält und am Kronenrain eine hässliche Großgarage als neue Visitenkarte Neuenburgs gebaut werden soll, die die Stadt mit hohen Folgekosten belasten wird. So wünschenswert es ist, dass die leider schon seit Jahren ortsbildprägende Riesenlücke im Herzen der Stadt wieder verschwinden möge, so sehr wünscht man sich auch, dass sie einer Bebauung weicht, die mit Augenmaß, Sinn für den Ort, Sachverstand und in angemessener Qualität konzipiert wird. Der beschriebene Projektzwischenstand, an dem, wie richtigerweise angemerkt wurde, "noch viel gearbeitet werden muss", erfüllt keine dieser Anforderungen ansatzweise. Dieter Schweinlin, Architekt Neuenburg/Berlin

WINDKRAFT
Minderung touristischer Attraktivität
Zum BZ-Interview "Einzelnes Rad rechnet sich nicht" vom 6. Februar erreichte uns noch folgende Leserzuschrift
"Man kann Geld verdienen" am Blauen, das ist unbestritten, aber unbestritten bei der großen Mehrheit anspruchsvoller Touristen aus dem In- und Ausland sowie bei der Mehrheit einheimischer Naturparkfreunde ist auch, dass eine Gruppe großer Windräder auf dem Blauen, die weithin das Landschaftsbild dominieren, eine erhebliche ästhetische Beeinträchtigung des Naturparks und damit eine Minderung seiner touristischen Attraktivität bedeuten würden. Windräder auf dem Blauen und in anderen Gipfellagen des Südschwarzwaldes werden zwar Geld in die Kassen der Investoren spülen, zugleich aber wesentliche Belange vieler anderer Menschen mindern. Wir sollten unbedingt von dieser großtechnischen Verbauung unserer kostbarsten Landschaften Abstand nehmen, die für unzählige Menschen ein unverzichtbares Element ihres Ferien- und Freizeitglücks sind. Wir sollten bereit sein, hierfür gewisse finanzielle Opfer zu bringen. Die energetische Devise für den unverbauten Erhalt unserer touristischen Premiumregionen muss lauten: Verzicht auf Windräder im Naturpark und an seinen Randgebieten und Import des hier nicht erzeugten Windstroms von Off-Shore-Windkraftanlagen in Nord- und Ostsee! Die Kosten für die Verkabelung neuer Leitungen in schützenswerten nördlichen Landschaften können durch einen bundesweiten zehnjährigen "Schönheitssoli" aufgebracht werden. Wenn wir es wollen, können wir unsere hervorragend schöne Heimat, die zu den Premiumferiendestinationen in Europa zählt für insgesamt ca. 62,5 Euro pro Kopf und Jahr vor der großtechnischen Verstellung bewahren. Berücksichtigt man die prognostizierte Angleichung der Kosten innerhalb von zwölf Jahren, so ermäßigt sich dieser Betrag um 20 Euro. Und bedenken wir, bevor wir – im Chor mit der Wirtschaft – diese Summen als untragbar beklagen: Hätten wir alle seit 10 Jahren das technisch längst verfügbare 3-Liter-Auto gefahren, so hätten wir seit 2005 in unserer Region (gemessen am heutigen Jahresdurchschnittsverbrauch unserer 500 000 Pkws) eine dem entsprechende elektrische Energie von etwa 17 Milliarden kWh und somit jährlich das Energieerzeugungsäquivalent von 242 Großrotoren eingespart. Hiervon ist im "Ländle der Autobauer" wenig die Rede. Stattdessen predigen uns die Windkraftlobbyisten ihren Klimapfad als absolut vorrangig und behaupten, das Klima könne nur gerettet werden, wenn wir bereit sind, auch unsere schönsten Landschaften ihren Megagestellen zu unterstellen. Weil sie das aber, wie gezeigt, nicht beweisen können, verlegen sie sich darauf, die landschaftlichen Negativeffekte der weißen, rotierenden und Lichtblitze aussendenden Riesenwindmühlen kleinzureden.

Karl Hillebrand, Freiburg