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13. April 2013

"Mehr über die Stadt erfahren"

BZ-INTERVIEW mit Jürgen Treffeisen vom Generallandesarchiv in Karlsruhe zum Neuenburger Urkundenbuch.

  1. Jürgen Treffeisen Foto: privat

  2. Neuenburgs bedeutendste Urkunde: die Stadtrechtsurkunde, das „Adolphinische Privilegium“, das König Adolf von Nassau am Weihnachtstag des Jahres 1292 überbrachte. Foto: Drescher

NEUENBURG AM RHEIN. 22 Jahre ist es her, dass der Neuenburger Gemeinderat beschlossen hat, ein Urkundenbuch herauszugeben. Doch bis heute liegt das Werk nicht vor. Warum das so ist, erkundete Neuenburgs Stadtarchivar Winfried Studer als Geschichtsexperte für die Badische Zeitung bei Jürgen Treffeisen, dem stellvertretenden Leiter des Generallandesarchivs in Karlsruhe, der das Buch erarbeitet.

Studer: Sie haben über die Geschichte Neuenburgs promoviert und mehrere Arbeiten veröffentlicht. Was interessiert Sie an der Geschichte gerade dieser Stadt?
Treffeisen: Neuenburg war, nach Freiburg, im Mittelalter die bedeutendste Stadt im rechtsrheinischen Oberrheingebiet zwischen Basel und Straßburg. Die Stadt prägte durch ihren politischen Einfluss und ihre Wirtschaftskraft maßgeblich eine ganze Region und wirkte bis in das linksrheinische Elsass. Zahlreiche Neuenburger Familien standen in einem regen Austausch mit Basler Bürgern. Mit der Zerstörung großer Teile der Stadt durch den Rhein verlor Neuenburg zahlreiche Einwohner und damit an Wohlstand und Einfluss. Der Dreißigjährige Krieg sowie die Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg setzten der Stadt weiter zu. Trotz dieser Zerstörungen retteten die Neuenburger ihr Archiv immer wieder. Für eine Stadt mit einem derartigen Schicksal ist die große Anzahl überlieferter Archivalien geradezu sensationell, eine Fundgrube für jede historische Arbeit.

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Studer: Was ist ein Urkundenbuch?
Treffeisen: Im Neuenburger Urkundenbuch werden die rechtsverbindlichen Zeugnisse, so kann man den Urkundenbegriff wohl am besten eingrenzen, der Stadt Neuenburg bis zum Jahr 1416 als sogenannte Vollregesten veröffentlicht. Wir – Professor Jörg W. Busch und ich – haben alle Urkunden aus dem Neuenburger Stadtarchiv, aber auch aus anderen Archiven wie beispielsweise den Stadtarchiven Freiburg und Basel sowie die im Generallandesarchiv Karlsruhe lagernden Urkunden der südbadischen Klöster mit Besitz in Neuenburg ausgewertet und weitgehend in verständliches modernes Deutsch übertragen. Damit können nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Neuenburger Bürger mehr über ihre Stadt erfahren, sozusagen direkt in die mittelalterliche Geschichte der Stadt eintauchen.

Studer: Welchen Umfang wird das Neuenburger Urkundenbuch haben?

Treffeisen: Der erste Band umfasst den Zeitraum von 1185 bis 1350 mit 396 Urkunden. Mit einem Register sowie einer knapp 100 Seiten umfassenden Einführung zu Neuenburg und ihren Stadtgründern – den Herzögen von Zähringen – wird ein über 400 Seiten starkes Buch entstehen. Der zweite Band umfasst die Urkunden bis 1413, als Neuenburg im Rahmen des Konstanzer Konzils kurzzeitig Reichsstadt wurde. Danach steigt die Anzahl der Urkunden so stark an, dass eine Zusammenfassung in Buchform neben dem normalen Beruf nicht mehr zu leisten ist. Wir wollen die bislang gesammelten Urkunden aus der Zeit von 1414 bis 1500 über das Internet zugänglich machen und für Ergänzungen offen halten.

Studer: Wie kamen Sie zur Beschäftigung mit den Neuenburger Urkunden?
Treffeisen: Durch den Umstand der zahlreich erhaltenen mittelalterlichen Urkunden bot sich für einen jungen Doktoranden ein ergiebiges Forschungsgebiet. Dann hatte mich die faszinierende Geschichte der Stadt gepackt, insbesondere der Umstand, dass Neuenburg allen Schicksalsschlägen mehr oder weniger erfolgreich getrotzt hat und heute wieder eine Zentralfunktion im Markgräflerland einnimmt. Wichtig war mir aber auch, dass in der Stadt selbst ein großes Interesse an der eigenen Geschichte vorhanden ist. An diesem Beispiel können sich viele andere Städte orientieren, in denen die eigene Geschichte eher stiefmütterlich behandelt wird und nichts kosten darf.

Studer: Weshalb dauert die Arbeit an dem Urkundenbuch so viele Jahre?
Treffeisen: Da ich die Bearbeitung der Urkunden neben meinem Beruf als Archivar des Landes Baden-Württemberg betreibe, steht mir nur eine begrenzte Zeit zur Verfügung. Zudem hatte ich die große Zahl der erhalten gebliebenen Urkunden unterschätzt. Daher habe ich ab dem Jahr 2000 Professor Jörg W. Busch von der Universität Frankfurt mit ins Boot genommen. Wir können nun in diesem Jahr den ersten Band präsentieren. Die Arbeiten am zweiten Band laufen auf Hochtouren. Wir rechnen mit der Fertigstellung des Manuskripts im Jahr 2015. Dann kann auch dieser Band gedruckt werden. Danach bereiten wir die übrigen Urkunden bis 1500 für die Internetpräsentation auf.

Studer: Hat das Urkundenbuch über die Stadt hinaus Bedeutung für die Geschichtsforschung und die Wissenschaft?
Treffeisen: Durch das Urkundenbuch werden diese wichtigen Dokumente für Wissenschaftler leicht nutzbar. Aufgrund der sehr guten Quellenlage wird die Geschichte der Stadt künftig vergleichend bei anderen stadtgeschichtlichen Forschungen herangezogen werden. Dies wird auch zahlreiche neue Erkenntnisse zur Geschichte der Stadt erbringen.

Studer: Wie beurteilen Sie den Urkundenbestand im Vergleich zu Nachbarstädten wie Basel, Freiburg und Colmar?
Treffeisen: Neuenburg braucht sich hinsichtlich seines Urkundenbestands nicht hinter diesen Städten zu verstecken. Natürlich haben die mittelalterliche Großstadt Basel und die Mittelstadt Freiburg schon aufgrund ihrer deutlich größeren Bevölkerungszahl auch deutlich mehr Urkunden. Aber Städte vergleichbarer Größe wie Breisach, Endingen oder Kenzingen konnten weniger Urkunden erhalten. Bedenkt man zudem, dass die Mehrzahl der damaligen Stadtbevölkerung Europas in Städten von der Größe Neuenburgs lebte, bieten diese Urkunden einen wichtigen Einblick in einen derartigen Kosmos.


ZUR PERSON: JÜRGEN TREFFEISEN

wurde 1959 in Freiburg geboren, aufgewachsen ist er in Emmendingen. 1979 bis 1985 studierte er Deutsch und Geschichte an der Freiburger Universität; es folgte die Promotion mit einer vergleichenden Studie der Städte Neuenburg, Kenzingen und Endingen. Danach war Treffeisen Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni in Münster, ehe er eine Ausbildung zum Archivar in Marburg machte. Seit 1991 ist er beim Land Baden-Württemberg tätig, seit 2006 im Generallandesarchiv Karlsruhe, dessen stellvertretender Leiter er seit 2011 ist. Treffeisen ist verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder und lebt in Heidelsheim bei Bruchsal.  

Autor: bz

Autor: bz