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01. Dezember 2016

Prägend für ganze Generationen

Über Naturkatastrophen in Baden-Württemberg sprach Thomas Adam, Leiter des Städtischen Museums Bruchsal, in Neuenburg.

  1. Die Details machen es aus: Ein zeitgenössischer Stich, bei dem Adam die wichtigste Partie, die Reste des Neuenburger Münsters, herausvergrößert hat Foto: Dorothee Philipp

  2. Friedrich Schöpflin vom Geschichts- und Kulturkreis Neuenburg (links) mit Referent Thomas Adam Foto: Dorothee Philipp

NEUENBURG AM RHEIN. Thomas Adam, Leiter des Städtischen Museums im Bruchsaler Schloss und Leiter der Abteilung Kultur im Hauptamt der Bruchsaler Stadtverwaltung ist Heimatforscher aus Leidenschaft. 123 Publikationen zählt die Landesbibliografie Baden-Württemberg auf, darunter das 2015 erschienene Buch "Feuer, Fluten, Hagelwetter. Naturkatastrophen in Baden-Württemberg". Adam kann nicht nur schreiben, sondern auch mitreißend erzählen, wie sich bei seinem jüngsten Vortrag im Neuenburger Stadthaus zeigte.

Eingeladen hatte der Geschichts- und Kulturkreis Neuenburg, der jährlich im November in Zusammenarbeit mit der Stadt Neuenburg und der Regio-VHS einen Vortrag zu historischen Themen mit aktuellem Bezug anbietet. Und aktuell sind diese Ereignisse, die die Versicherungen unter "höherer Gewalt" einstufen, auch wenn sich im Vergleich zu früher vieles allein schon durch die technischen Möglichkeiten geändert hat. Eine Radiosendung über Naturkatastrophen weltweit habe ihn auf die Idee gebracht, einmal in der Heimat zu forschen, was sich da über die Jahrhunderte hinweg so ereignet hat, berichtet Adam zur Entstehungsgeschichte des Buches, für das er mehrere Jahre recherchiert hat.

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Auffallend ist, dass sich in der mündlichen Überlieferung die Berichte gerade über Naturkatastrophen im Lokalen über Jahrzehnte, ja Jahrhunderte halten. Auch heute noch erzählen laut Adam die Menschen von einem Hochwasser 1931 in Nordbaden, das zwei Todesopfer gefordert hatte. "Die Wahrnehmung solcher Ereignisse ist prägend für ganze Generationen", folgert er. Sein Blick gilt nicht der naturwissenschaftlichen Erklärung der Katastrophen, sondern den betroffenen Menschen und der Langzeitwirkung solcher Ereignisse in der Überlieferung.

Adam erzählt mit Temperament, Laune und einem charmanten nordbadischen Zungenschlag, er nimmt das Publikum mitten hinein in die Szenerien von Erdbeben, Feuersbrünsten, Hagel und Hochwasser, die das Land am Oberrhein immer wieder heimgesucht haben und illustriert sie mit eindrucksvollen Bildern. Die Bilder wurden vielfach dazu benutzt, um nach einer Katastrophe Spenden zu sammeln, wie nach dem Stadtbrand von Reutlingen 1726. Auf dem dramatischen zeitgenössischen Gemälde sind nicht nur die züngelnden Flammen zu sehen, sondern auch die händeringenden Menschen, die mit dem Nötigsten an Hab und Gut vor die Stadtmauer geflüchtet waren. Das erhöhte die Spendenbereitschaft. Denn damals gab es keine Versicherungen, die einsprangen.

Und warum bedeutete für die Menschen früher Glück im Unglück, wenn sich ein schweres Unwetter oder Hochwasser am Tage und nicht nachts ereignete? Da war es so stockdunkel, wie man es sich heute im Zeitalter der Straßenlaternen und Flutlichtstrahler nicht vorstellen kann. Eine echte Paniksituation, wenn sich die Katastrophe nur im sekundenschnellen Schein der Blitze wahrnehmen lässt. Adam hat auch die Animation von Hans-Jürgen van Akkeren dabei, die zeigt, wie 1525 das Rheinhochwasser die Stadt Neuenburg eingeschlossen und die ganze Weststadt weggespült hat.

Auch heute noch die gefährlichste Naturgewalt

Und was denken Sie, was für uns heute immer noch die gefährlichste Naturgewalt ist?, fragt Adam in die Runde. Es sind die "harmlosen kleinen Bäche", die in Minutenschnelle zu reißenden Sturzfluten anschwellen können. Und hier greift er auch zur wissenschaftlichen Erklärung: Die Rinnsale müssen das gesamte Wasser eines Starkregens ableiten, der über einem Talkessel niedergeht. Das sei auch für ihn überraschend gewesen, aber beim Recherchieren habe er viele solcher Berichte gefunden, die es oft nur in die regionale Berichterstattung geschafft, die Menschen vor Ort aber trotzdem hart getroffen haben. Und wie zur Bestätigung seiner Theorie kam 2016 das Hochwasser, das den Ort Braunsbach verwüstete. So heftig, dass auch die Welt daran Anteil nahm.

Ein Exkurs führt in die sogenannte kleine Eiszeit, die in der Mitte des 16. Jahrhunderts begann. In den Jahren der schlimmsten Kälte, als die Ernten auf den Feldern erfroren, von 1570 bis 1630, hat es nach Adam auch die meisten Hexenverbrennungen gegeben: Die Frauen und auch etliche als Hexer verfolgte Männer wurden für die unergründlichen Wetterphänomene und ihre katastrophalen Folgen verantwortlich gemacht. Adam widmet sich auch den stummen Zeugen der Katastrophen, den Hochwassermarken, Gedenksteinen und Erinnerungstafeln an Opfer. Sein Fazit: Wir leben hier in einer Region, in der Naturgewalten nicht so große Dimensionen entwickeln wie anderswo auf der Welt, aber sie haben das Denken der Menschen immer beeinflusst. Und auch heute stelle man sich angesichts des Klimawandels die Frage, wie schlimm es werden wird. Das könne man wohl erst in 100 oder 200 Jahren sagen.

Literatur: Feuer, Fluten, Hagelwetter. Naturkatastrophen in Baden-Württemberg; Thomas Adam; Darmstadt 2015; 223 Seiten; 24,95 Euro.

Autor: Dorothee Philipp