"Sie sind sehr souverän"

Susanne Ehmann

Von Susanne Ehmann

Sa, 22. Juli 2017

Neuenburg

Engagement mit positiven Nebenwirkungen: der Schulsanitätsdienst an der Neuenburger Mathias-von-Neuenburg-Schule.

NEUENBURG AM RHEIN. Wenn sie alarmiert werden, muss der Unterricht warten: Schulsanitäter leisten in der Neuenburger Mathias-von-Neuenburg-Schule Erste Hilfe. Bei Schürfwunden, Prellungen und Schlimmerem, wie einer Fingeramputation. Nach dem Motto: Schüler helfen Schülern – und natürlich auch Lehrern.

Die Erste Hilfe-Grundausbildung ist Plicht. Erst wenn die Schüler die erfolgreich in der Tasche haben, dürfen sie als Schulsanitäter Dienst tun. Ist die Alarmierung erfolgt, muss es schnell gehen. Egal ob gerade Mathe-, Deutsch- oder Englischunterricht ist. Nur Klassenarbeiten sind Ausnahmen. Ansonsten erfahren die Schulsanitäter per Handy, wo der Einsatzort ist – hat jemand in der Turnhalle einen Ball an den Kopf gekriegt, ist auf dem Schulhof jemand hingefallen oder ist im Schulgebäude umgeknickt? Dann schnappen sie sich die Sanitätstasche und eilen zum Ort des Geschehens, zur Erstversorgung. Und sie entscheiden selbst, ob ein paar beruhigende Worte reichen und ein Pflaster. Oder ob sie, wie damals, als sich ein Lehrer bei einem Unfall einen Finger abtrennte, den Rettungsdienst dazuholen – generell lieber einmal zu viel als einmal zu wenig.

Eine große Verantwortung, die die Schüler wie selbstverständlich übernehmen. "Sie sind sehr souverän", sagt Daniela Kirschner. "Es läuft so gut, dass die Lehrer sich zurückhalten, weil sie sagen, die Schüler können es besser." Sie selbst ist außerdem immer erreichbar. Daniela Kirschner hat den Schulsanitätsdienst – eine Arbeitsgemeinschaft (AG) – an der Mathias-von-Neuenburg-Schule 2012 gegründet und aufgebaut. Kirschner ist als Koordinatorin für alle Schulsanitätsdienste beim DRK-Kreisverband Müllheim angestellt. Ziel sei es, in allen Schulen einen Schulsanitätsdienst aufzubauen, sagt sie.

Warum leisten Schüler in der Schule Sanitätsdienst und nicht Erwachsene? Weil die Schüler so lernen, für andere Verantwortung zu übernehmen und Erste Hilfe zu leisten, sagt Daniela Kirschner. "Wir sind laut einer Studie europaweit auf dem zweitletzten Platz bei der Bereitschaft, Erste Hilfe zu leisten. Wir wollen die Schüler dazu ermutigen, sich zu trauen." Und wenn es nur ist, zu fragen, "Kann ich dir helfen?" und zu zeigen, ich bin für dich da. Und wenn es dann noch so wie bei Sarah und Laura läuft, das sei "traumhaft", schwärmt Kirschner.

Motivation für medizinische Berufe

Sarah Zimmermann und Laura Ecke, beide 16 Jahre alt und beide derzeit in der zehnten Klasse, wollen in medizinische Berufe. Der Schulsanitätsdienst habe auf ihre berufliche Entscheidung durchaus Einfluss gehabt, sagt Sarah. Sie hat so den Umgang mit Patienten im Einsatz gelernt und dabei gemerkt: "Das liegt mir." Nun beginnt sie bald eine Ausbildung zur Krankenschwester. Laura möchte Zahnmedizinische Fachangestellte werden, auch sie beginnt bald ihre Ausbildung. "Wenn ein Patient auf dem Zahnarztstuhl Panik bekommt, kann ich ihm durch den Schulsanitätsdienst besser helfen und besser nachvollziehen, was passiert", sagt sie.

28 Mitglieder sind sie zurzeit und eine tolle Gemeinschaft. Eine Herausforderung sei die Altersstruktur, sagt Daniela Kirschner, die Schüler kommen aus den Klassen 6 bis 10. Führende Positionen haben aber eher die Älteren. So wie Jonas Widder, 16 Jahre, der zusammen mit einem Freund eine Rettungsleiter zur Übung für die Rettungshundestaffel Freiburg gebaut hat. Oder wie Milena Ritzki, ebenfalls 16, die seit vier Jahren Hauptorganisatorin des Schulsanitätsdienstes ist, sich um das Material kümmert, Teamstrukturen organisiert – es gibt Dienstgruppenleiter und Assistenten – und Dienstpläne schreibt; unter der Woche organisiert sich der Schulsanitätsdienst selbst.

Die AG-Treffen finden alle zwei Wochen statt, dazu nehmen die Schüler immer wieder an DRK-Übungen teil. Daniela Kirschner, die beim DRK auch Ausbilderin ist, versucht so oft wie möglich, sie mitzunehmen. "Dann können sie sehen, wie der Rettungsdienst arbeitet. Können sich Dinge abschauen. Und merken, dass die sich auch absprechen müssen."

Zu erkennen sind die Schulsanitätsdienstleitenden seit kurzem an ihren roten T-Shirts mit der Aufschrift "Schulsanitäter", die die Sparkasse Markgräflerland gespendet hat. Die T-Shirts sind nun Pflicht, wenn sie etwa bei den Bundesjugendspielen helfen.

Es läuft also gut beim Schulsanitätsdienst der Mathias-von-Neuenburg-Schule – nur einen Wunsch hat Daniela Kirschner noch. Dass einige Lehrer den Sanitätsdienst mehr akzeptieren. Denn Einsätze sind zwar mal monatelang gar nicht – dann aber sind drei an einem Tag. Und mancher Lehrer guckt ein wenig kritisch, wenn ein Schüler zum dritten Mal den Unterricht verlässt. Besonders wenn es einer ist, der sich im Unterricht schwerer tut. Aber, sagt Daniela Kirschner: "Einige von ihnen haben dann eben im Schulsanitätsdienst ihre Rolle gefunden."