Wenn das Smartphone zur Sucht wird

Beatrice Ehrlich

Von Beatrice Ehrlich

Mi, 26. Juli 2017

Neuenburg

Fünft- und Sechstklässler der Mathias-von-Neuenburg-Schule sahen das Zwei-Personen-Stück "Online" des Weimarer Kulturexpress’.

NEUENBURG AM RHEIN (hrl). Ein Smartphone ist eine feine Sache. Zum Geburtstag hat Jule endlich eines bekommen. Ihre Freundin Elli ist begeistert: Tausend und eine Anwendung fallen ihr ein und sie zählt sie alle auf. Apps, Chats, Spiele und mehr – "Komm, ich zeig Dir wie’s geht". Womit Elli nicht gerechnet hat, ist, dass sich ihre Freundin plötzlich verändert, sich komplett abkapselt und zuletzt das Haus gar nicht mehr verlässt. Vergessen sind Schule, Familie, Freunde, das Hobby Fotografieren und sogar die Band, in der Jule Schlagzeug spielt. Erst als Jule tagelang nicht mehr aus ihrem Zimmer kommt, sich nicht einmal mehr anzieht oder wäscht, zieht ihre Mutter den Stecker: Handyverbot.

Am Freitag hat der Weimarer Kulturexpress mit dem Zwei-Personen-Stück "Online" im Neuenburger Kino im Stadthaus Station gemacht. Auf beklemmende Weise und in atemlosen Tempo führten Madeleine Weiler (in einer Doppelrolle: Freundin Elli und Jules Mutter) und Jessica Baumgarten (als Jule) vor Augen, was exzessiver Internet-Konsum bei einem jungen Menschen bewirken kann. Was mit einem Geburtstagswunsch und scheinbar unabdingbaren Kommunikationsgeräten beginnt, kann zur Sucht werden. Gerade bei einem jungen Menschen, der nach Orientierung sucht wie Jule. Konzentriert und fasziniert verfolgten die Fünft- und Sechstklässler der Mathias-von-Neuenburg-Realschule und Werkrealschule die Handlung. "Wie schafft ihr es, Euch so schnell umzuziehen?", fragt ein Schüler am Schluss erstaunt.

Wolfgang Gerbig vom Kinder- und Jugendbüro der Stadt Neuenburg, der auch für die Schulsozialarbeit zuständig ist, hat die beiden Schauspielerinnen wegen des brandaktuellen Themas an die Neuenburger Schulen geholt. "Bei den Schülern ist das gerade ganz wichtig", hat er beobachtet. Etwa drei Viertel der Kinder in dieser Altersgruppe besäßen schon ein Smartphone. Für ihn ein Anlass, sich einmal mit den Gefahren dieses Trends auseinanderzusetzen. In dem von Katrin Heinke inszenierten Jugend-Theaterstück wird deutlich, wo die Gefahren liegen: Die Vielfalt der Angebote überfordert die Kinder, dass viele davon kostenpflichtig sind, wissen die meisten nicht einmal. Und dass nicht jeder neue "Freund" im Netz nur Gutes mit ihnen vorhat, möchten manche, wie Jule, erst einmal gar nicht glauben. Vorsichtig zu sein bei der Auswahl dessen, was man ins Netz stellt, empfehlen die beiden Schauspielerinnen denn auch nach der Vorstellung. "Was einmal drinsteht, wird immer da sein", warnen sie. Selbst wenn ein Bild gelöscht werde, sei es nicht aus der Welt verschwunden.

Die Schüler erkennen in den Szenen des Stücks einiges wieder, wie man an ihren Reaktionen merkt, anderes kommt ihnen ein bisschen übertrieben vor: "So ist keine Mutter", flüstert ein Mädchen, als Jules Mutter, selbst auch gern am Computer, plötzlich strengere Saiten aufzieht und neue Regeln für die Smartphone und Computernutzung aufstellt. In der Tat: der Wechsel von der fortschrittlichen und beruflich eingespannten Mutter, die ihrer Tochter alles erlaubt, hin zu Strenge und Konsequenz ist dann doch ein bisschen abrupt. Da sie nur selten da ist, bleibt offen, wie sie ihr Verbot umsetzen wird. Und Jule? Man kann nur ahnen, was in der Therapie passiert ist, die sie wegen ihrer Smartphone-Sucht besuchen musste: In der Schlussszene, in der sie wieder bestens gepflegt mit Elli auf Foto-Tour geht, ist alles gut – zumindest vorerst.