Nicht länger an Sprache scheitern

Anita Rüffer

Von Anita Rüffer

Sa, 12. Januar 2019

Freiburg

Ob Kita oder Verein: Mit "durchgängiger Sprachbildung" sollen alle Freiburger Kinder sprachlich fit gemacht werden.

FREIBURG. Manche finden, es gäbe wichtigere Probleme. Für Bildungsbürgermeisterin Gerda Stuchlik ist es eines der wichtigsten: Mit dem "Gesamtkonzept durchgängige Sprachbildung 2030" hat sie ihr Dezernat darauf verpflichtet, alle Hebel in Bewegung zu setzen, damit Kinder frühzeitig sprachlich fit gemacht und damit zur Teilhabe an der Gesellschaft befähigt werden. Im laufenden Doppelhaushalt wurden erste Pflöcke eingeschlagen, um bis 2030 in allen Stadtteilen nachhaltige Netzwerke dafür zu knüpfen.

Dabei muss die Stadt nicht bei Null anfangen: Es gibt Projekte wie das von der Volkshochschule koordinierte Sprach- und Elternbildungsprogramm Rucksack, das die jeweiligen Muttersprachen einbezieht und bislang vorrangig in Kitas praktiziert wird. Oder professionelle Erzählerinnen, die an Grundschulen mit den Kindern das "Erzählen, Zuhören, Weitererzählen" üben.

Und es gibt als steuernde Instanz die beim Amt für Schule und Bildung (ASB) angesiedelte Stabsstelle Freiburger Bildungsmanagement, die Sprachbildung systematisch ins Zentrum der Wahrnehmung zu rücken versucht. Etwa in den Stadtteilen Landwasser und Zähringen, in denen seit 2015 modellhaft erprobt wird, wie Kinder sich sprachlich weiter entwickeln können, wenn alle Akteure an einem Strang ziehen: Kitas, Grundschulen, Vereine, Kinderärzte oder Hebammen.

Sie müssen selber alle erst mal sensibel werden für "den Dialogcharakter der Sprache", wie ASB-Leiter Hermann Maier sagt. Lernen, an der Alltagssprache der Kinder anzuknüpfen und sie allmählich auch an eine "Bildungssprache" heranzuführen, die es ihnen ermöglicht, nicht länger an Textaufgaben in Mathe zu scheitern, obwohl sie Rechenwege super beherrschen.

Mit den Modellverbünden "haben wir viel Erfahrung sammeln können", bekräftigt Stabsstellenleiter Hartmut Allgaier. Eingebracht werden sollen sie als nächstes in Weingarten, wo ein weiterer Verbund entstehen soll, für den eine Personalstelle und Sachmittel im Haushalt gesichert sind. Bis 2030 soll es sie in allen Stadtteilen geben.

Als erste soll auch die Albert-Schweitzer-Grundschule in Landwasser personelle Unterstützung bekommen durch eine Sprachfachkraft eines freien Trägers. Diese soll nicht nur die Kinder in ihrer sprachlichen Entwicklung fördern, sondern auch das pädagogische Personal für die Sprachbildungspraxis fit machen. Pate gestanden für diese Idee haben die 14 Freiburger Schwerpunkt-Sprachkitas, die durch ein Bundesprogramm gefördert werden und viel Know-How in das Freiburger Konzept einbringen können.

Durchgängig und ohne Brüche von der Kita bis zum Ende der Grundschule soll die Sprachbildung in Freiburg im Fokus stehen: Kitakinder können die mehrsprachigen Bibliotheken in den Grundschulen besuchen; die in den Kitas geführten Portfolios, die die – auch sprachlichen - Entwicklungsschritte der Kinder festhalten, könnten in den Grundschulen weitergeführt werden. Jeder Verbund kann erarbeiten, was im eigenen Sozialraum jeweils für sinnvoll erachtet wird. Die Volkshochschule bekommt mehr Geld, damit sie das Rucksackprogramm auch in Grundschulen einführen kann.

Eine Weiterentwicklung des bisher Geleisteten hält Gerda Stuchlik für unbedingt nötig: "Wir haben Nachholbedarf beim Übergang von der Kita in die Grundschule", sagt die Bildungsbürgermeisterin. Im Schuljahr 2015/16 hatte fast jedes dritte Kind in der ersten Klasse einen Migrationshintergrund. Und im Rahmen der Einschulungsuntersuchungen wurden 2014 bis 2016 in Freiburg bei etwa jedem vierten Kind ein intensiver Sprachförderbedarf nachgewiesen. "Nur immer neue Programme helfen nicht weiter", sagt Hermann Maier. "Mit der durchgängigen Sprachbildung bekommen wir eine neue Qualität." Die sozialraumbezogene Verankerung sorge dafür, dass alle Akteure ein gleiches Verständnis von Sprachförderung bekämen. Das könne vernetzt werden mit vorhandenen Programmen wie den Freiburger Forschungsräumen.