Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

24. August 2011

Heiner Flassbeck

Nur Dummköpfe glauben an die Schuldenkrise

BZ-GASTBEITRAG: Der Ökonom Heiner Flassbeck beklagt fehlendes Wissen über die Wirtschaft und warnt vor zu viel Sparsamkeit.

  1. Heiner Flassbeck Foto: privat

Es wäre zum Lachen, wenn es nicht so traurig wäre. Die Politiker produzieren eine "Lösung" für die Krise nach der anderen und das Vertrauen in die wirtschaftliche Zukunft schwindet von Tag zu Tag. Kaum hatten Merkel und Sarkozy erneut einen "Durchbruch" für Europa gemeldet, da fielen die Aktienmärkte ins Bodenlose. Irgendetwas geht fundamental schief. Es ist, als ob die Politiker die Bedienungsanleitung für ein Schiff in Seenot studierten und entsprechende Anweisungen gäben, ohne zu merken, dass sie in einem Flugzeug sitzen.

Und in der Tat, unsere Politiker wissen nicht mehr, was sie tun, weil ihre eigenen Vorurteile sie daran hindern, sich umzuschauen und zu erkennen, wo sie in Wirklichkeit sind. So haben sie es zugelassen oder sogar aktiv befördert, dass die Finanzkrise und die Euro-Krise in eine "Staatsschuldenkrise" umbenannt worden sind. Ist doch schön, wenn ich einen Anlass finde, endlich das zu tun, worauf ich Jahre gewartet habe, nämlich den Staat in seine Schranken zu weisen. Dass die Finanzkrise eine Spekulationskrise der Banken war und die Eurokrise eine Krise der mangelnden Inflationskonvergenz zwischen Deutschland und Südeuropa stört die schöne Ideologie vom immer schuldigen Staat und wird deswegen konsequent ignoriert.

Werbung


Dass man meist genau das Falsche tut, wenn man eine falsche Diagnose hat, nimmt man nicht so wichtig, weil ja am Ende niemand genau sagen kann, ob das Flugzeug wegen eines Pilotenfehlers abgestürzt ist oder aus ganz anderen Gründen. Dass weder die Eurozone noch die USA eine "Schuldenkrise" haben können, hätte man zum Beispiel leicht daran erkennen können, dass es ein großes Land in dieser Welt gibt, das mehr Staatsschulden – im Vergleich zu seinem laufenden Einkommen (Bruttoinlandsprodukt genannt) – hat als die beiden zusammen und dennoch über keinerlei Finanzierungsprobleme klagt, nämlich Japan. Sogar im Gegenteil, nirgendwo ist der Zins auf lang laufende Staatsanleihen niedriger als dort und nirgendwo werden die Urteile von Ratingagenturen konsequenter ignoriert als dort.

Auch die Tatsache, dass in diesen Tagen, wo die Politiker und interessierte Kreise über nichts anderes sprechen als die "Verunsicherung der Märkte wegen der Staatsschulden" die Anleger ausweislich der fallenden Zinsen nach Staatsschuldenpapieren gieren und jede noch so niedrige Verzinsung akzeptieren, wird geflissentlich übersehen, weil es einfach nicht in das ideologische Weltbild passt.

Man kann es ganz einfach sagen: Wer Japan und fallende Zinsen auf Staatsanleihen in der "Schuldenkrise" nicht erklären kann, kann nichts erklären. Und man muss jeden einen Dummkopf nennen, der sich weiter den Bären von der "Schuldenkrise" von Leuten aufbinden lässt, die das nicht einmal zu erklären versuchen.

Was wirklich umgeht, ist Angst vor einem Absturz der Konjunktur. Und diese Angst ist vollkommen berechtigt. Die Profis an den Märkten wissen nämlich im Gegensatz zu vielen Schreiberlingen in den Zeitungsredaktionen und den unglaublich unwissenden Moderatoren in Talkshows und besonders den Nachrichtenredaktionen öffentlicher Fernsehsender, dass Staaten, die nichts im Sinn haben als zu sparen, eine ohnehin schwache Konjunktur im Nu kaputtgespart haben.

Wenn die privaten Haushalte und Unternehmen schon zu wenig Geld ausgeben, um die Wirtschaft am Laufen zu halten, kann ein noch mehr als bisher sparender Staat offenbar nur Unheil anrichten, weil er die Wirtschaft zum Absturz bringt. Überzeugen Deutschland und Frankreich gar die anderen 15 Euroländer, das Gleiche zu tun, kommt der Absturz ganz schnell. Aber die schlichte und uralte Erkenntnis, dass ein Staat nicht wie ein Privathaushalt sparen kann, um seine Verschuldung zu reduzieren, wird in Deutschland, anders als in den angelsächsischen Ländern, in den Medien nicht einmal erwähnt. Von Politikern, die solch fundamentales Wissen über Wirtschaft hätten, können wir nur träumen.

Flugzeuge funktionieren anders als Schiffe

So marschieren die Politiker, die den Staat gerne klein halten wollen, Hand in Hand mit den Bürgern, die Angst vor den Schulden haben. Am Ende werden beide aber viel mehr Schulden machen müssen, als sie sich vorstellen können, weil sie nicht verstanden haben, dass das Führen eines Flugzeugs anderen Gesetzen folgt als das Fahren eines Schiffes.

– Der Autor ist Chefvolkswirt bei der UN-Organisation für Welthandel und Entwicklung (UNCTAD) in Genf. Von 1998 bis 1999 war er Staatssekretär im Finanzministerium unter Oskar Lafontaine.

Autor: flb