Von Offenburg unbemerkt, ging in Zusenhofen die Post ab

Robert Ullmann

Von Robert Ullmann

Di, 12. Juni 2018

Oberkirch

Der Künstler Rainer Braxmaier stellt den selbstironischen Text "Die Kulturgeschichte Zusenhofens im Spiegel meiner Biographie" vor.

OBERKIRCH-ZUSENHOFEN. Wäre Rainer Braxmaier nicht bildender Künstler geworden, er hätte sich vielleicht Verfasser von Kurzgeschichten in der Art eines Mark Twain künstlerisch ausgedrückt. Braxmaiers Lesung eines eigenen Textes am Freitagabend in der Galerie Prestel im Oberkircher Ortsteil Zusenhofen war spaßig und mit Selbstironie.

"Die Kulturgeschichte Zusenhofens im Spiegel meiner Biographie" war das Script betitelt. Vor genau 40 Jahren kam Braxmaier nach Oberkirch. Insbesondere Zusenhofen und dessen kleine Kneipen- und Caféhaus-Szene trug dazu bei, dass er sich in der Ortenau wohlfühlte. Überdies läuft in der vor einem Jahr eröffneten Galerie Prestel gerade eine Ausstellung mit Braxmaiers Werken.

"Da ich Zusenhofens Kultur in meiner Biographie spiegle, muss ich zunächst den Spiegel vorstellen", begann der 1949 in Baden-Baden geborene Künstler launig – und erzählte von seiner Kindheit und Jugend. Etwa wie ein Ausbrecher aus dem nahe gelegenen Baden-Badener Gefängnis den Garten eines Freundes als Fluchtweg wählte. "Das wünschte ich mir glühend auch für mich. Leider blieb es unerfüllt." Das erinnert doch sehr an Tom Sawyer und Huck Finn. Später, nach Kontakt mit der 68er-Bewegung, machte sich der 19-jährige Braxmaier daran, die gesellschaftlichen Verhältnisse zu erschüttern. In einem Theaterstück, das ein Freund verfasst hatte, spielte er die Hauptrolle, saß dabei drei Stunden lang in einem Käfig auf der Bühne und gab Ur- und Grunzlaute von sich.

1978 dann der Wechsel nach Oberkirch, als Kunstlehrer ans Hans-Furler-Gymnasium. Der Rektor und er seien sich gegenüber gesessen, und beide dachten: "Das kann doch nicht wahr sein", so Braxmaier ironisch. Dann – endlich – Zusenhofen! Braxmaier, Oberkirchs Szene" suchend, hörte vom Hirschen in Zusenhofen. Der wurde von Franz Peghini betrieben, der zuvor den Freihof in Schutterwald zum Szenetreff gemacht hatte. Auch der Hirschen wurde Treffpunkt, von der Anti-Atomkraft-Bewegung bis hin zu den Marxisten, Künstler inklusive, und die Musiker unter den Gästen bedienten das im Schankraum stehende Klavier. Dann gab es noch die "Linde", die ähnlich beliebt war, und das Café Schneider von Irene Schneider und ihrem Bruder, dem Jazz-Pianisten Jo Prestel. "Der Jazz-Drummer Charlie Antolini, der Pantomime Benito Gutmacher, der Kabarettist Georg Schramm und viele weitere Künstler traten dort auf", erinnert sich Braxmaier. Vom 15 Kilometer entfernen Offenburg weitgehend unbemerkt, ging im 1800-Einwohner-Dorf Zusenhofen die Post ab – mit Braxmaier mittendrin. Heute ist der Hirschen wieder ein bürgerliches Lokal, das Café Schneider ist passé. Stattdessen gibt es die Galerie Prestel, mit Imbiss, Cocktails, Kunst und Musik. Und mit Braxmaier, der sich in Zusenhofen noch immer wohlfühlt.

Rainer Braxmaier: Werke. Galerie Prestel, Nußbacher Str. 1, Oberkirch-Zusenhofen, freitags ab 20 Uhr sowie sonntags 10-13, jeweils mit Gastronomie. Noch bis 22. Juni.