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17. September 2016

Ötzi ist zu Hause geblieben

Mehr als 60 Tier- und 14 menschliche Mumien zeigt die neue Sonderausstellung im Basler Naturhistorischen Museum.

Wirklich schön anzusehen sind Mumien nicht. Wissenschaftler im Basler Naturhistorischen Museum geraten dennoch ins Schwärmen. Schließlich hätten mumifizierte Körper, bei denen Haut, Haare oder Weichteile aufgrund äußerer Bedingungen nicht verwesten, viel über Lebens- und Todesumstände der Betreffenden, aber auch über kulturhistorische oder andere Bedingungen zu erzählen. Den roten Faden liefert bei der Basler Ausstellung, der nach Auskunft von Museumschef Christian Meyer größten Ihrer Art, die je in der Schweiz gezeigt wurde, jedoch der naturwissenschaftliche Ansatz. Unter dem Titel "Mumien – Rätsel der Zeit" gehen die Basler vor allem den Phänomenen auf den Grund, die zur Mumifizierung geführt haben.

Mumifizierte Katze als Hexenschutz eingemauert

Wer beim Thema vor allem an Ägypten und die Zeit der Pharaonen denkt, wird sich ohnehin wundern, sind doch mehr als 60 der Basler Exponate Tiere, so etwa die 1909 in 2000 Metern Höhe auf dem Bisgletscher im Wallis gefundene Gämse. Die Ausstellungsräume sind nach Mumifizierungsarten geordnet. So ist die Gämse im ersten, dem Eis gewidmeten Ausstellungsraum zu finden, darauf folgt das Einbetten, das unter anderem an einer 20 Millionen Jahre alten, in Bernstein eingeschlossenen Echse dargestellt wird. Auch Austrocknung kann zum Mumifizieren führen, wie unter anderem eine Hyäne aus einer Lavahöhle in Jordanien belegt, aber auch der Kopf eines 40 Millionen Jahre alten Froschs. Ausgestellt sind auch mumifizierte Katzen, die beim Aufstocken eines Pfarrhauses im baden-württembergischen Bietigheim offenbar als Hexenschutz eingemauert wurden.

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Ebenfalls ein Fall für die etwas härter Gesottenen sind die beiden Moormumien, über die es verschiedene Theorien gibt. So wurde etwa anfangs angenommen, es handele sich bei ihnen um einen Mann und eine Frau, was heute aber umstritten ist. Auch ließ sich bisher nicht nachvollziehen, wie die beiden zu Tode gekommen sind. Meist handele es sich bei Moorleichen aber um Mordopfer, erklärt Kurator Gerhard Hotz. In den Zuständigkeitsbereich des Anthropologen fällt auch die sogenannte "Dame aus der Barfüsserkirche", die vor 40 Jahren bei Grabungen gefunden wurde. Bei der Frau, die offenbar dem gehobenen Bürgertum entstammte, ließ sich unter anderem feststellen, dass sie vermutlich an Syphilis erkrankt war. Behandelt hatte man das, wie unter anderem von Paracelsus (1493-1541) empfohlen, mit Quecksilberdämpfen, die zum Tod geführt haben dürften.

Nach Südamerika und schließlich dann doch nach Ägypten geht es am Ende der Ausstellung. Hier werden detailliert von Menschen erdachte Methoden der Mumifizierung erläutert und nachvollziehbar gemacht. "Wir wollen die Besucher an der Forschung teilhaben lassen", erklärt Hotz. Für die Ägypter war es tatsächlich gleichsam überlebenswichtig, tote Körper möglichst vollständig zu erhalten, da sie glaubten, nur dann sei ihnen ein Weiterleben nach dem Tod beschert. Eine Bestattung im Wüstensand war da von Vorteil. Die Verwesung setzte indes ein, als man begann, Gruften für die hochgestellten Toten zu bauen. Deshalb habe, so Hotz, die Entwicklung der manipulierten Mumifizierung eingesetzt. Angewandt wurde sie interessanterweise mitunter auch auf Tiere.

Deutlich wird der forschende Ansatz der Basler übrigens auch an einem Ausstellungsstück, das gar nicht "live" mit dabei ist, bei "Ötzi", der mehr als 5000 Jahre alten Gletschermumie aus Südtirol. In Basel kann man dem Mann aus dem Eis, den sein Heimatmuseum in Bozen grundsätzlich nicht auf Reisen schickt, nämlich auf einem riesigen Touchscreen ungewöhnlich nahekommen. Diverse Lupen lassen sich darauf aktivieren, gleichzeitig finden sich Antworten auf viele Fragen und Berührungsängste sind hier unbegründet. Die Ausstellung, die in Kooperation mit dem Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museum gestaltet wurde, hat etwa die Hälfte der Exponate aus einem sogenannten "Mumienpool" übernommen, den die Mannheimer anbieten. Der andere Teil stammt entweder aus eigenen Beständen oder hat weitere Leihgeber.

"Mumien – Rätsel der Zeit", Naturhistorisches Museum Basel, Augustinergasse 2, Di-So 10-17 Uhr, bis 30.04.2017. Die Ausstellung begleitet ein ausführliches Rahmenprogramm. Info: http://www.nmbs.ch

Autor: Annette Mahro