Auf sinnliche Fühlung mit dem Kosmos

Ralf Burgmaier

Von Ralf Burgmaier

Do, 20. September 2018

Offenburg

Tim Otto Roth aus Oppenau sorgt in einer Schinkel-Kirche in Berlin-Mitte für rauschhaftes Erleben physikalischer Phänomene.

BERLIN. Ob sie in Oppenau und im Renchtal wissen, was der Oppenauer Tim Otto Roth in den zurückliegenden Wochen in Berlin so getrieben hat? Als "rätselhaft sphärisch wie das Universum" beschreibt Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung den Astroparticle Immersive Synthesizer³, der in der Kirche St. Elisabeth in Berlin-Mitte vom 29. August bis 16. September die Besucher faszinierte. Roths begehbares Klanglaboratorium, Titel [aiskju:b], bestehend aus 444 leuchtenden Lautsprechern, übersetzte Lichtbewegungen aus den Tiefen des antarktischen Eises, die vom Ice-Cube Neutrino Observatorium am Südpol gemessen werden, in einen vibrierenden Kubus von Klängen und Farben.

Tim Otto Roth denkt seine Kunst in kosmischen Dimensionen. Wie einst Leonardo da Vinci zu Zeiten der Renaissance wiedervereint er die – mittlerweile durch die Fixierung auf den Menschen entfremdeten – Geschwister Kunst und Naturwissenschaft. Das Ortenauer Kunstpublikum erinnert sich vielleicht noch an die große Einzelausstellung, welche die Städtische Galerie auf dem Offenburger Kulturforum Anfang 2016 ihm ausrichtete. Dort visualisierte der 44-jährige Künstler, Komponist und promovierte Kunstwissenschaftler etwa die in Mathematikerkreisen famose Zahl Pi und ihre Folgen spektakulär oder ließ eine Wasserorgel aus Plexiglas über ein von ihm selbst entwickeltes Computerprogramm mittels Selbstorganisationsprinzip Musik erzeugen.

Die neue Arbeit gleicht hingegen wieder mehr dem Heaven’s Carousel (Himmelskarussell), mit dem Roth im Sommer 2015 eindrucksvoll zum 300-jährigen Karlsruher Stadtjubiläum beigetragen hatte. Damals ließ er an einem Kranausleger, an langen Trossen, kugelförmige beleuchtbare Lautsprecher rotieren. Aus ihnen erklang eine am Computer erstellte Komposition Roths aus mikrotonalen Tonleitern, die die Rotation und den resultierenden Dopplereffekt für ihr rauschhaftes Klangerscheinungsbild nutzte.

Nun also wieder kugelförmige Lautsprecher, aber sie hingen dieses Mal unbewegt von der Decke der Berliner Elisabethen-Kirche in der Invalidenstraße, die übrigens ein Werk des großen klassizistischen Architekten Karl Friedrich Schinkel ist. Die Bewegung kommt diesmal vom Südpol.

"Die Licht-Klang-Installation vollzieht in Echtzeit Signale kosmischer Teilchen nach, die am Südpol von einer wissenschaftlichen Labor-Station registriert werden", beschreibt die Journalistin Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung das Setting. "Das Neutrino-Observatorium Ice-Cube ist der Impuls-Lieferant, und der Aufprall von Astropartikeln kommt, mitten in Berlin, als Klang-Wunder an."

Die Besucher konnten die kubische Form, in der die 444 beleuchtbaren Lautsprecher, an 37 Kabelsträngen von der Decke hingen, umschreiten oder sich dem Licht- und Klanggewitter, das je nach Teilchendichte durch den Kubus rauschte, noch intensiver aussetzen, indem sie sich auf Kissen in der abgedunkelten Kirche darunter legten. Wie schon beim Heaven’s Carousel oder bei der auf optische Weise psychedelisch wirkenden Visualisierung der Zahl Pi gelingt Tim Otto Roth auch beim [Aiskju:b] ein starker sinnlicher Zugang zu einem physikalischen Phänomen.

Doch Tim Otto Roth zieht schon zu seinem nächsten Projekt weiter nach Köln. Mit der Ausstellung "Schatten im Blick?" begibt sich das dortige Wallraf-Richartz-Museums mit der Fondation Corboud auf eine Spurensuche nach einem flüchtigen und schwierig darzustellenden Zeitgenossen: dem Schatten. Es ist eine geschichtliche Entdeckungsreise, bei der Besucher auf Werke unter anderem von Dürer oder Rembrandt treffen. Zur Eröffnung führt Tim Otto Roth am Donnerstag, 27. September, in einem Vortrag in das Konzept der von ihm kuratierten Kabinettausstellung in der Graphiksammlung ein. Die Ausstellung ist bis 13. Januar 2019 zu sehen.

Video der Wirkungsweise von [aiskju:b] mit Erläuterung unter http://mehr.bz/icecube