Aus Damaskus, Kopenhagen und Berlin nach Hausach

Wendelinus Wurth

Von Wendelinus Wurth

Di, 28. Juni 2016

Offenburg

HAUSACHER LESE-LENZ (1): Die Welt zu Gast im Schwarzwald.

HAUSACH. Den Charme von Luna Al-Mousli macht aus, dass sie die Kindlichkeit ihres Buchs auch im Gespräch mit dem Moderator Wolfgang Niess vom SWR bewahrt. Ihre 44 sprachlichen Miniaturen, die sie am Samstagabend in der Stadthalle beim Hausacher Lese-Lenz präsentierte, gespeist aus ihrer Kindheit in Damaskus, geben mehr Einblicke in die syrische Lebenswelt als viele politische Kommentare.

So scheint das Zusammenleben der Religionen in Damaskus kein Thema zu sein, wenn Al-Mousli als Muslima etwa berichtet, dass sie die christliche Klosterschullehrerin in ihr Gebet mit einbezogen hat. Das mag auch daran liegen, dass am Lehrertag Lehrerinnen und Lehrer von den Schülern beschenkt werden (müssen), weil sonst die notwendigen günstigen Noten ausbleiben. Die Geschenke vergleichen die Lehrer natürlich auch untereinander und können schon mal Goldschmuck oder Maßanzüge sein. Das geht so weit, dass die Lehrer die Schüler vor der Klasse rüffeln, wenn das Geschenk nicht adäquat ausgefallen ist. Ganz subtil lernen die Schüler so nicht nur die Regeln der Korruption, sondern auch der Diplomatie. Im Vergleich zur Erstauflage enthält die Neuauflage die Fotos aus Al-Mouslis Familienalbum nicht mehr, die im Gegensatz zu den Strichzeichnungen eine ganz eigene Geschichte erzählen.

Ganz anders die Welt, in die Matthias Göritz Einblicke gibt: Anschaulich kehrt er die Innenwelt eines eitlen, launischen Produzenten, der vor allem über den dänischen Regisseur Lars von Trier herzieht, nach außen, erklärt zwar seinem Interviewer, dass alles "off the record" sei, kann sich aber in seiner lustvollen Tirade einfach nicht bremsen. Ob sich das Interview tatsächlich so abgespielt hat, bleibt angesichts der Bemerkungen des Interviewers unklar.

Eine Geschichte ganz eigener Art hat Lena Gorelik erlebt, die von Berlin nach Stuttgart fliegen wollte, aber nicht konnte und schließlich den Zug nehmen musste. Dass man an einem Flugschalter nicht einmal eine Bahnfahrkarte ausdrucken konnte, spricht Bände. Ihr Fazit: "Man glaubt gar nicht, wie groß Deutschland ist, wenn man von Berlin nach Hausach Bahn fährt."

Sanela, die Erzählerin ihres Romans "Null bis endlich" erzählt über die drei Männer, die sie geliebt hat, und ihren Jungen. Der erste, nicht überraschend, war ihr Vater, von dem sie vor allem erinnert, dass er sie immer gerade so fest gehalten hat, dass sein Bart nur kitzelte und nicht schmerzte. Ihr zweiter Mann war Akkan, ein Moslem, dessen Dreitagesbart anders als der des Vaters kitzelte. Auch sonst fielen ihr vor allem die vielen Haare des Mannes auf und – dass er die Freundin immer mit dem Motorrad abholte. Nummer drei im Bunde war Clemens, blond. Ihr fehlten vor allem seine fehlenden Haare. Seine Küche, er kocht leidenschaftlich gern, war so sauber, dass sie sich davor ängstigte. Im Gegensatz zu Nummer zwei war er Fahrradfahrer – und gerade als sie mit ihrem Jungen schwanger ging, starb der Vater bei einem Verkehrsunfall. Mit einem Brief an ihren Sohn lässt sie die Zuhörer hängen . . .