Fransenflügler

Bio-Lehrer weist neue Insektenart in Mitteleuropa nach

Pascal Cames

Von Pascal Cames

Fr, 17. Januar 2014 um 12:00 Uhr

Offenburg

Ein Offenburger Waldorflehrer fängt ein Insekt ein, weil er einer Schülerin zeigen will, wie man richtig keschert – und entdeckt dadurch ein in Europa bisher unbekanntes Kerbtier. Die Geschichte des Tylothrips osborni.

Seit Dezember 2013 ist die Insektenfauna Mitteleuropas offiziell um eine Art reicher. Entdeckt wurde das Kerbtier mit dem wissenschaftlichen Namen Tylothrips osborni von dem promovierten Biologen und Offenburger Waldorflehrer Manfred Ulitzka (44) bereits im Juli 2012 in Ortenberg. Der Nachweis wurde nun in der Fachzeitschrift Carolinea, die vom Naturkundemuseum Karlsruhe herausgegeben wird, publiziert.

"Ganz am Rande des Netzes krabbelte der Winzling, und ich habe sogar gezögert, das Tier mitzunehmen."

Manfred Ulitzka
Tylothrips osborni ist nur knapp zwei Millimeter lang und gehört in die Insektenordnung der Fransenflügler, die man auch unter den Namen Thripse, Gewittertierchen oder wissenschaftlich als Thysanopteren kennt. Ursprünglich stammt die Art aus Nordamerika.

Der Offenburger Waldorflehrer für Biologie und Chemie Manfred Ulitzka forscht seit vielen Jahren intensiv an diesen Insekten, hat eine der größten Belegsammlungen in Europa aufgebaut und sich zu einem weltweit angesehen Spezialisten für Fransenflügler etabliert. Jeder seiner Spaziergänge oder Ausflüge wird zur Exkursion, denn immer ist er mit den Utensilien zum Fang dieser Tiere ausgerüstet.

Erst zögerte er, das Tier überhaupt mitzunehmen

Dennoch ist die Entdeckung der neuen Insektenart einer Verkettung glücklicher Zufälle zu verdanken. Der Insektenforscher erinnert sich genau an jenen Tag, an dem er einer Schülerin, die ihm angeboten hatte, Fransenflügler von einer Reise mitzubringen, zeigen wollte, wie man diese fängt. "Es war ein extrem warmer Sommertag und ich wollte nicht weit laufen, nur um zu zeigen, wie man die Tierchen aus der Vegetation abkeschert. Der Parkplatz in Ortenberg oberhalb des Weingutes bot sich an. An einem Haufen aufgeschichteter alter Rebstöcke, der mit Brennnesseln dicht durchwuchert war, klopfte ich Insekten auf ein Klopfnetz. Ganz am Rand des Netzes krabbelte der Winzling, und ich habe sogar gezögert, das Tier mitzunehmen, da ich zunächst der Meinung war, dass es sich um eine Art handelt, die ich bereits mehrfach in meiner Sammlung habe."

Unterscheiden und bestimmen kann man die winzigen Insekten erst unter dem Mikroskop, erklärt Manfred Ulitzka. Dort stellte sich sofort heraus, dass der Fang jenen Tieren glich, die der Biologe von zahlreichen Exkursionen aus Südamerika mitgebracht hatte. Weitere Recherchen führten auf die in Nordamerika verbreitete Spezies Tylothrips osborni.

Schäden durch Tylothrips osborni sind nicht zu erwarten

Wie und wann diese Art nach Europa gelangte, ist offen. Eventuell könnten die kleinen Insekten bereits Ende des 19. Jahrhunderts mit amerikanischen Unterlagsreben, welche gegen Rebläuse eingesetzt wurden, importiert worden sein. Fransenflügler werden aber auch heute noch trotz intensiver Kontrollen der Pflanzenschutzdienste immer wieder mit Handelsgütern über Kontinente hinweg verfrachtet und finden als Neozoen – das sind Arten, die in neue Gebiete eingeschleppt wurden und sich dort ansiedeln – in fremden Gebieten Lebensraum: oft mit gravierenden ökologischen und wirtschaftlichen Folgen.

Angeführt wird die Liste der Schad-Thripse vom Kalifornischen Blütenthrips (Frankliniella occidentalis). In den vergangenen 25 Jahren konnte sich die Art, deren Verbreitungsschwerpunkt ursprünglich im Südwesten der USA lag, durch Verschleppung nahezu weltweit verbreiten. Heute ist der Kalifornische Blütenthrips einer der gefürchtetsten Pflanzenschädlinge und gilt als Überträger gefährlicher Pflanzenviren, wie dem Tomatenfleckenbronzevirus. Der geschätzte Schaden durch diese Art: weltweit mehrere Millionen Euro pro Jahr.

Die Ortenauer Winzer und Obstbauern dürfen aber beruhigt sein. Für die neu erfasste Art gibt Manfred Ulitzka Entwarnung: Schäden durch Tylothrips osborni sind nicht zu erwarten, da sich dieser Fransenflügler gar nicht nicht an Pflanzen, sondern durch Saugen an Pilzgeflechten ernährt.

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