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07. Juni 2011
Das Gegenteil von Ausschließen
Bildungsregion veranstaltete Forum zum Thema Inklusion.
OFFENBURG (rob). Die Inklusion Behinderter in die Bildungssysteme – darunter versteht man im engeren Sinn das Recht für Menschen mit Behinderungen, eine Regelschule zu besuchen – wird derzeit stark diskutiert. Schon deshalb, weil dies eine große finanzielle Anstrengung bedeutet. Die "Bildungsregion Ortenau BRO" verstaltete dieser Tage in der Aula der Waldorfschule Offenburg ein Bildungsforum zum Thema Inklusion, das stark besucht war.
Erst kürzlich erklärte der Rektor der größten Realschule des Ortenaukreises, Klaus Lienert von der Realschule Oberkirch, dass ein Rollstuhlfahrer seine Schule vor Probleme stellen würde, da man keinen Aufzug habe und angesichts der stark beengten räumlichen Situation im Grunde auch der Platz dafür fehle. So dürfte es bei vielen Schulen im Kreis aussehen.Wie Peter Cleiß, Vorsitzender der Bildungsregion, erklärte, wollte man Informationen zur Inklusion geben und das Thema in die Öffentlichkeit tragen.
Die interessantesten Einblicke gaben Personen, die tagtäglich und auf ganz direkte Weise mit dem Thema Behinderung zu tun haben. So der 20-jährige Schüler Nico Uhl, der im Rollstuhl sitzt. Der stark körperbehinderte junge Mann hat soeben sein Abitur bestanden. Manche der Erlebnisse, die er dem Auditorium schilderte, muten wie ein schlechter Witz an. So musste er vor der Einschulung in eine Regelschule einen Test über sich ergehen lassen, ob seine geistigen Fähigkeiten für die Grundschule ausreichen.
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Als er später eine Gymnasialempfehlung erhielt, erklärte ihm ein Pädagoge, er werde auf dem Gymnasium "untergehen". Im Gymnasium wurde ein Laptop als Schreibhilfe notwendig. Die Finanzierung des Geräts geriet zur Farce: "Keine Stelle wollte zuständig sein, jede schob es auf eine andere." Hilfsbereitschaft habe er andererseits reichlich erfahren, durch Klassenkameraden wie durch andere Menschen. So habe der Hausmeister seiner alten Grundschule für ihn eigens eine Rampe gebaut. Im Kindergarten habe er eine Assistenz gehabt, in der Schule einen Zivi: "Ich brauche Hilfe beim Hefte rausholen oder beim aufs Klo gehen." Dass er in der Öffentlichkeit mit Neugier betrachtet werde, mache ihm nichts aus. Das sei hier normal. Er habe mehrfach die USA besucht, dort würden Behinderte mehr als Teil des Ganzen gesehen, auch durch Kinder. Alle öffentlichen Gebäude seien barrierefrei. In Deutschland sei man da noch weit davon weg.
Sigrun Hertenstein unterrichtet in der Grundschule Rammersweier hörbehinderte und normal hörende Kinder in einer gemeinsamen Regelklasse – im Tandem, mit einer Kollegin. Der Tandem-Unterricht käme allen Kindern zugute. Man habe einfach den Raum, sich um jene Kinder intensiv zu kümmern, die eine bestimmte Sache langsamer verarbeiten. Der Zusammenhalt sei groß, eine Trennung zwischen hörbehinderten und normal hörenden Kindern sei nicht zu bemerken. Auch reagierten die Eltern alle positiv.
Laut Gottfried Böhler vom Staatlichen Schulamt Offenburg besuchen derzeit im Ortenaukreis 100 Schüler mit Behinderungen eine Regelschule, zusätzlich gebe es 16 Außenklassen. Das sind Klassen einer Sonderschule, die zeitweise gemeinsam mit Kindern einer Regelschule Unterricht haben. Ein Großteil werde nach wie vor in Sonderschulen unterrichtet, für Hörbehinderte, Sehbehinderte, geistig Behinderte, Mehrfach-Behinderte. Sie sollen künftig in allgemeine Schulen eingeschult werden. Mit dem Thema beschäftige sich eine Koordinierungsgruppe am Staatlichen Schulamt, in dem alle Schularten vertreten seien.
Dass Inklusion – auch die in den gesellschaftlichen und beruflichen Alltag – zunächst einmal Geld kostet, ist nicht zu leugnen: Rampen, Aufzüge, selbsttätig sich öffnende Türen, vom Rollstuhl aus erreichbare Terminals, behindertengerechte Toiletten. Dafür braucht es eine gesellschaftliche Akzeptanz. Inklusion sei schwer zu erklären, sagte Cleiß: "Man begreift das Wort am ehesten, wenn man sich sein Gegenteil vorstellt: die Exklusion, das Ausschließen. Und Menschen auszuschließen – das kann keiner ernsthaft wollen."
Autor: rob
