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30. November 2009

"Das ist ein Mittel, um Frauen gefügig zu machen"

BZ-INTERVIEW mit Annette Nehberg aus Offenburg, die sich weltweit gegen die Genitalverstümmelung von Frauen stark macht

  1. Annette Nehberg mit einem Schützling Foto: PR

OFFENBURG. Der Tag gegen Gewalt an Frauen und die Fahnenhissaktion am Samstag, 28. November, stand in diesem Jahr im Zeichen des Kampfes gegen Genitalverstümmelung an Mädchen und Frauen. Gertrude Siefke fragte bei Annette Nehberg von der Menschenrechtsorganisation Target nach, die in Offenburg eine Ausstellung zum Thema zeigt.

BZ: "Target" heißt auf Englisch "Ziel": Was ist das vorrangige Ziel Ihrer Hilfsorganisation?
Annette Nehberg: Unser Ziel ist die Beendigung des Verbrechens von Genitalverstümmelung an Mädchen – und zwar mit dem Partner Islam. Das ist das Besondere an unserer Arbeit und hat den Hintergrund, dass die Verstümmelungsländer zu 85 Prozent islamisch geprägt sind. Wir haben jetzt die höchsten Muslime der Welt als Mitstreiter. Allerdings muss man sagen, dass in diesen Ländern auch andere Religionen diesen 5000 Jahre alten Brauch praktizieren, auch Christen.
BZ: 6000 Mädchen werden täglich an ihren Genitalien verstümmelt – wobei diese Zahl eine Schätzung ist. Wie kommt man auf diese Zahl?

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Nehberg: Die Zahl ist eine Schätzung der UNO. Ich gehe davon aus, dass Studien gemacht wurden – wie die Realität wirklich ist, lässt sich schwer nachweisen.
BZ: Was sind die Gründe für solch einen Eingriff?
Nehberg: Fast immer wird als Grund die Religion genannt, die die Verstümmelung vorschreiben würde. Da wird der Glaube missbraucht. Dann gibt es Begründungen wie: Sonst sind die Frauen nicht treu, lassen sich mit jedem Mann ein. Es gibt auch Ideen wie: sonst wachsen die Schamlippen bis auf die Knie, riechen übel und sogar, dass die Geburten leichter wären, je mehr weggeschnitten sei. Sicher ist es ein Mittel, Frauen gefügig zu machen.
BZ: Mit welchen physischen und psychischen Konsequenzen müssen die Mädchen und Frauen leben?
Nehberg: Das beginnt damit, dass bei der schlimmsten Form, der sogenannten "pharaonischen oder sudanesischen Beschneidung", jedes dritte Mädchen nicht überlebt. Wegen des Schocks, durch Blutverlust, durch Infektionen infolge unhygienischer Bedingungen. Als Werkzeuge dienen ja mehrfach gebrauchte Rasierklingen, rostige Messer, Dosendeckel, Scherben. Die Mädchen sind traumatisiert und ihrer Würde beraubt. Oft werden die Wundränder zugenäht und es bleibt eine Öffnung in Größe eines Reiskorns. Unvorstellbar, was die Mädchen dann bei ihrer Menstruation erleiden, da das Blut nicht abfließen kann. Es kommt zu Stauungen, Krämpfen bis hin zu Unfruchtbarkeit. Die Frauen erleben in der Hochzeitsnacht und bei Geburten das nächste Trauma. Das Narbengewebe ist nicht elastisch, wird von Ehemann und Hebamme gewaltsam geöffnet. Die Geburt ist für diese Frauen mit ihren Kindern ein enormes Risiko.

BZ: Was und wen wollen Sie mit der Ausstellung in Offenburg erreichen?
Nehberg: Nun, Offenburg ist meine Heimatstadt und ich freue mich sehr über das Engagement von Familie Haas, die die Ausstellung initiiert hat. Die Schau soll aufklären. Es gibt auch hier Kinder, in deren Herkunftsländer der Brauch Alltag bedeutet und die in der Gefahr leben, bei einem Heimaturlaub verstümmelt zu werden. Die Unterstützung der Offenburger ist mir besonders wertvoll, weil ich hier 40 Jahre lang gelebt habe. Vielleicht gründen wir hier eine Außenstelle von Target.
BZ: Was lässt sich überhaupt von Deutschland aus erreichen?
Nehberg: Alles und Nichts. Hier ist unsere Heimat, hier können wir durch die Technik und Ordnung unsere Hilfsprojekte planen und betreuen. Dann allerdings gehen wir vor Ort. Wir haben mit den höchsten Religiösen des Islam ein so genanntes goldenes Buch konzipiert. Die Kernaussage lautet: Weibliche Genitalverstümmelung ist ein Verbrechen, das gegen höchste Werte des Islam verstößt. Es ist Sünde. Das Buch wird in Deutschland gedruckt und zurzeit in drei Ländern den Imamen als Predigtgrundlage kostenlos zur Verfügung gestellt. Es ist auch für uns immer wieder unglaublich, welche Türen uns geöffnet werden.
BZ: Wie kamen Sie zu Target?
Nehberg: Auf Umwegen. Ich wollte schon als Zwölfjährige den Indianern helfen und Ärztin werden. Das wurde nichts. Ich wurde Arzthelferin, aber der Wunsch blieb. Meinen Mann Rüdiger Nehberg – wir sind seit August verheiratet – lernte ich 1997 bei einem Vortrag in der Offenburger Stadthalle kennen. Die gemeinsame Passion für Menschenrechte brachte uns zusammen und wir gründeten Target, als uns klar war, dass man etwas gegen Genitalverstümmelung an Mädchen machen kann.
Die Ausstellung wird bis 13. Dezember im Foyer der Volkshochschule, auf dem Kulturforum, gezeigt.

Autor: ges