"Das Patriarchat ist zu Ende, wir sind mittendrin im Aufbruch"

Barbara Puppe

Von Barbara Puppe

Fr, 04. März 2016

Offenburg

Die Sozialethikerin Ina Praetorius diskutiert in Offenburg ihre Thesen zu einer Weltwirtschaftsordnung, die armen Ländern und Frauen mehr Gerechtigkeit widerfahren lässt.

OFFENBURG. Wie kommt es, dass der größte Wirtschaftsfaktor, die unbezahlte Hausarbeit, von viel mehr Frauen als Männern gratis geleistet wird, dass diejenige Bedürfnisbefriedigung, für sich und andere zu sorgen, in der Ökonomie kaum eine Rolle spielt? Die Sozialethikerin Ina Praetorius analysierte in ihrem Vortrag "Wirtschaft ist Care: Die Wiederentdeckung des Selbstverständlichen" im Gemeindezentrum der evangelischen Stadtkirchengemeinde diese Schieflage der Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung.

Spätestens die griechische Klassik habe eine Grenze gezogen zwischen höheren und niedrigen Sphären, zwischen Geist und Körper, Herrschen und Dienen, erläuterte die Referentin. Auch Immanuel Kant sei nur im Prinzip der revolutionären Meinung gewesen, alle Menschen seien "Vernunftwesen", gleichzeitig habe er Frauen die vollumfängliche Vernunftbegabung abgesprochen. Seit die UNO im Jahre 1980 zusammengefasst hat: "Frauen stellen die Hälfte der Weltbevölkerung dar, verrichten nahezu zwei Drittel der Arbeitsstunden, erhalten ein Zehntel des Welteinkommens und besitzen weniger als ein Hundertstel des Weltvermögens" habe sich zwar einiges getan, "trotzdem erfahren wir die Folgen der zweigeteilten Welt", sagte Praetorius. Diese identifiziere das Höhere mit Männlichkeit, Geist, Freiheit und Kultur, das Niedere mit Weiblichkeit, Körperlichkeit, Dienstbarkeit und Natur. Dabei müsse doch klar werden, "dass niemand reiner Geist ist, wir alle sind Natur, und wenn wir die zerstören, zerstören wir uns selbst." Obwohl von Finanz-, Wirtschafts-, Banken- oder Umweltkrisen die Rede ist, hat die Sozialethikerin eine hoffnungsvolle Botschaft: "Das Patriarchat ist zu Ende, wir sind mittendrin im Aufbruch." Indizien dafür seien unter anderem Angela Merkel, Barack Obama oder Papst Franziskus, das Projekt Bedingungsloses Grundeinkommen, interreligiöse Dialoge, feministische Theologie oder die Care Revolution. Eine Ökonomie der Sorge und Fürsorge entstehe nicht durch Umsturz, sondern durch unterschiedliche Initiativen, die sich für eine fürsorgliche Gesellschaft einsetzen.

Im anschließenden Gespräch, moderiert von Clemens Bühler vom katholischen Bildungszentrum berichteten Klaus Schorn von der Interessengemeinschaft Bedingungsloses Grundeinkommen, Jochen Walter, Eine-Welt-Promotor beim Weltladen Regentropfen, Claudia Roloff, Leiterin der evangelischen Erwachsenenbildung und die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Offenburg, Regina Geppert von solchen Initiativen in Offenburg und Umgebung. Die Ideen seien hier angekommen, sagte Geppert. Sie sprach sich für ein bedingungsloses Grundeinkommen aus, da viele Frauen im Alter mit weniger als 1000 Euro im Monat auskommen müssten. Jochen Walter wies darauf hin, dass im fairen Handel Gleichberechtigung zwischen reichen und armen Ländern erklärtes Ziel sei. Auch sei Anfang 2014 der Verein SoLaVie -Ortenau e.V. gegründet worden, wo es darum gehe, dass Menschen, die für die Produktion der Lebensmittel zuständig sind, auch fair bezahlt würden. Für Pfarrerin Claudia Roloff sind die zahlreichen Helfer, die sich ehrenamtlich für Flüchtlinge einsetzen, ein hoffnungsvolles Zeichen der Überwindung des zweigeteilten Denkens. "Die einen haben es nötig, dass andere sich um sie kümmern, die anderen können ihren Horizont erweitern und in Begegnungen und sozialem Ausgleich Sinn erfahren." Das bedingungslose Grundeinkommen würde die Welt nicht automatisch in ein Paradies verwandeln, schränkte Klaus Schorn ein, sei aber ein Einstieg, der Spielräume ermögliche.