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24. März 2016

Der große Gegenentwurf

Peter Weibel erklärt in Tim Otto Roths Ausstellung dessen höchst attraktive Modernekritik.

  1. Zwei, die sich schätzen und unterstützen in ihrer gemeinsamen Mission, die Kunst aus der romantischen Sackgasse zu holen: Tim Otto Roth (links) und der Leiter des ZKM in Karlsruhe, Peter Weibel. Foto: Peter Heck

OFFENBURG. Auch wenn der Ausstellungstitel "XX oder der Mummelsee in der Pfanne" es suggerieren könnte: Der 1974 in Oppenau geborene Künstler Tim Otto Roth haut in seiner Ausstellung in der Galerie der Stadt Offenburg keineswegs seine Heimat Schwarzwald in die Pfanne, sondern verbindet Naturwissenschaft und Kunst auf modernekritische Weise zu einer ganz eigenen Ästhetik, die dem Auge gefällt und den Intellekt anregt.

Roth hat am Sonntagabend den Leiter des ZKM in Karlsruhe, Peter Weibel, zum Künstlergespräch eingeladen. Und bei dem landete dann die gesamte künstlerische Moderne seit Duchamp in die Pfanne mit dem vernichtenden Diktum, sie sei ein "verlottertes System", in dem der Markt regiere und die Geste mehr zähle als der Inhalt. Zudem missachte die Moderne die wissenschaftlichen, welterklärerischen, sogar handwerklichen Grundlagen der Kunst. Marcel Duchamps berühmte Frage "Wer kann etwas Besseres machen als diesen Propeller?", die in der Ausstellung zitiert wird, verweise zwar richtig darauf, dass Wissenschaftler der Kunst überlegen seien, ziehe aber nicht die richtigen Schlüsse daraus, nämlich, dass Künstler auch Wissenschaftler sein müssten, so Tim Otto Roth. Bei Roth fänden physikalische Grundlagenforschung und Kunst idealtypisch zusammen, befindet Peter Weibel, so wie das in der Kunst bis zur Romantik üblich war. Leonardo Da Vinci ist einer der Gewährsmänner Weibels für diese These, aber auch Rembrandt, dessen Lichtreflexe Ergebnis wissenschaftlicher Überlegungen und Experimente gewesen seien. Dagegen sei die Kunst eines Andy Warhol nur Siebdruck und Verkaufsgenie, Yves Kleins leerer Raum nur heiße Luft, und Édouard Manets "Frühstück im Grünen" geißelt er als kalkuliertes "Sex sells"-Produkt. Dass die Kunsthochschulen nicht mehr die "Schönen Künste" pflegten, sondern programmatisch in Hochschulen für Gestaltung umbenannt wurden, ist Weibel ein Zeichen für die Sinnentleerung der Kunst, die "keine neuen Türen zur Wahrnehmung, keine neuen Interpretationen der Welt" mehr liefern wolle, und zudem noch – wie Kanzlerin Merkel – behaupte, das gehe in der heutigen Zeit nicht anders. Den Gegenbeweis trete Tim Otto Roth an, der sich intensiv mit den technischen Grundlagen der Wahrnehmung, mit der Physik von Licht und Klang befasst und daraus Bilder, Objekte und Klanginstallationen macht, die sich durch eine intuitiv zugängliche Ästhetik auszeichnen, die zugleich die wissenschaftliche Entwicklung der Neuzeit einbezieht.

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Weibel vergleicht diesen Zugang mit dem Fortschritt in der Medizin, in der es zwar auch eine quasi romantische Sehnsucht nach Ursprünglichkeit gebe, aber doch jeder froh sei, dass die bildgebenden, hochmodernen Untersuchungsmethoden bestehen, die mehr Informationen – und größere Heilungschancen – liefern als ein Stethoskop. Der angeblichen Unzugänglichkeit zeitgenössischer "nachmoderner" Kunst setzt Weibel Fakten entgegen: "Das ZKM in Karlsruhe hat mehr Besucher als die Staatsgalerie in Stuttgart." Außerdem sei das Verständnis alter Kunst oft nur gefühlt. "Die allegorischen Bezüge der Renaissancekunst kennen die Betrachter auch nicht". "Verstand mitbringen wäre allerdings gut", wenn man eine Ausstellung zum Beispiel von Tim Otto Roth besuche, meint Weibel mit ironischem Unterton.

"XX oder der Mummelsee in der Pfanne". Bis 29. Mai in der Städtischen Galerie Offenburg, Di - Fr 13-17 Uhr, Sa, So 11-17 Uhr.

Autor: Juliana Eiland-Jung