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04. Juni 2011

Der Traum vom Fliegen

100 JAHRE FLUGPLATZ OFFENBURG: Mit der Landung des Deutschen Zuverlässigkeitsfluges beginnt 1911 eine wechselvolle Offenburger Geschichte.

Am 21. Mai 1911 wird ein Traum Wirklichkeit: Offenburg erhält Anschluss an den Luftverkehr. An jenem Tag macht der Deutsche Zuverlässigkeitsflug mit sechs Flugzeugen Station auf dem damaligen Exerzierplatz. Die Bevölkerung verbringt zwei Tage lang in freudiger Erwartung, der Schulunterricht fällt aus, die ganze Stadt versammelt sich auf dem Gelände, das von da an im Sprachgebrauch der Offenburger zum Flugplatz wird. Dies geht aus einer kleinen Broschüre hervor, die Segelflieger Michael Joachim, Mitglied der 1929 gegründeten Fliegergruppe Offenburg, zusammengestellt hat. Aus ihr ist zu erfahren, dass nach dem Ersten Weltkrieg 1919 der "Bund Deutscher Flieger" die Stadt ersucht, den Exerzierplatz ständig für seine Zwecke gebrauchen zu dürfen. Seither gibt es hier nur noch eine fliegerische Nutzung. Allerdings gilt der Versailler Vertrag, und das Offenburger Gelände liegt in der neutralen entmilitarisierten 50-Kilometer-Zone. Offizielle Fliegerei wird erst 1929 möglich, als die Besatzungsmächte ausnahmsweise zwölf Flugplätze innerhalb der neutralen Zone zulassen, darunter Offenburg. Noch im selben Jahr gründen elf Männer im Zähringer Hof die Fliegergruppe Offenburg. 1933 werden die Geräte und Einrichtungen aller Fliegergruppen von den Nationalsozialisten zum Deutschen Luftsportverband, hier vertreten durch die Ortsgruppe Offenburg, gleichgeschaltet. 1934 bekommt Offenburg einen Flugplatz mit Hangar, erbaut in Eigenleistung der Flieger; der Flugplatz hat aber noch keine allgemeine Betriebsgenehmigung. Ein Jahr später wird der öffentliche Flugbetrieb genehmigt unter der Bedingung, einen Flugleiterdienst einzurichten. 1941 erhalten die Flieger einen Pachtvertrag über ihr Vereinsgebäude, während des Krieges wird der Flugplatz bis 1944 für den Segelflug benutzt, später von den Alliierten als Panzerübungsgelände zerpflügt.

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Der Wiederaufbau beginnt 1950. Ein Jahr später wird ein erster Deutscher Modellflugtag auf dem Areal veranstaltet. Der Flugplatz wird eingeebnet und trockengelegt.

Der Verein verfügt inzwischen über zwei Segelflieger vom Typ Grunau Baby. 1955 wird auch das Motorfliegen wieder zugelassen, in Offenburg allerdings nur für einige private Flugzeuge. Bereits seit 1949 werden von der Firma Burda mit einer Schweizer Maschine Werbebanner geschleppt, ab 1949 verfügt das Unternehmen über eine eigene "Piper". Senator Franz Burda war über viele Jahre eine stark fördernde Kraft. Mit Erfolg kämpft die Fliegergruppe um den Erhalt des Platzes, über den der neue Südring verlaufen soll: Nach Protesten wird diese Umgehungsstraße nach Norden verlegt.

Ende der 50er Jahre sind fünf Motorflugzeuge in Offenburg stationiert. Der Motorflugschulbetrieb beginnt in den 60er Jahren. 1967 wird der Flugplatz zum öffentlichen Verkehrslandeplatz, 1972 erreichen die Flugbewegungen mit 22 000 ihren Höchststand.

Eine neue Ära beginnt 1976 mit dem Bau der heutigen Landebahn in der günstigeren Ausrichtung nach dem Wind im Rheintal. Windenstarts der Segelflieger sind allerdings wegen der Behinderung des Motorflugs nicht zugelassen. Für die Fliegergruppe ist die Entwicklung zunächst nicht erfreulich: Ein neues Clubheim muss gebaut werden, auf dem neuen Verkehrslandeplatz mit Asphaltpiste werden die Hobbyflieger als Störfaktor empfunden. 1979 wird das neue Vereinsgelände angelegt.

Im Zuge der Neuausrichtung des Lahrer Flugplatzes nach dem Abzug der kanadischen Streitkräfte erfolgt 1997 die Rückstufung zum nicht mehr öffentlichen Sonderlandeplatz. Die Fliegergruppe pachtet den Flugplatz und betreibt ihn seither in Eigenregie. Wegen des stark eingeschränkten Motorflugs wird der Windenbetrieb für die Segelflieger zunächst wieder erlaubt. Die Segelflugausbildung erlebt dadurch einen Aufschwung. Mit dem Bau des neuen Gefängnisses wird der Windenbetrieb dann erneut untersagt: Es könnte ja sein, dass das Seil ins Innere der JVA fällt und sich ein Gefangener daran in die Freiheit hochzieht...

Als Ersatz für die überbaute Segelfluglandebahn legt das Land eine neue Grasbahn neben der Asphaltpiste an. Für die Fliegergruppe steht fest: "Der Offenburger Flugplatz ist ein kleiner und unersetzlicher Schatz."

Auf einem großen Flugplatz wie Lahr oder Söllingen wäre der Flugsport nur ein wirtschaftliches Hindernis. Michael Joachim: "Es lohnt sich, für den Erhalt des Flugplatzes zu kämpfen, er ist nicht zu ersetzen."

Autor: ges