Dialekt ist mehr als nur eine "Sproch"

Heidi Ast

Von Heidi Ast

Fr, 11. August 2017

Offenburg

Der Offenburger Lesesommer widmet der Mundart einen Abend mit Alemannisch, Schwäbisch, Elsässerisch und (Mosel-)Fränkisch.

OFFENBURG. Der Dialektabend im Rahmen des Offenburger Lesesommers ist eine besondere Herausforderung für Leser und Zuhörer. Selbst dem lokalsprachlich geübten Ohr kommen hier Worte unter, die auf Hochdeutsch für einiges Amüsement sorgen.
Premiere an diesem Mittwoch: Wegen des schlechten Wetters muss der Lesesommer erstmals ins Grimmelshausen Gymnasium verlegt werden. Den Anfang im prall gefüllten Vorraum der Schule macht Margot Müller auf Elsässer-Ditsch.

Sie liest aus Marie Harts Werk "Os unsere Franzosezit" – ein ehemals verbotenes Buch, über die harte Zeit der Elsässer nach dem Ersten Weltkrieg. Lakonie und Elsässer Wortwitz nehmen der schrecklichen Behandlung durch die französischen Befreier nur bedingt die Härte. "Erst die Wacht am Rhi und dann die Marseillaise blose. Des kann scho Dissonanze gäbe." Zwangsausweisung aus der Heimat für Menschen, die plötzlich nicht mehr passen, war und bleibt für alle ein schweres Schicksal.

Auch der Vortrag von der aus Freising stammenden Marieluise Göppert erhält durch ihren Geburtsdialekt einen hohen Authentizitätsfaktor. Die Thematik ist gegenwärtiger und behandelt die stoisch humorige Sicht auf die bessere Hälfte, die sich schon beim ersten Date verfährt. "Folsche Stroß, falsche Stadt oder Misthaufen" – so enden auch zukünftig die Fahrten. Und damit wird der Autorin Sieglinde Ostermeier klar, dass das erste Date nicht absichtlich in den Schlamm gesetzt wurde. "Monnsbilder frogen net noch dem Weg." Welche Frau kennt das nicht? Der zweite Teil handelt von modernen Erziehungsmethoden durch Ratgeber. Sie selbst wurde mit "Plärre losse und ab und zu nackert in die Sonn lege, damit se net rachitisch werre" in die Mutterschaft entlassen.

"Plärre losse und ab und zu nackert in die Sonn’ lege"

Schwer oberland-schwäbisch geht es mit Gertrudis Weiß zur Sache. Sie liest aus Marlies Grötzingers "Sapperlott". Es besteht aus kurzen Sätzen und ist weniger eine zusammenhängende Geschichte, denn einzelne, kurze Szenen. Viele Feinheiten sind dann doch erklärungsbedürftig, Weiß gibt Hilfestellung. "Die ’Adelskronen Gang’ hip-hoped am Seniorennachmittag und Germanischten wisset alleweil oals besser."

Franz-Friedrich Müller, der einzige der heutigen Leserriege, ist der Moselfranke des Abends. Breit und mit jeder Menge "Ääähs" ist die Sprache per se für Humoriges bestens geeignet. Nein, so wirklich Ernsthaftes kann man in diesem Dialekt anscheinend nicht transportieren. Und selbst wenn man es versucht, klingt es dennoch ungewollt lustig. Er hat verschiedene Geschichten im Gepäck, um die 15 Minuten zu füllen, bevor das unbarmherzige Glöckchen geläutet wird.

Die letzte Vortragende des Abends, Monika Röschmann, hat sich das Werk des pensionierten Fessenbacher "Ditschlehrers" Ludwig Hillenbrand ausgesucht. "E Kindheit im Dorf" – "I schriib schu sit viele Johre alemannischi Texte", erklärt er auf der Seite der Muettersprochgesellschaft. "Erscht wu-n-i unde uff d’ Kurv’ zuegfahre bin, hawi gmerkt, dass des emend zu rasant kinnt siin." Er gibt einen Einblick in seine Jugend in der elterlichen Gastwirtschaft in Fessenbach. Lakonischer Witz gepaart mit einem gerüttelten Maß an Wahrhaftigkeit schaffen auch bei diesem Werk große Authentizität. Dialekt ist eben mehr als nur eine "Sproch".